Kein Team hat an der bisherigen EM bislang so überzeugend gespielt wie die Spanier. So sind die Iberer die einzigen, welche sämtliche fünf Partien für sich entscheiden konnten. Dies, obwohl der Weg in den Halbfinal kein einfacher war: In der Gruppe musste Spanien gegen Titelverteidiger Italien und Kroatien ran, im Viertelfinal gegen den starken Gastgeber Deutschland.
Doch nicht nur die Resultate sprechen für die Spanier. Auch die Art und Weise, wie die Siege zustande kamen, überzeugte. Luis de la Fuente lässt die Spanier in ihrem klassischen 4-3-3 auflaufen, aber dabei nicht den typisch spanischen Ballbesitzfussball spielen. Die Spanier setzen auf schnelle Angriffe über die Aussenbahn, wo die jungen Nico Williams und Lamine Yamal immer wieder für Gefahr sorgen. Zehn Tore erzielten die Iberer dadurch schon, so viele wie sonst nur Deutschland. Und mit fast 2 Expected Goals pro 90 Minuten hatte Spanien mit Abstand die meisten Torchancen aller Halbfinalisten.
Während die Offensive der Spanier brillieren konnte, zeigte sich die Verteidigung um den mittlerweile in Saudi-Arabien tätigen Aymeric Laporte bislang nicht immer sattelfest. Als im Viertelfinal Florian Wirtz für Deutschland ausglich, gerieten die spanischen Verteidiger regelmässig ins Schwimmen und liessen einige gefährliche Chancen zu – nur mit Glück schafften es die Spanier, in dieser Phase nicht in Rückstand zu geraten. Und auch Keeper Unai Simón, der schon mit grösseren Patzern auffiel, ist nicht über alle Zweifel erhaben.
Weiter muss sich Trainer Luis de la Fuente für das Frankreich-Spiel unfreiwillig personelle Fragen stellen. Drei Spieler, die gegen Deutschland von Beginn an dabei waren, können im Halbfinal nicht mittun: Pedri fehlt verletzt, die beiden Verteidiger Dani Carvajal und Robin le Normand fehlen gesperrt.
Die Defensive – denn diese ist bislang absolut überragend. Erst ein einziges Gegentor kassierten die Franzosen in den bisherigen fünf Spielen, einen Penalty gegen Polen. Geheimfavorit Österreich, Kevin de Bruynes Belgien, die gefährlichen Niederländer und Portugals Starensemble bissen sich allesamt am französischen Bollwerk die Zähne aus. So liess kein Team pro 90 Minuten so wenige Chancen zu wie die Franzosen.
Nicht unterschätzt werden darf zudem die Erfahrung der Franzosen. Mit Weltmeister Didier Deschamps haben die Bleus als einziger Halbfinalist einen Mann an der Seitenlinie, der schon ein grosses Nationalmannschafts-Turnier gewinnen konnte, und den einzigen, der in einer Top-5-Liga Meister wurde. Deschamps versteht es, in seinem Team eine hervorragende Balance an Routiniers und Youngsters zu finden. Einerseits ist da der Kern um N'Golo Kanté, Antoine Griezmann, Kylian Mbappé oder Olivier Giroud, die beim WM-Titel 2018 dabei waren. Dann aber auch schon die neue, hungrige Generation um William Saliba (23), Eduardo Camavinga (21) oder Bradley Barcola (21).
Die bisherige Torausbeute macht Frankreich Sorgen. Drei Tore stehen bei den Bleus erst auf dem Konto – zwei Eigentore und ein Penalty-Treffer. Aus dem Spiel heraus wartet das Starensemble nach 480 Minuten noch immer auf ein Tor. Dabei ist die Chancenerarbeitung nicht mal so schlecht, nur Spanien hat von den Halbfinalisten mehr Expected Goals auf dem Konto. Doch die Effizienz fehlt bislang gänzlich.
Die offensiven Probleme der Franzosen sind stark mit dem bisherigen Turnier von Kylian Mbappé verbunden. Nach seinem Nasenbeinbruch im ersten Spiel gegen Österreich scheint der Superstar nicht mehr derselbe Spieler zu sein. Mit Maske ist Mbappé eine gewisse Portion Respekt und Frust anzusehen. «Ich hasse es, es ist wirklich sehr irritierend», gab er zu. Fünf Partien wartet er mittlerweile auf ein Tor aus dem Spiel heraus – letztmals war ihm das in der Nationalmannschaft vor knapp drei Jahren passiert. Auch die Gesamtbilanz von Mbappé an Europameisterschaften macht wenig Mut: In acht Spielen war der Penalty gegen Polen das bislang einzige EM-Tor seiner Karriere.
Kein Halbfinalist kann wohl so befreit aufspielen wie die Niederländer. Sämtliche Wettanbieter sehen das Team von Ronald Koeman als grössten Aussenseiter der verbliebenen Mannschaften. Dies schlägt sich auch in der Stimmung bei den Fans nieder. Während etwa bei England viel Druck auf den Spielern lastet, herrscht bei den Niederländern eine ganz andere Stimmung: Die Fans feierten schon in der Gruppenphase Fussballfeste und sorgten stets für hervorragende Stimmung.
Weiter spricht für die Niederländer, dass sie – ziemlich überraschend – auf den bislang besten Offensivspieler der EM zählen können. Cody Gakpo erzielte an dieser EM bereits drei Tore und bereitete ein weiteres vor, womit er zusammen mit dem Georgier Georges Mikautadze die Torschützenliste anführt. Im Gegensatz zum Georgier erzielte der Liverpool-Stürmer sämtliche Tore aus dem Spiel heraus.
Auf dem Papier stellen die Niederländer das schwächste Team der Halbfinalisten. Die Oranje sind zwar auf sämtlichen Positionen gut besetzt, der ganz grosse Star, wie ihn die Engländer mit Jude Bellingham oder die Franzosen mit Mbappé haben, fehlt aber. In Zahlen: Der durchschnittliche Spieler der Niederländer kostet gut 31 Millionen Euro, also nur gut halb so viel wie der durchschnittliche Engländer (gut 58 Millionen).
Auch die bisherigen Leistungen sprechen nicht unbedingt für die Niederländer. Und dies nicht nur, weil sie als einziger Halbfinalist bereits eine Partie verloren haben (2:3 gegen Österreich). Offensiv vermochten sie zwar durchaus zu überzeugen, gleichwohl erspielten sie sich weniger Chancen als Spanien oder Frankreich. Und hinten wackelten die Niederländer teils gewaltig – von allen Halbfinalisten liessen sie bislang die meisten Chancen zu. Und dies, obwohl sie mit Rumänien und der Türkei bislang einen einfacheren Weg in den Halbfinal hatten als Spanien oder Frankreich.
Schaut man auf die Namen im Kader, ist England absoluter Topfavorit auf den Titel. Schon die Verteidigung ist gut besetzt, aber das Mittelfeld und der Sturm sind an Qualität nicht zu überbieten. Überflieger Jude Bellingham, Goalgetter Harry Kane, City-Star Phil Foden, Wirbelwind Bukayo Saka – es sind Namen, die das Fussballherz höher schlagen lassen. Auch in der Breite ist das Team hervorragend aufgestellt. Gegen die Schweiz konnte Gareth Southgate etwa Cole Palmer oder Trent Alexander-Arnold einwechseln – Spieler, die sonst fast überall gesetzt wären. Der Wert des Kaders beträgt gut 1,5 Milliarden, der mit Abstand höchste Wert.
Während auf dem Papier vor allem die Offensive ins Auge sticht, brillierten die Engländer an der EM aber insbesondere in der Defensive. Von sämtlichen Teams liessen nur die Franzosen, Portugal und Deutschland pro 90 Minuten weniger Chancen zu. Gareth Southgates Fussball mag zwar kritisiert werden, doch die Resultate geben ihm Recht.
So stark die englische Offensive auf dem Papier ist, so enttäuschend agierte sie bislang auf dem Platz. Englands Fussball fokussiert sich derart stark auf das Verhindern von Risiken, dass man kaum Chancen kreiert. Nicht mal 0,7 Expected Goals pro 90 Minuten kreierten die Three Lions aus dem Spiel heraus, womit man im Vergleich zur Halbfinal-Konkurrenz deutlich abfällt. Bislang ging dies gut, weil man die Probleme durch Standards, Effizienz und Bellinghams Wundertor gegen die Slowakei kompensieren konnte. Ob es auch gegen die bislang besten Teams des Turniers funktioniert, bleibt fraglich.
Weiter spricht gegen die Engländer, dass sie wohl deutlich mehr unter Druck stehen als die anderen Halbfinalisten. Als einziges der vier Teams konnte das Mutterland des Fussballs noch nie Europameister werden, der letzte grosse Titel liegt 58 Jahre zurück. Das Warten hat die Fans ungeduldig gemacht. Eine Ungeduld, die sich schnell in Unmut kippt: Nicht nur die Fans, auch die Experten gingen nach den bislang durchzogenen Leistungen hart ins Gericht. Sollte ein allfälliger Final knapp werden, könnte dieser Druck zum Nachteil werden – zumal dann Erinnerungen an den Final von vor drei Jahren aufkommen könnten, als man führte und schliesslich im Penaltyschiessen dramatisch verlor.