Heidenheim hatte die Hoffnung aufgegeben – jetzt ist es plötzlich wieder «auf der Party»
Nach dem 26. Spieltag stand Heidenheim mit 14 Punkten auf dem letzten Platz der Bundesliga. Schon der Rückstand auf den Relegationsplatz betrug zehn Zähler, das rettende Ufer war bereits elf Punkte entfernt. Die Situation des Aufsteigers von 2023 war aussichtslos.
Das sah auch Trainer Frank Schmidt so. Dieser hatte schon zwei Spiele zuvor nach der Niederlage in Bremen gesagt: «Wir müssten im Schnitt mehr Punkte aufholen, als wir nach 24 Spieltagen geholt haben.» Es wäre daher nicht richtig, zu sagen, «der Glaube ist ungebrochen. Mit Hoffnung kommst du im Fussball sowieso nicht weit.» Mit der Leistung im Weserstadion hätte Heidenheim zudem unterstrichen, «dass wir nicht daran vorbeikommen zu sagen, dass unser Weg – Stand heute – in die 2. Liga führt».
Der Klub aus der 50'000-Einwohner-Stadt schien die Hoffnung also verloren zu haben. Ans Aufgeben dachte er aber nicht. Denn es folgte eine beeindruckende Aufholjagd. In den letzten sieben Spielen verlor Heidenheim nur noch in Freiburg, feierte drei Siege und holte insgesamt 13 Punkte – also nur einen weniger als in den 26 Partien zuvor. Gleichzeitig schwächelte die Konkurrenz. Damit sind die Schwaben nun plötzlich nicht mehr Letzter und gehen punktgleich mit Wolfsburg und St. Pauli in den letzten Spieltag vom morgigen Samstag.
Während Heidenheim Mainz empfängt, kommt es am Hamburger Millerntor zum Direktduell der beiden Konkurrenten im Abstiegskampf. Es gibt viele Szenarien für den letzten Spieltag. Am einfachsten ist für Heidenheim, wenn es gewinnt und Wolfsburg im Parallelspiel maximal einen Punkt holt. Gewinnt St. Pauli muss das Team von Trainer Frank Schmidt aber mindestens ebenso deutlich siegen.
Der Glaube an das nächste Kapitel im Märchen, das der 1. FC Heidenheim mit dem Aufstieg aus der viertklassigen Regionalliga bis in die Conference League seit 2008 schreibt, ist in jedem Fall wieder da. «Wir sind dankbar, dass wir dabei sind, mit der Möglichkeit, den Relegationsplatz tatsächlich noch zu erreichen», sagt Schmidt gemäss Kicker. «Das haben wir uns erarbeitet über die letzten Wochen. Dementsprechend freuen wir uns jetzt auf das Saisonfinale.»
Als Wendepunkt sieht Schmidt, der sich in seiner 19. Saison als Heidenheim-Coach befindet, das 3:3-Unentschieden gegen Leverkusen am 27. Spieltag. Damals holte sein Team erst einen 0:2-Rückstand auf und hatte in der Schlussphase auch eine Antwort auf den dritten Treffer der Gäste. «Das war die Initialzündung zu sagen: Wir geben nicht auf», so Schmidt. Es folgten unter anderem Siege gegen Union Berlin, St. Pauli und Köln – und auch ein beachtliches 3:3-Remis bei Bayern München. Weil der Ausgleich des Meisters erst in der 100. Minute fiel, waren die Heidenheimer danach gar etwas enttäuscht über das Ergebnis.
Was bei Schmidt besonders beeindruckt: Selbst in der tiefsten Krise blieb er sich treu und bewahrte er sich seine Menschlichkeit. Obwohl sein Team aus den zwölf vorherigen Spielen nur drei Punkte geholt hatte, liess es sich der 52-Jährige Mitte März nicht nehmen, sich bei einem Radio-Reporter während dessen letzter Pressekonferenz vor der Rente zu bedanken und ihm ein Trikot zu überreichen.
Auch aufgrund solcher Gesten ist Frank Schmidt im Fussballgeschäft erfrischend. Gleichzeitig beweist er aber erneut sein grosses Trainertalent, indem er das Ruder in einer aussichtslos erscheinenden Situation herumreisst. Nach der Niederlage in Bremen habe es intern eine Aussprache gegeben. Innenverteidiger Jonas Föhrenbach erzählt: «Da haben wir gesagt: Eigentlich ist der Drops gelutscht, aber wir gehen jetzt nochmal ganz neu an die Situation heran. Das hat uns geholfen.»
Seither spielt das langzeitige Schlusslicht ohne Druck und befreit. Auch vor dem letzten Spieltag weist Schmidt den Druck von seinem Team: «Weil jeder von uns weiss, dass wir vor ein paar Spieltagen raus waren aus der Verlosung.» Verlieren könne Heidenheim nichts mehr, findet Schmidt. «Wir werden noch einmal reingelassen auf die Party und sind mittendrin. Da freuen wir uns drauf.»
- Leute über 30 haben einen Vorteil: Wer stand an der letzten Heim-WM im Schweizer Kader?
- Aarau stolperte immer wieder – jetzt ist der Aufstieg erneut ganz nah
- Welcher Nati-Star hat die höchste Zahnarztrechnung? Vier Fragen vor dem WM-Auftakt
- FCB-Präsident Degen rechnet mit Spielern ab – und gibt Lichtsteiner Job-Garantie
