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Die Familie Rakitic empfängt watson in Möhlin auf dem altem Schulhof von Barcelona-Star Ivan. bild: watson

«Ivan fühlt sich als Schweizer» – so fiebert die Familie von Barça-Star Rakitic im Aargau dem Champions-League-Showdown entgegen

Am Samstag kann Ivan Rakitic an der Seite von Lionel Messi die Champions League gewinnen. Seine Karriere hat er im Kanton Aargau gestartet. Auf dem Pausenplatz seiner alten Schule in Möhlin spricht die Familie des Barcelona-Stars über den steilen Aufstieg, den Trubel in Spanien und die Fehler des Schweizer Fussballverbands.



Grosse Pause im Schulhaus Steinli von Möhlin. Hier braucht man niemandem mit der Frage zu kommen, wer am Samstag in Berlin zweiter Schweizer Triple-Sieger nach Xherdan Shaqiri wird. Für die Aargauer Kids kann es im Champions-League-Final-Showdown zwischen Rakitics Barcelona und Lichtsteiners Juventus nur einen Sieger geben: Ihren Ivan.

Denn nur einen Steinwurf entfernt hat der schweiz-kroatische Doppelbürger Ivan Rakitic 1992 seine Laufbahn lanciert. Schon als vierjähriger Stöpsel sorgt der heutige Barcelona-Star bei den F-Junioren des FC Möhlin-Riburg für Furore: Seine 18 Tore in einem Spiel haben im Dorf noch immer Legendenstatus. Entsprechend gross ist der Trubel auf dem Pausenplatz, als Rakitics Vater Luka, sein Bruder und Berater Dejan und dessen zweijähriger Sohn Lionel zum Interviewtermin erscheinen.

Meisterschaft und Cupsieg sind bereits im Trockenen. Nun kann Ivan Rakitic mit Barcelona auch noch das Triple holen. In ihrer Familie muss derzeit Ausnahmezustand herrschen.
Dejan Rakitic: Es kribbelt gewaltig, das ist schon so. Wir haben alle grosse Sehnsucht nach diesem Champions-League-Final und werden mit der ganzen Familie im Stadion sein. Es fehlt nur noch ein Schritt für die perfekte Saison.

Barcelona's Ivan Rakitic (2ndR) is congratulated by his team mates Lionel Messi (L), Neymar and Luis Suarez (R) after scoring a goal against Manchester City during their Champions League round of 16 second leg soccer match at Camp Nou stadium in Barcelona March 18, 2015.    REUTERS/Gustau Nacarino (SPAIN  - Tags: SPORT SOCCER)

Zwei Titel durfte Ivan Rakitic in seiner ersten Saison bei Barcelona schon bejubeln. Kommt am Samstag der dritte hinzu? Bild: GUSTAU NACARINO/REUTERS

Dabei hat der Transfer von Sevilla zum grossen FC Barcelona im vergangenen Sommer die Fachleute weltweit überrascht.
Dejan Rakitic: Es war ein sehr aufregendes Jahr für uns. Während der WM kamen etliche Anfragen und mit dem Wechsel nach Barcelona ging Ivans Bubentraum in Erfüllung. Die erste Saison bei einem der grössten Vereine der Welt ist immer etwas Besonderes, aber er macht das sehr gut. Er ist nun 27 Jahre alt und ein sehr reifer Spieler. Schon als Junger war er extrem weit im Kopf. Bereits mit 19 hat er für den Transfer von Basel zu Schalke alles zurückgelassen und ist alleine in die weite Welt gezogen. Ohne Eltern, ohne Geschwister, ohne Kollegen.

«Ivan konnte zu Beginn in Spanien nicht einmal einen Kaffee bestellen.»

Dejan Rakitic

In der Bundesliga ist ihr Bruder damals nicht sonderlich aufgefallen, bei Sevilla wurde er Europa-League-Sieger und erster ausländischer Captain seit Diego Maradona. Nun ist er aus Barças Spiel kaum mehr wegzudenken. Was ist der Grund für diese rasante Entwicklung?
Dejan Rakitic: Er hatte auch bei Schalke eine gute Zeit. Der Wechsel zu Sevilla war ein grosser Schritt. Er kam in ein neues Land mit einer anderen Kultur und einer anderen Sprache und konnte zu Beginn nicht einmal einen Kaffee bestellen. Das ist alles nicht so einfach. Aber es war perfekt für ihn. Seine Spielweise passt ideal zum spanischen Fussball und er hat dort seine Frau kennengelernt.

Schalke's Ivan Rakitic, center, celebrates his goal with Kevin Kuranyi, right, and Lukas Schmitz during the German first division Bundesliga soccer match between FC Schalke 04 and Borussia Dortmund in Gelsenkirchen, Germany, Friday, Feb. 26, 2010. (AP Photo/Martin Meissner)  **NO MOBILE USE UNTIL 2 HOURS AFTER THE MATCH, WEBSITE USERS ARE OBLIGED TO COMPLY WITH DFL-RESTRICTIONS, SEE INSTRUCTIONS FOR DETAILS **

Nach 97 Bundesliga-Partien für Schalke wechselt Ivan Raktic 2011 für 2,5 Millionen Euro zu Sevilla. Mittlerweile wird sein Marktwert auf 30 Millionen geschätzt. Bild: AP

Als Teamkollege von Messi, Neymar und Suarez ist der Junge aus Möhlin in den Rang eines Weltstars aufgestiegen. Wie hat sich sein Alltag verändert?
Dejan Rakitic: Der Rummel bei Barcelona hat noch einmal ganz andere Dimensionen. Es ist für Ivan nahezu unmöglich, in der Stadt essen zu gehen. Was früher eine Viertelstunde gedauert hat, dauert nun zwei Stunden. Aber er hat kein Problem damit, bei einem Einkauf 100 Autogramme zu geben. Das Interesse der Fans ist nicht selbstverständlich, sondern eine Ehre.

Luka Rakitic: Wenn Sie mich gefragt hätten, hätte ich so eine grosse Karriere immer eher Dejan zugetraut.

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Dejan Rakitic hat den Transfer seines Bruders zum FC Barcelona eingefädelt. Er und sein Sohn Lionel teilen Ivans Fussballtalent. bild: watson

Wie bitte?
Luka Rakitic: Ja, er ist vier Jahre älter und war technisch immer stärker. Ich kann mich an einen Jonglier-Wettbewerb aus ihren Kindertagen erinnern. Dort standen Dejan, Ivan und ich aus 50 Teilnehmern im Final. Ich wurde Dritter, Ivan Zweiter und Dejan hat gewonnen.

Dejan Rakitic: Man sagt ich hätte ähnlich viel Talent wie mein Bruder. Das muss vom Vater kommen. Er hat früher auch in der Ex-jugoslawischen Junioren-Nati gespielt. Allerdings habe ich mir mit 17 Jahren dreimal hintereinander den Fuss gebrochen und damit war der Traum von der Karriere beendet. Vielleicht wird mein Sohn Lionel ja einmal Profi. Er trägt die Kickschuhe mittlerweile schon beim Coiffeur und im Bett. Wir werden sehen.

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Mit Ivan Rakitics Neffe Lionel steht schon die nächste Generation der Möhliner Fussballdynastie in den Startlöchern. bild: watson

Dafür mischen Sie jetzt mit NK Pajde den regionalen Fussball auf.
Dejan Rakitic: Ja, mein Vater hat den Klub gegründet und führt ihn als Präsident. Ich bin Spielertrainer in der ersten Mannschaft. Wir sind gerade in die zweite Liga inter aufgestiegen und stehen im Nordwestschweizer Cupfinal.

Luka Rakitic: Ivan unterstützt uns sehr. Er schickt jede zweite Woche ein Paket von seinem Ausrüster Adidas. Wir haben Material für die nächsten fünf Jahre. Auch die Gemeinde Möhlin kommt uns mit Bauland für ein neues Klubhaus entgegen.

18.Mai.2012; Moehlin; Fussball  - Rakitic & Friends; Mannschaftssitzung von NK Pajde kurz vor Spielbeginn gegen das Team Rakitic & Friends  (Valeriano Di Domenico/freshfocus)

Ein Blick in die Kabine des Möhliner Zweitligisten NK Pajde. Bild: Valeriano Di Domenico

«Viele Väter gehen lieber einen Kaffee trinken und dann ins Bett. »

Luka Rakitic

So viel Fussball-Talent in einer Familie. Gibt es eine Erklärung dafür?
Luka Rakitic: Schauen Sie, ich bin einfach jeden Tag nach der Arbeit mit den Kindern auf den Platz gegangen. Das tun viele andere Väter nicht. Die gehen lieber einen Kaffee trinken und dann ins Bett. Wenn ich nur fünf Franken im Portemonnaie hatte, dann habe ich nicht selber einen Cervelat gegessen, sondern den Kindern nach dem Training einen gekauft. Aber das ging natürlich alles nur, weil meine Frau das auch immer unterstützt hat. Dafür muss ich ihr Danke sagen.

Dejan Rakitic: Ivan und ich werden nie vergessen, was unsere Eltern alles für uns gemacht haben. Deshalb kommt die Familie immer an erster Stelle.

Dieser Zusammenhalt wurde 2007 auf die Probe gestellt. Als sich Ivan Rakitic gegen die Schweizer und für die kroatische A-Nationalmannschaft entschieden hat, wurde Ihnen hier viel Ablehnung entgegengebracht.
Luka Rakitic: Das ist lange her, aber die Erinnerungen bleiben ein Leben lang. Ich bin enttäuscht darüber, wie das damals abgelaufen ist. Wir haben anonyme Drohbriefe und Telefonanrufe erhalten. Vieles habe ich Ivan gar nicht gezeigt.

Croatia's Ivan Rakitic listens to the national anthem ahead of the international soccer friendly match between Croatia and Mali, in Osijek, Croatia, Saturday, May 31, 2014. (AP Photo/Darko Bandic)

Seit 2007 hat Ivan Rakitic für die kroatische Nationalmannschaft 67 Länderspiele bestritten. Bild: AP

Für viele Fans und Medien gilt Ivan Rakitic seither fussballerisch nicht mehr als Schweizer. Sogar das SRF hat Stephan Lichtsteiner als einzigen Schweizer Champions-League-Finalteilnehmer vermeldet.
Luka Rakitic: Das ist nicht korrekt, Ivan fühlt sich als Schweizer. Er ist hier geboren, hat den Schweizer Pass und hat für die Junioren­-Natis gespielt. Es gab in der Neuzeit vor ihm keinen Schweizer Spieler bei Barcelona. Hier in Möhlin ist das ganze Dorf stolz auf ihn. Wenn er nach Hause kommt, dann sind mindestens 100 Kinder da.

«Man sollte sich im Schweizer Verband vielleicht besser einmal fragen, ob man nicht selber einen Fehler gemacht hat.»

Dejan Rakitic

Dejan Rakitic: Das regt einen auf, klar. Aber man sollte sich im Schweizer Verband vielleicht besser einmal fragen, ob man nicht selber einen Fehler gemacht hat, statt immer den Anderen die Schuld in die Schuhe zu schieben. Für Ivan war von Anfang an klar, dass er für die Schweiz spielen will. Aber wenn das Interesse des Landes nicht gross genug ist, dann muss man das akzeptieren. Ihm wurde gesagt: «Wenn du Lust hast, dann komm, aber es wird schwierig.» Auf der anderen Seite war die Delegation von Kroatien, die sich wirklich bemüht hat.

Luka Rakitic: Ein Mineralwasser reicht eben nicht.

Ein Mineralwasser?
Luka Rakitic: Ja, ein Mineralwasser hat Köbi Kuhn im St.Jakob-Park einmal mit uns getrunken. Das war der einzige Termin. Derweil ist die kroatische Delegation mit Präsident und Trainer innerhalb von zwei Monaten sieben Mal angereist und hat versucht, Ivan für sich zu gewinnen. Er hat dort das Vertrauen gespürt. Ich stehe immer mit der Schweizer Fahne im Stadion, ich liebe meine zweite Heimat, aber das wurde damals schlecht gelöst.

Sturmlauf vom Schweizer Ivan Rakitic, rechts, am Kroaten Davor Spehar, links unten, vorbei an der Schweizer Spielerbank, im Hintergrund, beim Vorrundenspiel der Fussball U17 Europameisterschaft Schweiz-Kroatien am Sonntag, 8. Mai 2005 in Santa Croce sull Arno. (KEYSTONE/Karl Mathis)

Chance verpasst: 2005 läuft Ivan Rakitic an der U17-EM noch für die Schweiz gegen Kroatien auf. Bild: KEYSTONE

«Es ist nicht ausgeschlossen, dass Ivan eines Tages zum FCB zurückkehren wird.»

Dejan Rakitic

Ivan Raktic pflegt den Kontakt mit FCB-Präsident Bernhard Heusler und hat immer betont, dass er zum Abschluss seiner Karriere nach Basel zurückkehren will. Wird das utopisch, wenn er nun mit Barcelona die Champions League gewinnt?
Dejan Rakitic: Ich würde das nicht als unwahrscheinlich bezeichnen. Basel ist der Verein, bei welchem Ivan gross geworden ist. Er hat dort seit den E-­Junioren gespielt, sein Profi-Debüt gegeben und ist den Menschen im Klub entsprechend verbunden. Wenn immer er kann, schaut er sich die Spiele an. Ausserdem hat er in Möhlin ein Haus gebaut. Es ist nicht ausgeschlossen, dass er eines Tages zum FCB zurückkehren wird.

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