Sprunger fürchtet Euphorie – doch in Fribourg «gibt es nur noch ein Thema: Gottéron»
Zwei Siege noch, dann lockt die Unsterblichkeit. Zwei Siege noch, dann ist der erste Meistertitel der Vereinsgeschichte von Fribourg Gottéron Tatsache. So einfach ist die Rechnung seit Mittwoch kurz vor Mitternacht. Seit diesem 3:2-Sieg in der zweiten Verlängerung des dritten Finalspiels gegen den HC Davos.
Als bräuchte die Sehnsucht nach der sportlichen Erlösung im Kanton Freiburg noch eine Extra-Portion Kitsch, war mit Julien Sprunger die Vereinslegende für das entscheidende Tor nach 89 Minuten verantwortlich. 40 Jahre alt ist Sprunger seit Januar. Nie in seiner Karriere hat er für einen anderen Verein gespielt. 1182 Spiele stehen mittlerweile auf seinem Konto. 19 Mal hat er ein Playoff-Spiel in der Verlängerung entschieden, das ist mit grossem Abstand Rekord in der Schweiz. Was geht einem in so einem Moment durch den Kopf?
«Ich fühle mich ein bisschen mehr müde als all die 20-Jährigen», sagt Sprunger mit Schalk im Gesicht, «wir brauchten einfach ein Tor – dass gerade ich es erzielt habe, umso besser.» Doch wichtig ist ihm nicht die eigene Person, sondern nur Gottéron. Und darum mahnt Sprunger: «Die Euphorie lassen wir besser beiseite. Wir haben gesehen, dass wir den Faden verlieren, sobald wir zu emotional werden oder uns vorstellen, wie das Ende aussehen könnte.»
Präsident Waeber: «Nur ein Wort: Ausnahmezustand»
Das Ende? Nun, dafür braucht es keine Fantasie. Der Meistertitel soll es werden. Der erste überhaupt. Der zweite Titel der Geschichte, wenn man den Spengler Cup Triumph 2024 ebenfalls berücksichtigt.
Hubert Waeber ist Präsident von Gottéron. Am Tag nach dem zweiten Finalsieg beschreibt er die Stimmung im Kanton Freiburg gegenüber CH Media so: «Es gibt nur ein Wort dafür: Ausnahmezustand.» Waeber erzählt, wie Leute in gewissen Dörfern Plätze mit Schlittschuhen, Pucks und Hockey-Stöcken dekorieren. «Es gibt gefühlt nur noch ein Thema: Gottéron. Der ganze Kanton fiebert mit und zittert. Egal, ob deutsch oder französisch. Ob jung oder alt. Ob Arbeiter oder Chefs. Das Eishockey verbindet bei uns.» Kürzlich erhielt Waeber sogar aus einem Altersheim die Meldung: Alle wollen nur noch Eishockey schauen, egal, wie viel man von den Geschehnissen noch mitbekommt.
Eines ist Waeber, seit 2019 Präsident, besonders wichtig: «Der ganze Kanton wartet auf den Meistertitel. Und wir wären gewiss enttäuscht, wenn es nicht klappt. Aber ich bin sicher, die Euphorie bleibt. Dann klappt es halt das nächste Mal. Irgendwann ist unser Jahr.»
Sprunger bleibt nach der Karriere bei Gottéron
Und wie nimmt der Präsident die Klublegende Sprunger wahr in diesen Tagen? «Er ist fokussiert. Und er unterstützt, wo er nur kann. Wenn er merkt, dass die Jungs ihn brauchen, ist er da, um uns anzuführen.» Waeber gibt zu, wie er sich gefragt hat, ob Sprunger noch einmal die Energie für lange Playoffs aufbringe, «er ist schliesslich 40-jährig und hat alle Spiele der Qualifikation absolviert…» Umso beeindruckender empfindet er Sprungers Auftritte.
Mitte Dezember 2025 kündigte Sprunger an, am Ende dieser Saison die Karriere zu beenden. Dass es seine Abschiedssaison ist, schlummerte schon länger in ihm. «Aber er will nicht einfach noch ein bisschen herumkurven. Er hatte im Sommer mit die besten Fitnesswerte, es ist kein Gramm Fett zu viel am Körper», sagt Sportchef Gerd Zenhäusern der «NZZ». Und Athletik-Trainer Simon Holdener: «Er investiert sehr viel. Im Training. Bei der Ernährung. Und er hatte Glück, dass er selten mit Verletzungen zu kämpfen hatte, die ihn lange ausser Gefecht setzten.»
Wobei das nicht die ganze Wahrheit ist. Sprunger, der mit einer Grösse von 1,94 Metern eigentlich prädestiniert gewesen wäre für die NHL, erlitt mehrere Hirnerschütterungen. An der Heim-WM 2009 wurde er Opfer eines hässlichen Checks von US-Stürmer David Backes. Danach fiel er fast ein Jahr aus – und die NHL blieb ihm verwehrt. Einen Vertrag mit den New York Rangers hatte er bereits unterschrieben.
Wie wichtig wäre Sprunger sein erster Meistertitel zum Ende der Karriere? «Es würde ihm alles bedeuten», sagt Präsident Waeber, doch er fügt an: «Aber ich denke, er könnte auch damit leben, wenn es erst später passiert. Fakt ist: Julien lebt Gottéron. Ja, er ist Gottéron.» Bereits jetzt ist klar, dass Sprunger dem Verein erhalten bleibt. In welcher Position ist noch offen, «damit wollen wir jetzt niemanden ablenken während der Playoffs», sagt Waeber, «aber logisch: es soll ihm und dem Verein etwas bringen.»
Sprunger spürte die Last der Schmach auf den Schultern
Noch ist Sprungers Karriere nicht zu Ende. Vier, drei oder zwei Spiele dauert sie noch. Wobei er sich durchaus mit dem nahenden Abschied beschäftigt. Und dieser auch Einfluss auf ihn hat. «Es war in den Playoffs teilweise sehr emotional um mich.» Im Viertelfinal gegen Rapperswil widmeten ihm die Fans eine Choreografie, die das ganze Stadion umfasste. «Faites-le pour Julien!», stand da. «Das hat mich unglaublich berührt und aufgewühlt, aber sportlich war das alles nicht einfach», sagt Sprunger.
Gottéron stand kurz vor dem Aus. «Da reisten 15 Leute aus meiner Familie nach Rapperswil, weil es mein letzter Match hätte sein können. Das musste ich erst einmal verarbeiten. Ich wollte meine Karriere nun wirklich nicht an einem Montagabend in Rapperswil beenden.»
Mit der Wende im Viertelfinal fiel eine grosse Last von Sprungers Schultern. Die mögliche Schmach war vom Tisch. Und nun der Kampf um den Titel. «In einer Finalserie geht es um den ganzen Klub, um den ganzen Kanton. Das ist mehr als ‹Gewinnen für Julien› – und das entlastet mich.»
Ein bisschen mehr gewinnen muss Gottéron noch für das grosse Ziel. Am besten schon heute Abend wieder. In Teil vier der elektrisierenden Finalserie. (car/aargauerzeitung.ch)

