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Reto Berra verpasst gegen die Slowakei seinen zweiten WM-Shutout nur knapp.
Reto Berra verpasst gegen die Slowakei seinen zweiten WM-Shutout nur knapp.Bild: keystone
Eismeister Zaugg

Reagiert, korrigiert, triumphiert – doch wer ist nun die Nummer 1?

Die Schweizer Hockey-Nati ist zurück auf Titelkurs: Auf das 0:7 gegen Schweden folgt ein 8:1 gegen die Slowakei. Raphael Diaz ist der neue Roman Josi.
27.05.2021, 19:0028.05.2021, 12:27

Auf Titelkurs? Das mag eine gar euphorische Formulierung sein. Aber wir sehen in Riga die WM der unmöglichen Möglichkeiten. Ein Turnier, so ausgeglichen wie wahrscheinlich noch keines in der Neuzeit. Für eine Mannschaft, die dazu in der Lage ist, mit einem 8:1 auf ein 0:7 zu reagieren, ist bei dieser WM alles möglich.

Noch nie in 101 Jahren (seit der ersten WM 1920) hat es auf höchstem internationalen Niveau ein solches Comeback gegeben: Die beiden Resultate sind ja gegen nominell ungefähr gleich starke Gegner zustande gekommen. Ja, gegen Titanen des Welthockeys und ehemalige Weltmeister herausgespielt worden. Die Slowaken hatten immerhin die drei ersten WM-Partien gegen Weissrussland (5:2), Grossbritannien (2:1) und Russland (3:1) gewonnen. Was zeigt, wie hoch dieses 8:1 einzustufen ist. Wir können es etwas pathetisch auch so sagen: Die erstaunlichste Auferstehung seit Lazarus.

Die Schweizer kommen gegen die Slowakei kaum mehr aus dem Jubeln heraus.
Die Schweizer kommen gegen die Slowakei kaum mehr aus dem Jubeln heraus.Bild: keystone

Die Schweizer verdanken den Sieg nicht einem spektakulären Sturmlauf. Es ist der zwingende, logische Triumph einer schon fast «gnadenlosen» Kaltblütigkeit und erstaunlichen taktischen Reife. 8 Tore aus 28 Schüssen – nachdem gegen Dänemark aus 30 Abschlüssen nur ein einziger Treffer resultiert hatte. Hatten wir je in der WM-Geschichte eine bessere Chancenauswertung? Wahrscheinlich nicht.

Da zu den Zeiten von Bibi Torriani in den 1930er und während der «Belle Epoque» der Gebrüder Poltera in den 1950er-Jahren noch keine Statistiken geführt worden sind, können wir wohl behaupten: Wir haben gegen die Slowaken die kaltblütigsten Schweizer der WM-Geschichte gesehen. Kommt dazu: Julius Hudacek war kein Lottergoalie. Er hatte zuvor die Slowaken zum 3:1 gegen Russland gehext.

Was war anders als beim 0:7 gegen Schweden? Die Schweizer spielten konzentrierter, ruhiger, präziser. Gegen Schweden blieb das erste Powerplay ungenützt. Nun führten die zwei ersten gegnerischen Ausschlüsse gleich zu zwei Treffern. Grosse Teams nützen Strafen aus. Kleine nicht.

Die Highlights aus dem Spiel gegen die Slowakei.Video: YouTube/IIHF Worlds 2021

Gegen Schweden traten die Schweizer wie ein kleines Team auf. Nun gegen die Slowaken wie ein grosses. Was definitiv nur eine grosse Mannschaft vermag: von einem Spiel zum nächsten von klein auf gross umzuschalten. Von einem Spiel auf das nächste von einem Zwerg zu einem Titanen zu mutieren.

Für eine Mannschaft, die mit einem 8:1 auf ein 0:7 reagiert, ist der Himmel die Limite und der WM-Titel ein realistisches Ziel. Ist diese Formulierung hoffärtig? Nein. Das Erreichen grosser Ziele erfordert grosses Denken. Der WM-Titel ist die Mission von Patrick Fischer.

Diaz wie sonst nur Josi

Eine zentrale Rolle bei der «Auferstehung» der Schweiz spielt Captain Raphael Diaz. Der grosse Steuermann der WM-Silberteams von 2013 und 2018 war Roman Josi. Er wird nach wie vor in Nashville gebraucht und ist deshalb unabkömmlich. Raphael Diaz hat seine Rolle übernommen, erzielte das 1:0 im ersten und assistierte zum 2:0 im zweiten Powerplay.

Wie sich später zeigen wird, bedeuten diese zwei Treffer bereits die Entscheidung. Diese Startphase ist enorm wichtig. Sie ist die Basis des Comebacks und geht ob dem dann einsetzenden Spektakel schon beinahe vergessen.

Diaz lässt sich nach seinem Treffer zum 1:0 feiern.
Diaz lässt sich nach seinem Treffer zum 1:0 feiern.Bild: keystone

Das 0:7 gegen Schweden war also ein «Betriebsunfall» und hat das Selbstvertrauen der Schweizer nicht erschüttert. Im Gegenteil: Das 0:7 hat der Mannschaft gutgetan wie eine kalte Dusche vor dem Frühstück und zu einer Justierung des Powerplays und der Taktik, einem Zusammenrücken und zum bisher besten Spiel in Riga geführt: Die Schweizer waren gegen die Slowaken in jedem Bereich klar besser als beim 5:2 gegen Tschechien oder beim 1:0 gegen Dänemark. Was für alle drei gewonnenen Partien gilt: Ohne Meier keine Siegesfeier – Timo Meier hat gegen die Tschechen, gegen die Dänen und nun gegen die Slowaken getroffen. Nur gegen Schweden nicht.

Berra oder doch Genoni?

Nationaltrainer Patrick Fischer hat die Mannschaft also im Griff. Oder besser gesagt: Er hat in einer kritischen Situation die richtigen Worte gefunden. Im Hinblick auf die «K.O-Phase» ab dem Viertelfinal muss er nun entscheiden, wer seine Nummer 1 im Tor ist. Leonardo Genoni oder Reto Berra?

Reto Berra war gegen die Slowaken nicht immer ganz stilsicher.
Reto Berra war gegen die Slowaken nicht immer ganz stilsicher.Bild: keystone

Statistisch ist Reto Berra nach dem 1:0 gegen Dänemark und dem 8:1 gegen die Slowakei mit einer Fangquote von 96,43 Prozent der zweitbeste Torhüter des Turniers und damit unsere Nummer 1. Keine Frage. Und er hat sich bereits einmal in einem K.o.-Spiel bewährt. 2013 hexte er die Schweiz beim 3:0 gegen die USA in den Final, musste im Endspiel aber wieder Martin Gerber Platz machen. Aber ist er tatsächlich ein Titan, wie es die Statistik vermuten lässt? Ist es frech zu sagen, er habe gegen die Slowaken hin und wieder den Eindruck eines zerbrechlichen Titanen hinterlassen? Wahrscheinlich schon. Aber ist die Wahrheit frech? Manchmal schon.

Leonardo Genoni mag mit einer Fangquote von 84,21 Prozent ein statistischer Lottergoalie sein. Aber er ist der Mann der grossen Spiele. 2018 der Vater der Siege im Viertelfinal (gegen Finnland) und Halbfinal (gegen Kanada) und er hat die Mannschaft im Final gegen Schweden bis in die Penalty-Entscheidung getragen. Und er ist ein Torhüter, der sich von einem Spiel zum nächsten so steigern kann wie die Schweizer vom 0:7 zum 8:1.

Trotz Schweden-Pleite: Leonardo Genoni bleibt der Mann für grosse Spiele.
Trotz Schweden-Pleite: Leonardo Genoni bleibt der Mann für grosse Spiele.Bild: keystone

Es mag vermessen sein, über unsere Torhüter im Viertelfinal zu spekulieren, bevor der Viertelfinal überhaupt definitiv erreicht ist. Aber wer mit einem 8:1 auf ein 0:7 antwortet, wird in den restlichen drei Partien gegen Weissrussland, Russland und Grossbritannien den Viertelfinal erreichen.

Sollten wir schon in der Gruppenphase scheitern, wird es ein Untergang mit Karacho sein: Dann dürfen wir nämlich behaupten, nie zuvor in der Geschichte habe eine so gute Mannschaft – eigentlich ein Titelanwärter – den Viertelfinal verpasst. Nach dem Motto: Dem Titel so nah und doch so fern.

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quelle: keystone / martin meissner
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80 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Raembe
27.05.2021 19:43registriert April 2014
Herr Zaugg übertreibts mal wieder in meinen Augen. So überlegen wie geschrieben waren wir speziell im ersten Drittel nicht. Ausserdem war der Hauptgrund für den Sieg, die mangelnde Disziplin der Slowaken.
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Liebu
27.05.2021 19:52registriert Oktober 2020
Die Wahrheit liegt wohl irgendwo zwischen dem Schweden und dem Slowakei Match. Anfang war es heute knorzig, aber mit jeder guten Aktion kam die Sicherheit wieder, das hat man gesehen.
Die Spieler haben gesehen wie schmal der Grat zwischen Erfolg und Demütigung ist. Ich denke, ein Spiel wie gegen Schweden wird es kein zweites geben.
Bezüglich Torhüter können wir froh sein über 3 starke Goalis zu verfügen. Sie können wechseln und sich so optimal auf die nächste Aufgabe vorbereiten.
Ich freue mich schon auf den Russen Match, dieser wird zeigen, wohin die Reise gehen kann.
Hopp Schwitz 🇨🇭
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Jumbo Joe
27.05.2021 19:02registriert Juni 2020
Es freut das Schweizer Hockeyherz, dass heute die heftige Reaktion auf die schwedische Ohrfeige von vorgestern folgte. Wir dürfen gespannst sein, was die Nati am Samstag (mit Genoni oder dann doch Berra im Tor?) gegen die Russen zeigen wird. Hopp Schwiiz!!
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