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Nico Hischier, Denis Malgin und Andrea Glauser nach der Niederlage im WM-Viertelfinal.
Nico Hischier, Denis Malgin und Andrea Glauser nach der Niederlage im WM-Viertelfinal.Bild: IMAGO / ActionPictures
Eismeister Zaugg

Nach dem Scheitern in Helsinki: Gibt es Hoffnung für 2023? Ja, die gibt es

Die Reaktionen der Spieler und von Nationaltrainer Patrick Fischer nach dem bitteren 0:3 im Viertelfinal gegen die USA wecken Hoffnungen, dass es vielleicht 2023 für eine Medaille reichen kann.
27.05.2022, 10:3527.05.2022, 12:04
klaus zaugg, helsinki

Bei Titelturnieren gibt es eine ganz spezielle Einrichtung: Die MixZone. Manchmal auch als Mixed-Zone bezeichnet.

Unten im Bauch des Stadions laufen alle – Spieler und Trainer – nach einer Partie auf dem Weg zur Kabine an einer Abschrankung vorbei. Hier warten die Chronistinnen und Chronisten und stellen Fragen. Die angesprochenen Spieler halten inne, geben Antworten und in der Regel kommt am Schluss auch noch der Trainer. Es handelt sich also um den Bereich, in dem unmittelbar nach einem Sportereignis Medienvertreter und Sportler zusammenkommen.

Die Fragen und Antworten sind seit Jahren stets ähnlich. Und doch aufschlussreich: Wie reagieren die jungen Männer in den ritterähnlichen Ausrüstungen und eisernen Schuhen unmittelbar nach einem Spiel auf die ewig gleichen Fragen? Natürlich sind alle gut geschult. Keiner lässt seinen Gefühlen freien Lauf oder zettelt gar mit einer kernigen, unbedachten Aussage eine Polemik an. Das ist sehr schade. Medientraining für Spieler und Trainer sollte verboten werden. Und doch gibt es eine Körpersprache, die viel aussagt.

Die Schweizer trotten nach dem 0:3 gegen die Amerikaner mit hängenden Köpfen vorbei. Die Niederlage beschäftigt sie. Keinem ist dieses Ausscheiden egal. Es ist zu spüren: Ein Traum ist zerbrochen.

Captain Nico Hischier steht die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben. Er ist als Captain der New Jersey Devils in der NHL einer der prominentesten Schweizer und wird deshalb auch von finnischen Medienvertretern befragt. In nahezu perfektem Englisch gibt er seiner Enttäuschung Ausdruck. Es habe einfach nicht gereicht. Man habe keinen Weg gefunden, die Abwehr der Amerikaner zu überwinden. Ein Lob für den Gegner und für den gegnerischen Torhüter. Aber keinerlei Ausreden.

Leonardo Genoni gibt sich nach dem Viertelfinal-Aus selbstkritisch.
Leonardo Genoni gibt sich nach dem Viertelfinal-Aus selbstkritisch.Bild: keystone

Die interessanteste Reaktion zeigt Torhüter Leonardo Genoni. Er ist zwar der Silberheld von 2018. Aber nun ist es für ihn die vierte Viertelfinalniederlage nach 2019, 2021 und Peking 2022.

Er wird von den Chronisten respektvoll, ja fast tröstend über die zwei ersten Gegentreffer befragt. Die seien ja nicht haltbar gewesen. Na ja, vielleicht hätte er beim 0:2 eine Zehntel- oder vielleicht bloss um den Hundertstel einer Sekunde früher aus dem Tor herauskommen müssen.

Aber Leonardo Genoni will weder Trost noch sucht er nach Ausreden. Ruhig und sachlich stellt er fest: «Diese zwei Gegentreffer sind die Folge von Fehlern, die wir nicht mehr machen dürfen. Das betrifft auf mich.» Er ist selbstkritisch und nimmt sich von dieser Kritik nicht aus. Ein grosser Goalie auch in der Niederlage.

Ganz am Schluss kommt Nationaltrainer Patrick Fischer. Er hat zuvor den drei Stationen des staatstragenden Fernsehens in deutscher, italienischer und französischer Sprache Auskunft gegeben.

Patrick Fischer ist ein begabter, charismatischer Kommunikator. Deutsch und Italienisch spricht er perfekt. Französisch mit dem Charme des Deutschschweizers: «Français Agricole» (Bauern-Französisch).

Schliesslich und endlich stellt er sich kurz vor 23 Uhr den Lohnschreibern aus der Deutschschweiz. Die Fragen stellen verschiedene Chronisten. Folgendes Gespräch entwickelt sich. Seine Aussagen werden also sicherlich in verschiedenen anderen Medien auch wiedergegeben.

Nach dem siebten gewonnenen Vorrundenspiel sagten Sie recht nachdenklich, man könne alles verlieren in einem Match.
Patrick Fischer:
(unterbricht) Ich sagte das nicht nachdenklich. Ich sagte es normal.

Hatten Sie eine Vorahnung, dass dieser Viertelfinal gegen die USA verloren gehen könnte?
Nein. Aber wir wussten: Es ist ein Match, in dem es um alles geht. Das sahen wir schon bei den Schweden, die gegen die Kanadier 3:0 führten und noch verloren. Das ist Sport. Es tut mir einfach enorm weh für die Mannschaft, für den ganzen Staff. Wir haben in den letzten sechs Wochen enorm gute Büez gemacht. Wir sind zusammengestanden, haben immer gekrampft. Wir zeigten gute Spiele. Auch heute.

Woran lag es gegen die USA?
Am Anfang fehlte uns etwas die Konsequenz. Wir hatten den Puck zwar, aber wir brachten ihn zu wenig vors Tor. Und der Ausfall von Enzo (Corvi) hat uns wehgetan, vor allem im Powerplay. Das wirbelte auch die Linien durcheinander. Es tut weh, aber ich bin stolz auf die Jungs. Wir haben auch diesmal alles gegeben.

Patrick Fischer will nichts von Komplexen oder Nervosität wissen.
Patrick Fischer will nichts von Komplexen oder Nervosität wissen.Bild: keystone

Wieso fehlte am Anfang die Dynamik Anfang?
Die Amerikaner haben den Puck rausgeschossen und einfach gespielt, und wir kamen nicht richtig ins Forechecking rein. Und als dann das erste Tor kam, der Puck vom Schlittschuh in unser eigenes Tor prallte, gab das den Amerikanern Momentum. Wir hatten im Startdrittel keine Torchance, sie auch nicht, aber wir lagen 0:2 hinten. Im zweiten Drittel spielten wir besser, aber der Puck ging nicht rein. Das schmerzt, denn offensiv hatten wir im ganzen Turnier eine hervorragende Leistung gezeigt. Das ist das, was mich stolz macht. Früher dachte man nie, dass die Schweizer mit der Offensive ihre Spiele gewinnen. Das haben wir getan. Aber es schmerzt, dass es nun nicht weitergeht.

Spürten Sie vor dem Spiel, dass das Team nervös war?
Nein, ich hatte nicht das Gefühl, dass wir nervös waren. Vielleicht fehlte anfänglich etwas die Energie. Und das Eigentor und der Lob zum 0:2 haben nicht geholfen. Aber Kompliment an den amerikanischen Goalie, er hat auch jeden Puck gehalten. Und ich musste etwas früh auf drei Linien umstellen, was wir merkten: Am Schluss hatten wir nicht mehr den gleichen Punch.

In der Vorrunde schossen die Schweizer fast fünf Tore pro Spiel, im Viertelfinal gar keines mehr. Wie erklären Sie sich das?
Das gibt es immer wieder. Es gibt viele Spiele, in denen man drückt und einfach kein Puck reinfällt. Heute war eines dieser Spiele. Wir spielten uns im zweiten und dritten Drittel gute Chancen heraus, aber der Puck ging an den Pfosten oder daneben. Was uns fehlte: Wir kamen zu wenig oft in den Slot. Aber so ist es: Manchmal verwertest du deine Chancen, manchmal nicht. Logisch ist es bitter, dass es heute passiert ist. Logisch, wollen wir mehr.

Ihr Team spielte so angriffig wie noch nie, trotzdem hat es nicht gereicht. Was nehmen Sie mit aus dieser WM?
Wir haben alles gegeben, wir haben offensiv sensationell gut gespielt. Wenn man die anderen Topnationen hört, die haben grössten Respekt davor, was wir tun. Aber wir waren noch nie zuoberst in der Geschichte des Eishockeys. Jetzt kann man sagen: Ziel wieder nicht erreicht! Ja, Ziel nicht erreicht. Was soll ich jetzt sagen? Okay, wir buchstabieren zurück und sagen: Uns reicht der Viertelfinal. Den haben wir nun fünfmal erreicht. Nein, das tue ich nicht. Wir müssen einfach weiterarbeiten. Das ist das Leben eines Athleten. Irgendwann kommst du oben an und du weisst gar nicht warum. Die Kanadier spielten letztes Jahr ein «Riesengugus» zusammen in der Vorrunde, sie schlitterten mit zehn Punkten in den Viertelfinal und wurden danach Weltmeister. Das ist Sport. Ich nehme aus diesen sechs Wochen unglaublich viel Positives mit. Wir hatten eine sehr coole Zeit miteinander. Wir standen immer zusammen. Und wir gehen jetzt auch da gemeinsam durch. Logisch wollen wir mehr. Aber im Sport kann man sich nichts kaufen. Das ist auch gut so.

Viermal nacheinander im Viertelfinal gescheitert. Besteht die Gefahr eines Komplexes. Ähnlich wie bei den Engländern beim Penalty-Schiessen im Fussball?
Patrick Fischer hält kurz inne und sagt dann, etwas kurz angebunden: «Ich glaube nicht an Komplexe.»

Mehr zum WM-Aus:

Wie verarbeiten Sie dieses Aus?
Es ist, wie es ist. Ich schaue nach diesem Turnier in den Spiegel, und jeder andere auch in dieser Mannschaft, und sage: Wir haben alles gegeben. So trete ich die Heimreise an. Ich freue mich auf meine Familie.

Was lernen wir aus den Aussagen des Nationaltrainers? Er hat den Glauben an eine Medaille, an den WM-Titel, an seine Mission nicht verloren. Er ist durch dieses bittere Scheitern in Helsinki nicht verunsichert worden. Er wird weiter seinen Weg gehen.

Deshalb: Die Hoffnung ist berechtigt, dass es vielleicht 2023 zu einer Medaille reichen wird, oder dann halt 2024. Oder 2025. Oder 2026 bei der nächsten WM in unserem Land. Oder warum nicht beim olympischen Turnier 2026 in Italien?

Wir gehen davon aus, dass Patrick Fischer seinen 2024 auslaufenden Vertrag mindestens bis 2026 verlängern wird.

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17 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Ernst Jünger
27.05.2022 10:55registriert Juli 2021
Was Klaus nicht sieht ist, dass man in den nächsten Jahren wohl nicht mehr die selben Spieler zur Verfügung haben wird, wie in den letzten Turnieren. Die Devils werden bald regelmässig die Playoffs erreichen. Meier und Suter unterschreiben in der nächsten offseason neuen Verträge und werden deshalb nicht dabei sein. Meier wird wohl auch zu einem Playoffteam wechseln. Niederreiter und Josi sind zwar noch nicht alt aber jetzt auf ihrem Zenit und 2026 sicher nicht mehr. Für Genoni Andrighetto und Hoffman gilt das selbe. Das Fenster eine Medaille zu hohlen könnte schneller zugehen als man denkt.
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HenryJames
27.05.2022 11:50registriert Februar 2018
Irgendwie erinnert das ganze an Sylvester: The same procedure as last year, Mr Patrick? The same procedure as every year, my Team! Ob's mit einer anderen"Miss Sophie" besser würde? Ich weiß nicht. 🤔
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Hofer Ernst
27.05.2022 12:29registriert Oktober 2019
Die Schweiz hat eine Super WM gespielt. Vielen Dank und Hopp Schwiiz fürs 2023!
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