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ARCHIVBILD ZUR ENTLASSUNG VON TRAINER MARK FRENCH BEIM HC FRIBOURG GOTTERON, AM SAMSTAG, 5. OKTOBER 2019 - Der Fribourger Headcoach Mark French (CAN) hinter der Bande feuert seine Mannschaft an, beim Eishockey Meisterschaftsspiel in der Qualifikation der National League zwischen dem HC Davos und dem HC Fribourg-Gotteron am Samstag, 02. Februar 2019, in der Vaillant Arena in Davos. (KEYSTONE/Juergen Staiger)

Trotz vollem Einsatz an der Bande: Mark French ist nicht mehr Trainer von Fribourg-Gottéron. Bild: KEYSTONE

Eismeister Zaugg

Ein gefeuerter Trainer, die verlorene Hockey-Seele und die «Gottéron-Mafia»

Trainer Mark French ist das Opfer eines Stilwechsels, seines Sportchefs und der «Gottéron-Mafia» geworden. Wann sehen wir endlich, endlich, endlich wieder das wahre Gottéron?

klaus zaugg



Das wird teuer: Trainer Mark French muss seinen Platz an der Bande bereits nach sechs Partien räumen. Er hat einen Vertrag bis zum Ende der nächsten Saison. Unsere Arbeitsgesetzte sind klar und die Rechtssicherheit ist gross: Bis der smarte Kanadier einen neuen Job hat, muss ihn Gottéron löhnen.

Sportchef Christian Dubé hat im September 2018 den Vertrag mit seinem Trainer nach zwei Saisons ohne Not bis 2021 verlängert. Und kurz darauf seinen eigenen bis 2023. Wohlweislich. Wäre seine Amtsenthebung nicht zu teuer, müsste er eigentlich zusammen mit seinem Trainer gefeuert werden.

Das Scheitern von Mark French ist ein Signal: Die Zeit der Schablonentrainer, die ein unberechenbares Spiel berechenbar machen und alles kontrollieren wollen, läuft ab.

Das Eishockey ist jünger, frischer, «totaler», spielerischer, schneller, emotionaler, spektakulärer, kreativer, anspruchsvoller geworden. Die reine Rollenverteilung (Verteidiger, Stürmer) löst sich auf und ein Verteidiger muss heute so gut mit der Scheibe umgehen, laufen, passen und schiessen können wie ein Stürmer. Aber das ist nur eine Anmerkung. Bei Gottéron geht es um mehr als um den «Schablonismus» des Trainers.

Ich gebe es zu: Ich habe eine gewisse Schwäche für Mark French. Für diesen jovialen, klugen, selbstironischen studierten Psychologen mit einem Horizont weit über die Bande hinaus. Und als sein Anwalt würde ich vor dem Hockey-Gericht argumentieren, er sei ohne Fehl und Tadel.

Was kann ein Trainer tun? Er kann das Spiel stabilisieren, strukturieren und in der Defensive organisieren. Und das hat Mark French wahrlich getan: Gottéron war letzte Saison hinter den beiden Finalisten SC Bern (99) und Zug (115) mit 125 Gegentoren defensiv die drittbeste Mannschaft der Liga. Und Reto Berra mit 2,21 kassierten Treffern die Nummer zwei der Liga hinter Berns Leonardo Genoni (1,85).

«Die Mannschaft hatte kein System» ist eine oft gehörte, populäre Begründung so mancher Trainer-Entlassung. Bei Mark French trifft sie nicht zu. Eine uralte, scheinbar ewig gültige Hockey-Weisheit besagt: Spiele werden in der Offensive, Meisterschaften aber in der Defensive entschieden. Gottéron hätte letzte Saison ein Spitzenteam sein müssen.

Aber Mark French und sein Gottéron kamen letzte Saison gerade mal auf den kläglichen 10. Platz.

Warum ist der Trainer nicht bereits im letzten Frühjahr entlassen worden? Es sind schon Bandengeneräle mit einem viel besseren Leistungsausweis vor die Türe gestellt worden.

Es gab finanziell und hockeytechnisch gute Gründe um am Trainer festzuhalten: Erstens der Vertrag bis 2021 und zweitens die Tabelle: Für die Playoffs fehlte nur ein Punkt, vom 4. Platz trennten Gottéron bloss fünf Punkte.

Es war soooo knapp. Es hätte alles auch ganz anders kommen können. In den Playoffs wäre Gottéron mit dieser stabilen Defensive sicherlich sehr weit gekommen – es heisst ja, dass die Defensive Titelkämpfe entscheidet.

Und war denn das Problem nicht klar ersichtlich? Eben. Gottéron hatte in der letzten Saison den drittschwächsten Sturm und das miserabelste Powerplay der Liga. Dieses Problem konnte transfertechnisch auf die neue Saison hin gelöst werden. Dafür musste man nicht den Trainer feuern.

Das defensive Fundament hatte der Sportchef seinem Trainer also gebaut. Jetzt brauchte er nur noch mehr offensive Durchschlagskraft. Die Lösung schien einfach: neues ausländisches Personal. Also hat Christian Dubé einen starken Offensiv-Verteidiger und drei hochkarätige, teure neue ausländische Stürmer verpflichtet.

Le joueur fribourgeois, Viktor Stalberg, gauche, a la lutte pour le puck avec le gardien Genevois, Robert Mayer, droite, lors du match du championnat suisse de hockey sur glace de National League LNA, entre le Geneve Servette HC et le HC Fribourg-Gotteron, ce samedi 28 septembre 2019 a la patinoire des Vernets a Geneve. (KEYSTONE/Martial Trezzini)

Von der KHL zurück in die Schweiz: Viktor Stalberg konnte bei Fribourg noch nicht überzeugen. Bild: KEYSTONE

Das hätte eigentlich reichen müssen, um die offensive Feuerkraft beträchtlich zu erhöhen und das Powerplay zu einem der besten der Liga zu machen.

Das Resultat dieser Massnahmen: Der 12. und letzte Platz, der schwächste Sturm der Liga, das schwächste Powerplay der Liga, die drittlöchrigste Verteidigung der Liga.

Das System Mark French und das System Christian Dubé sind auseinandergefallen wie ein Kartenhaus. Ganz so überraschend kommt das nicht.

Inzwischen beschäftigt Gottéron zwar das teuerste und auf dem Papier beste ausländische Personal seiner Historie. Grosse Namen! Daniel Brodin! David Desharnais! Victor Stalberg! Ryan Gunderson! Die wären doch überall willkommen! Aber dank Christian Dubé sind sie bei uns!

Das famose Quartett hat es bisher zusammen auf drei Tore gebracht. Christian Dubé ist wieder einmal ein Opfer seiner Namensgläubigkeit geworden. Oder besser: seiner politischen Klugheit. Bei seinen Transfers achtet er nämlich schlau auf grosse Namen und Statistiken. Funktioniert es nicht, kann er, wie einst Pontius Pilatus, seine Hände in Unschuld waschen und sagen: aber es sind doch grosse Spieler! Meine Transfers sind nicht das Problem!

Christian Dube, Sportdirektor vom HC Fribourg-Gotteron spricht an einer Medienkonferenz, am Mittwoch, 4. September 2019, in Fribourg. (KEYSTONE/Peter Schneider)

Muss sich Christian Dubé den Vorwurf der Namensgläubigkeit machen? Bild: KEYSTONE

Das ist bei Gottéron ganz besonders fatal. Denn diese Mannschaft lebt seit Anbeginn der Zeit von ihren Emotionen. Vom «heiligen Zorn». Dieses «Feuer» gehört zur DNA dieses aussergewöhnlichen Hockeyunternehmens. Und «Feuer» ist auf dem Eis halt nur, wenn es auch in der Kabine und im Umfeld ein wenig brennt und rockt und rollt. Damit das so ist, braucht es Spieler, die von ihrer Art her zu Gottéron passen. Statistiken allein sind nicht entscheidend. Viel Wichtiger ist die Persönlichkeit, die Bereitschaft der totalen Identität, ein wenig Aufmüpfigkeit und der Hang zum melancholischen Rock’n’Roll.

Dazu sei eine boshafte Bemerkung gestattet: Viktor Stalberg ist vor einem Jahr in Zug nach zehn Spielen einfach davongelaufen, weil er aus Russland eine finanziell lukrative Offerte bekommen hatte. Und Zugs smarter Sportchef Reto Kläy hat ihn wohlweislich ziehen lassen und erst noch eine Abfindung kassiert.

Ein Spieler, der dem Geld bis nach Russland nachläuft, war noch nie einer für Gottéron. Auch nicht bei noch so vielen guten Statistiken.

Was sich noch fataler auswirkt ist der Hang zur Berechenbarkeit. In Bern mag das mit Kari Jalonen noch funktionieren. Aber nicht bei Gottéron, das ohne ein feuriges Innenleben nicht sein kann.

Beim Bestreben, dieses unberechenbare Spiel berechenbar zu machen und alles unter Kontrolle zu haben, hat Mark French auch die Emotionen aus dem Spiel verbannt. Wer es pathetisch mag, kann auch sagen: Mark French hat Gottérons Spiel die Seele genommen. Er hat aus dem Drachen eine harmlose Eidechse gemacht.

Unter dem Kanadier ist Gottérons Spiel seltsam blutleer geworden. Wohlgeordnet, hockeytechnisch formidabel – aber es passiert nichts mehr und am Ende geht der neutrale Beobachter verwundert nach Hause und denkt: Ja, die wären doch eigentlich gut, aber irgendetwas fehlt. Die Emotionen.

Gottéron ohne Emotionen ist wie ein Ferrari ohne Sprit. Wie ein Drache ohne Feuer. Der verletzungsbedingte Ausfall von Leitwolf, Captain und Topskorer Julien Sprunger hat diesen fatalen Trend noch verstärkt.

Hätten das die Männer von Gottéron wissen können? Nein. Weil sie es nicht wissen wollen. Weil sie ihre Jobs behalten möchten und in erster Linie handeln und denken wie Politiker. Die Nordamerikaner sagen zu dieser Verhaltensweise «cover your ass».

Generaldirektor Raphael Berger ist weder Macher, Visionär noch Revolutionär. Er ist ein guter Organisator, bewährt sich beim Umbau des Tempels und wer ihn nicht mag, sagt «Apparatschik». Wer ihn mag, bewundert sein politisches und diplomatisches Talent. Mit Christian Dubé als Sportdirektor kann er sagen: «Wir haben einen klugen Sportchef, der Sport ist nicht meine Sache. Ich bin unschuldig.»

Christian Dubé ist ein kluger Selbstvermarkter. Der bestangezogene Sportchef der Liga und charismatische ehemalige Spieler kann sagen: «Wir haben die bestmöglichen Namen transferiert, wenn es nicht funktioniert, ist es nicht mein Problem. Ich bin unschuldig.»

Den letzten beissen die Hunde: Nun muss Trainer Mark French gehen, Raphael Berger und Christian Dubé bleiben und der Generaldirektor wird sich hüten, seinen Sportchef mit Vertrag bis 2023 zu kritisieren. Sonst könnte noch jemand auf den Gedanken kommen, dass er Anstellung und Vertragsdauer von Christian Dubé auch zu verantworten hat und die «Ära Berger» eigentlich seit 2013 von einem stetigen sportlichen Abstieg und roten Zahlen geprägt ist.

Wer jetzt ganz, ganz, ganz bösartig ist, der sagt: «Gottéron-Mafia». Aber das ist, wie gesagt, ganz, ganz, ganz bösartig. Kommt aber der Wahrheit möglicherweise recht nahe. Was erneut eine ganz, ganz, ganz bösartige Behauptung ist.

P.S. Heute stehen gegen die Rapperswil-Jona Lakers ausgerechnet Sportchef Christian Dubé und der bei den Elite-Junioren des Amtes enthobene Pavel Rosa an der Bande. «Gottéron-Mafia»? Okay, das war jetzt schon wieder ganz, ganz, ganz bösartig.

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46 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
maylander
05.10.2019 13:15registriert September 2018
Bestes ausländisches Personal beim HCFG waren Bykov und Chomutov.
Wer auch immer danach kommt kann denen nicht annähernd das Wasser reichen.
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Sloping
05.10.2019 13:06registriert October 2014
Eine Mannschaft die das Messer am Hals hat und in einem für den Trainer entscheidenden Spiel im ersten Drittel gegen kein Spitzenteam nur 2 Torschüsse zu Stande bringt und im zweiten Drittel deren 6, spielt einfach nicht mehr für den Trainer. Aber die Hauptprobleme liegen weiter oben: Wie kann man auf die absurde Idee kommen, einem unerfahrenen Sportchef einen solch langfristigen Vertrag zu geben? Mich erinnert Gotteron an das Lugano nach dem letzten Titel: Fehlende Leistungskultur auf allen Ebenen, Rentenverträge für die Protagonisten und eine Ansammlung von divenhaften Schillerfaltern.
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c_meier
05.10.2019 13:28registriert March 2015
Vertrag bis 2023 für Dubé? omg... 😳
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46

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