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SCB CEO Marc Luethi praesentiert die Bilanz der SCB-Eishockey AG der vergangenen Saison am Mittwoch, 5. September 2018, in der PostFinance Arena in Bern. (KEYSTONE/Lukas Lehmann)

Die Idee mit zehn Ausländern pro Team stammt ursprünglich von Marc Lüthi. Bild: KEYSTONE

Eismeister Zaugg

«… denn sie wissen nicht, was sie tun»

Ist es möglich, dass eine Profiliga ohne jede Not Massnahmen ergreift, die zu einer Explosion der Lohnkosten führen und das Image nachhaltig ruinieren? Ja, es passiert gerade im Eishockey. Eine Liga hat den Verstand verloren.



Heute dürfen vier Ausländer pro Team eingesetzt und insgesamt acht pro Jahr lizenziert werden. Spätestens ab 2022/23 sollen es zehn sein. Und lizenzieren darf jeder so viele, wie er will.

Die Initialzündung zu dieser Idee kommt von SCB-Manager Marc Lüthi. In einem ersten Anlauf ist er damit gescheitert. Jetzt haben die anderen Manager resigniert und den Widerstand nach dem Motto «dann in Gottes Namen halt …» aufgegeben. Mit HCD-Präsident Gaudenz Domenig und Liga-Manager Denis Vaucher (auch ein Berner) hat Marc Lüthi mächtige Verbündete gefunden.

Warum Marc Lüthi? Beim SCB sind die Löhne der Mitläufer viel zu hoch. Die Berner sind die schlimmsten Lohntreiber der Liga für Mitläufer. Beispiel: Davos bot dem Mitläufer Thierry Bader höchstens 130'000 Franken für eine Vertragsverlängerung. Der SCB mehr als 200'000 Franken.

Berns Thierry Bader, links, im Duell mit Magnus Nygren im Eishockey Cup Achtelfinalspiel zwischen dem SC Bern und dem HC Davos, am Sonntag, 25. Oktober 2020, in der PostFinance Arena in Bern. (KEYSTONE/Peter Schneider)

Thierry Bader im Duell mit Magnus Nygren im Cup-Spiel gegen Davos, 25. Oktober. Bild: keystone

Thierry Bader hat diese Saison in 13 Spielen einen einzigen Assist zum sportlichen Wohlergehen in Bern beigetragen. Mit einer Bilanz von minus 6. Bei der Vertragsverlängerung von Calle Andersson legten die Berner noch einmal kräftig nach. Weil sie nicht gemerkt hatten, dass die ZSC Lions im Wettbieten schon ausgestiegen waren. Der SCB ist mit einer der teuersten Mannschaften der Liga auf den zweitletzten Platz abgerutscht.

Die Idee von Marc Lüthi: Wenn wir die Anzahl Ausländer erhöhen, dann sinken die hohen Löhne der Mitläufer. Weil wir dann diese teuren Mitläufer durch günstigere ausländische Spieler ersetzen können. Eine Öffnung des Marktes bringt ein grösseres Angebot und senkt die Lohnkosten. Das ist Marktwirtschaft: Eine Erhöhung des Angebotes senkt die Preise.

Auf den ersten Blick scheint das logisch. Deshalb haben inzwischen bis auf die ZSC Lions alle Klubs den Widerstand gegen die Erhöhung auf zehn Ausländer aufgegeben. Die ZSC Lions leisten nur Widerstand, weil Präsident Walter Frey es so will. Wir dürfen ihn den letzten Weisen unseres Hockeys nennen.

Dabei ist gar nicht so viel Weisheit notwendig, um den Unsinn der Erhöhung der Ausländerzahl zu erkennen.

Alt-Nationalrat Walter Frey an der Albisguetli-Tagung in Zuerich am Freitag, 17. Januar 2020.    (KEYSTONE/Walter Bieri)

Walter Frey – der letzte Weise unseres Hockeys? Bild: KEYSTONE

Das erste und zentrale Problem:

Der Markt, von dem Marc Lüthi fabuliert, gibt es gar nicht. Unsere National League hat nicht nur nach der NHL die höchsten Zuschauerzahlen der Welt. Sie ist auch sportlich eine der besten der Welt. Es ist schwierig, ausländische Spieler zu finden, die in unserer Liga eine dominierende Rolle zu spielen vermögen. Es gelingt unseren Klubs schon heute nur noch mit Glück und viel Geld, alle vier Ausländerpositionen erstklassig zu besetzen. Bei Marc Lüthis SCB genügen in der Regel nur noch zwei Ausländer den Anforderungen.

Die Besten aus Schweden, Finnland, Russland, Kanada, den USA, Tschechien, Dänemark, Österreich und der Slowakei spielen in der NHL. Die zweitbesten in der KHL. Für die Schweiz kommen nur noch drittklassige Spieler aus diesen Ländern in Frage und die sind nicht gut genug für unsere Liga. Erstklassige sind Glücksfälle: Spieler, die aus persönlichen Gründen oder besonderen Umständen doch in der Schweiz landen. Sei es, weil sie von den NHL-Scouts übersehen worden sind (das kann vorkommen) oder weil sie mit ihrer Familie die hohe Lebensqualität in unserer Liga schätzen.

Künftig brauchen die Klubs zehn Ausländer, die jetzt schon Mühe haben, überhaupt vier zu finden. Sportabteilungen, die schon beim Scouting im eigenen Land hoffnungslos überfordert sind, sollten nun im Ausland Spieler rekrutieren. Viele werden auch noch viel Geld für Scouting-Dienste im Ausland ausgeben. Die Agenten werden auf den Tischen tanzen.

Nun wird argumentiert, es müssten ja nicht zehn gute Ausländer sein. Man wolle ja Mitläufer ersetzen. Was theoretisch richtig ist, sieht in der Wirklichkeit völlig anders aus: Die Sportchefs, die jetzt die Schweizer Mitläufer zu gut bezahlen, sollen nun dazu in der Lage sein, ausländische Mitläufer nicht zu gut zu bezahlen? Der Markt gibt ja gar nicht genügend Ausländer her, die gleich gut sind wie die Schweizer Mitläufer. Es wird sogleich eine Preistreiberei um die Brauchbaren losgehen. Und das Publikum wird sich freuen, sein Geld für drittklassige Schweden, Finnen oder Tschechen und Slowaken ins Stadion zu tragen.

Und da ist noch etwas: Die ZSC Lions, Zug oder Lugano können sich bessere Ausländer leisten. Also sind alle, die einigermassen mithalten wollen, auch dazu gezwungen, bei den Ausländern nachzurüsten. Und um die wenigen guten Ausländer wird eine Preistreiberei einsetzen, die alles in den Schatten stellt, was wir bisher erlebt haben. Die Ausgeglichenheit der Liga, heute eines der grossen Qualitätsmerkmale ist dahin.

Das zweite Problem:

Womit wir bei den Kosten wären. Die ausländischen Spieler werden netto bezahlt. Das bedeutet: Die Klubs übernehmen die Steuern, die Wohnung, die Reisekosten für die ganze Familie und die Kosten für die Ausbildung der Kinder. Ein ausländischer Spieler, der dazu in der Lage ist, in unserer Liga wenigstens ein Mitläufer zu sein – also die künftigen Ausländer Nummer 4 bis 10 – wird netto zwischen 80'000 und 200'000 Franken verdienen. Jeder, der im ersten Jahr für 80'000 Franken gespielt und sich bewährt hat, wird im zweiten Jahr 150'000 bis 200'000 Franken fordern und bekommen.

Um die wahren Kosten zu ermitteln, müssen wir den Nettolohn je nach Standort mit dem Faktor 2,5 bis 2,8 multiplizieren. Ergibt Lohnkosten für die Klubs zwischen 200'000 und 400'000 Franken. Pro Spieler, die mehrheitlich in der dritten und vierten Linie zum Zuge kommen und dort den Nachwuchsspielern den Platz wegnehmen.

Anders als einheimische Mitläufer können ausländische Mitläufer bei ungenügender Leistung sofort ersetzt werden. Kein Klub wird es sich leisten können, eine ganze Saison lang einen ungenügenden Ausländer «durchzufüttern.» Voraussichtlich wird jeder Klub im Laufe der Saison zwischen drei und fünf Ausländer ersetzen. Zusätzliche Kosten: Mehr als eine halbe Million. Pro Klub.

From left, Bern's player Calle Andersson, Lugano’s player Alessio Bertaggia and Lugano’s player David Mcintyre, Bern's goalkeeper Tomi Karhunen, during the preliminary round game of National League A (NLA) Swiss Championship 2019/20 between HC Lugano and SC Bern at the ice stadium Corner Arena in Lugano, Switzerland, Saturday,  February 22, 2020. (KEYSTONE-ATS / Ti-Press / Pablo Gianinazzi)

Was passiert mit den Lizenzschweizern wie etwa Calle Andersson beim SCB (im Bild). Bild: KEYSTONE

Nun wird argumentiert, künftig gebe es keine Lizenzschweizer mehr. Also keine ausländischen Spieler, die hier ausgebildet worden sind und deshalb eine Schweizer Lizenz haben. Beispiel: Calle Andersson beim SCB, Ivars Punnenovs in Langnau, Ronalds Kenins in Lausanne oder Dominic Zwerger in Ambri. Das bedeute doch, wenn man diese Lizenzschweizer mitzähle, dass jeder Klub heute schon mehr als vier Ausländer habe. Nur: Die guten Lizenz-Schweizer werden durch die neue Regelung zu Ausländern und nicht billiger. Die Mitläufer, ausgebildet in unseren Juniorenabteilungen, verlieren den Job. Weil sie nun durch noch teurere, echte Ausländer ersetzt werden. Zudem ist es nicht möglich, Lizenzschweizer bei ungenügender Leistung einfach auszuwechseln. Ausländer hingegen schon.

Insgesamt werden die Lohnkosten der Klubs durch die neue Ausländer-Regelung pro Saison um mehr als eine Million ansteigen. Macht Mehrkosten für die Liga in der Höhe von mehr als zehn Millionen. Bei wahrscheinlich sinkenden Einnahmen.

Das Fazit

Nur in einem Punkt hat die neue Ausländerregelung kurzfristig keinen negativen Einfluss: auf die Nationalmannschaft. Dort spielen nur die besten Schweizer. Und die werden ihren Platz in der Liga behalten.

Eigentlich müsste der Bundesrat eingreifen und diese neue Ausländerregelung stoppen. Die Beiträge für die Klubs aus der Staatskasse sollen ja die Struktur der Hockeyunternehmen erhalten. Dabei spielen die Nachwuchsabteilungen eine zentrale Rolle. Ihr gesellschaftlicher Wert kann nicht hoch genug bewertet werden.

Die neue Ausländerregelung trifft die Basis unseres Hockeys, die Nachwuchsabteilungen, ins Herz. Denn mit der neuen Ausländerregelung fallen mehr als 60 Arbeitsplätze für Schweizer Spieler weg. Gejammert wird über die rückläufige Anzahl Junioren. Kein Wunder: Wenn ich entscheiden soll, ob mein Bub Hockey oder Fussball spielen soll, dann wähle ich den Fussball. Dort habe ich im Quadrat höhere Chancen und einen globalen Markt. Ein Schweizer Hockeyjunior hat, weil es weltweit nur eine Handvoll Profiligen gibt, nur den Schweizer Markt. Im Fussball lohnt sich ein Transfer ins Ausland und es gibt mehr als 20 Ligen. Im Eishockey nur in die NHL. Und dorthin kommen nur ganz, ganz wenige.

Es hat schon seine Logik, dass diese neue Ausländerregelung von Marc Lüthi angestossen worden ist. Man beachte den Zustand der Sportabteilung beim SCB.

AVIS --- ZUM HEUTIGEN INTERVIEW MIT RENE FASEL STELLT IHNEN KEYSTONE SDA FOLGENDES BILD ZUR VERFUEGUNG. WEITERE BILDER ZU RENE FASEL FINDEN SIE AUF visual.keystone-sda.ch UNTER AKTUELL UND UNTER ARCHIV --- Portrait of Rene Fasel, President of the International Ice Hockey Federation, IIHF, taken at the headquarters of the IIHF in Zurich, Switzerland, on June 19, 2018. (KEYSTONE/Gaetan Bally)..Rene Fasel, Praesident der Internationalen Eishockey-Foederation, IIHF, portraitiert am 19. Juni 2018 am Hauptsitz der IIHF in Zurich. (KEYSTONE/Gaetan Bally)AVIS --- ZUM HEUTIGEN INTERVIEW MIT RENE FASEL STELLT IHNEN KEYSTONE SDA FOLGENDES BILD ZUR VERFUEGUNG. WEITERE BILDER ZU RENE FASEL FINDEN SIE AUF visual.keystone-sda.ch UNTER AKTUELL UND UNTER ARCHIV --- Portrait of Rene Fasel, President of the International Ice Hockey Federation, IIHF, taken at the headquarters of the IIHF in Zurich, Switzerland, on June 19, 2018. (KEYSTONE/Gaetan Bally)..Rene Fasel, Praesident der Internationalen Eishockey-Foederation, IIHF, portraitiert am 19. Juni 2018 am Hauptsitz der IIHF in Zurich. (KEYSTONE/Gaetan Bally)AVIS --- ZUM HEUTIGEN INTERVIEW MIT RENE FASEL STELLT IHNEN KEYSTONE SDA FOLGENDES BILD ZUR VERFUEGUNG. WEITERE BILDER ZU RENE FASEL FINDEN SIE AUF visual.keystone-sda.ch UNTER AKTUELL UND UNTER ARCHIV --- Portrait of Rene Fasel, President of the International Ice Hockey Federation, IIHF, taken at the headquarters of the IIHF in Zurich, Switzerland, on June 19, 2018. (KEYSTONE/Gaetan Bally)..Rene Fasel, Praesident der Internationalen Eishockey-Foederation, IIHF, portraitiert am 19. Juni 2018 am Hauptsitz der IIHF in Zurich. (KEYSTONE/Gaetan Bally)AVIS --- ZUM HEUTIGEN INTERVIEW MIT RENE FASEL STELLT IHNEN KEYSTONE SDA FOLGENDES BILD ZUR VERFUEGUNG. WEITERE BILDER ZU RENE FASEL FINDEN SIE AUF visual.keystone-sda.ch UNTER AKTUELL UND UNTER ARCHIV --- Portrait of Rene Fasel, President of the International Ice Hockey Federation, IIHF, taken at the headquarters of the IIHF in Zurich, Switzerland, on June 19, 2018. (KEYSTONE/Gaetan Bally)..Rene Fasel, Praesident der Internationalen Eishockey-Foederation, IIHF, portraitiert am 19. Juni 2018 am Hauptsitz der IIHF in Zurich. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Das Schlusswort gehört IIHF-Präsident René Fasel. Bild: KEYSTONE

Das Schlusswort überlassen wir einem, der den Überblick im internationalen Hockey wahrlich hat und auch unser Hockey durch und durch kennt. IIHF-Präsident René Fasel. Er sagte kürzlich: «Die Absicht, mit zehn Ausländern zu spielen, ist die grösste denkbare Dummheit. Ich werde inzwischen immer wieder von ausländischen Hockeyfachleuten angesprochen, ob das wahr sei. Sie können es einfach nicht fassen. Wenn die Liga zehn Ausländer zulässt, wird der Unsinn nach drei Jahren korrigiert und es braucht dann zehn Jahre, um die Folgen wieder zu korrigieren.»

«Die Absicht, mit zehn Ausländern zu spielen, ist die grösste denkbare Dummheit.»

IIHF-Präsidnet René Fasel

Wo er recht hat, da hat er recht. Eine Liga hat den Verstand verloren.

P.S.: «... denn sie wissen nicht, was sie tun» (Rebel Without a Cause) ist ein amerikanisches Filmdrama aus dem Jahre 1955 mit James Dean in der Hauptrolle.

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