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Das Schweizer Eishockey sieht grossen Veränderungen entgegen.
Das Schweizer Eishockey sieht grossen Veränderungen entgegen.Bild: imago stock&people
Eismeister Zaugg

Drohungen, Ränkespiele und ein «Teufelspakt» – der «Salary Cap» ist vom Tisch

Wenn alle Klubs den Aktionärsbindungsvertrag unterschreiben, dann wird unser Eishockey nicht nur wegen der Erhöhung auf 10 Ausländer in den Grundfesten erschüttert und nie mehr so sein, wie es war. Wo sind die Mutigen? Wo die Standhaften? Wo die Gralshüter des Sportes? Ein erster Termin für die Unterzeichnung – 4. Januar – ist inzwischen verschoben worden.
01.01.2021, 15:4201.01.2021, 17:42

Ab der Saison 2022/23 wird unsere höchste Spielklasse eigenständig und vom Verband unabhängig sein. Zu diesem Zweck ist von den zwölf aktuellen NL-Klubs eine Aktiengesellschaft gegründet worden. Am 4. Januar soll nun der sogenannte Aktionärsbindungsvertrag unterschrieben werden. Dieser regelt, wie es in der AG und damit ab der Saison 2022/23 zu und hergehen wird.

Ein Blick in dieses raffinierte Machwerk zeigt: Es ist ein «Teufelspakt». Mit Drohungen und Ränkespielen wird versucht, die Klubs dazu zu bringen, dieses Dokument am 4. Januar zu unterschreiben. Einer der vernünftigen Präsidenten nennt es gar «diabolisch».

Wohl wahr. Hier ein paar wichtige Punkte. Stark vereinfacht, allgemein für den Laien verständlich, etwas polemisch und nicht formaljuristisch erklärt:

  • Die ZSC Lions unterschreiben den Vertrag nur unter der Bedingung, dass die Lohnbegrenzung später einstimmig angenommen werden muss. Diese Lohnbegrenzung heisst offiziell «Financial Fairplay». Die Zürcher haben immer mit offenen Karten gespielt und gesagt, dass sie gegen diesen zahnlosen Papiertiger sind. Die Einstimmigkeits-Klausel gibt ihnen nun ein Veto-Recht. Damit ist die einst unter dem Eindruck der Virus-Krise so gut angedachte und gut gemeinte Lohnbegrenzung vom Tisch. Aber eben: gut gemeint ist das Gegenteil von gut. In diesem Zusammenhang gilt es festzuhalten, dass die Zürcher auch gegen eine Erhöhung der Anzahl Ausländer zum Schutze des Nachwuchses sind.
  • Bei der Gründung der AG ist bereits ein Organisationsreglement mit 7:4 Stimmen bewilligt worden. Dort ist im «Kleingedruckten», das einige wohl übersehen haben, die Abschaffung der «Lizenz-Schweizer» bereits definitiv festgeschrieben. Wird der Aktionärsbindungsvertrag angenommen, tritt dieses Organisationsreglement automatisch in Kraft. Ein raffinierter Schachzug: wenn die «Lizenz-Schweizer» nicht mehr erlaubt sind, dann sind die «Kleinen» wie Ambri oder Langnau, die mehrere kostengünstige Lizenzschweizer haben, dazu verdonnert, der Erhöhung der Anzahl Ausländer zuzustimmen.
  • Im Aktionärsbindungsvertrag ist wohlweislich die neue Anzahl Ausländer ab der Saison 2022/23 (es sollen 10 sein) noch nicht definiert. Das würde die Klugen und Vernünftigen abschrecken, zum Nachdenken anregen und womöglich gar davon abhalten, das Dokument zu unterschreiben. Definiert ist nur, dass «die Anzahl Ausländer in moderater Weise erhöhet wird.» Das ist wichtig: die Erhöhung der Anzahl Ausländer ist ein strategischer Entscheid, der in der künftigen AG nur mit einer Dreiviertelmehrheit bewilligt werden kann. Ist aber im Aktionärsbindungsvertrag bereits festgelegt, dass die Anzahl Ausländer erhöht wird, geht es später nur noch um die Anzahl. Dass es mehr als vier (wie bisher) sein müssen, ist schon klar. Um ihre «Lizenz-Schweizer» nun als Ausländer behalten zu können, werden die «Kleinen» wie Ambri oder Langnau einer markanten Erhöhung zustimmen – ab der Saison 2022/23 werden wir dann 10 Ausländer haben.
  • Im neuen Aktionärsbindungsvertrag wird die Macht der Grossen zementiert. Neben den 12 Klubs sollen bei Entscheiden unter bestimmten Voraussetzungen auch der neue Liga-Präsident Matthias Berner und Liga-Direktor Denis Vaucher eine Stimme bekommen. Das bedeutet konkret, dass die ZSC Lions und der SCB inoffiziell je zwei Stimmen haben: Berner gilt als treuer, loyaler Diener von ZSC-Manager Peter Zahner, Vaucher als noch treuerer und noch ergebenerer Diener von SCB-General Marc Lüthi.

Den «Kleinen» droht der Ausschluss

Eigentlich kann kein Präsident einen solchen Aktionärsbindungsvertrag mit reinem Gewissen unterschreiben. Gerade auf die «Kleinen» (wie Ambri oder Langnau) müsste ein solches Papier abschreckend wirken wie das geweihte Wasser auf den Teufel. Widerspenstige werden deshalb offenbar mit einer Aussage gefügig gemacht, die wir durchaus als Drohung bezeichnen können: Wenn ihr den Aktionärsbindungsvertrag nicht unterschreibt, dann seid ihr bei der neuen AG und ab der Saison 2022/23 auch in der höchsten Spielklasse nicht mehr dabei. Ein Präsident sagt, man habe offen gesagt, dann halt Kloten an Stelle seines Klubs aufzunehmen. Eine solche Aussage – es ist eigentlich eine Drohung – ist allerdings gegenüber den mächtigen ZSC Lions wohlweislich nie gemacht worden.

Ob heikle Szenen bei Spielen zwischen Ambri und Langnau auch künftig in der National League begutachtet werden?
Ob heikle Szenen bei Spielen zwischen Ambri und Langnau auch künftig in der National League begutachtet werden?Bild: keystone

Eine solche Drohung kann zwar theoretisch und juristisch in die Tat umgesetzt werden. Bei Lichte besehen ist sie lächerlich: Beispielsweise Ambri oder Langnau aus der Liga auszuschliessen würde einen Sturm der Empörung entfachen, der alle Liga- und Verbands-Generäle aus den Büros fegen würde. Und was ist das für ein Vertrag, zu dem die Vernünftigen mit Aussagen, die wie Drohungen klingen, sozusagen genötigt werden? Das ist eine seltsame Form der konstruktiven Zusammenarbeit und Weiterentwicklung in unserer höchsten Liga.

Kommerz verdrängt den Sport

Der erstaunliche Erfolg unseres Eishockeys – kein Land macht aus einem so kleinen Potenzial so viel – basiert auf einem gut ausgewogenen System, das den Kommerz zähmt und die sportlichen Interessen schützt, die Mächtigen nicht zu mächtig und die Kleinen nicht zu ohnmächtig macht. Im Sinne sehr ähnlich wie das Ständesystem in unserer Politik, das die Schweiz zu einem der erfolgreichsten Ländern der Welt macht. So ist es bis heute immer wieder gelungen, die Werte des Sportes gegenüber dem reinen Geld- und Machtdenken zu bewahren.

Die neue AG (also die neue höchste Liga ab 2022/23) ist, wie der Aktionärsbindungsvertrag aufzeigt, so konzipiert, dass das reine Kommerzdenken freie Fahrt bekommt – und gerade SCB-Manager und -Mitbesitzer Marc Lüthi ist ein charismatischer Verfechter des reinen Kommerzes und er wäre der starke Mann in der neu konzipierten höchsten Liga. Kein Wunder, dass dieses ganze neue, raffinierte – oder eben, wie es einer sagt, «diabolische» – Konstrukt von seinem Mephisto Denis Vaucher ausgearbeitet worden ist.

Wir können auch sagen, dass Marc Lüthi versucht, sich in unserem Hockey an die Macht zu «putschen». Welchen Schaden er anzurichten vermag, wenn ihm die Vertreter des Sportes nicht mehr auf Augenhöhe entgegentreten, in den Arm fallen und bremsen, sehen wir in dieser Saison.

Der Tag der Unterzeichnung des Aktionärs-Vertrages ist der wichtigste Tag in der neueren Geschichte unseres Hockeys. Unterschreiben die Klubs den Aktionärsbindungsvertrag in der vorliegenden Form, dann wird unser Hockey in den Grundfesten erschüttert und nie mehr sein, wie es war. Und jeder einzelne Präsident der zwölf Klubs ist dafür verantwortlich.

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66 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Boy in Red
01.01.2021 16:05registriert April 2020
Nun ist der Zeitpunkt erreicht, an dem schweizweit klare Zeichen gesetzt werden sollten! Fans, Spieler, Eishockeypersönlichkeiten, Junioren(-trainer), Sponsoren: Vereinigt euch! Die NL-CEO's fahren unseren Sport mit Vollgas an die Wand!
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N. Y. P.
01.01.2021 17:02registriert August 2018
Der Eismeister hat es gopferdaminomol voll drauf. Wie er hier die Zusammenhänge aufdeckt ist allererste Sahne.

Und der gemeine User von watson kann mitverfolgen, wie der Eismeister mit seinem Investigativjournalismus den Bossen weiter mächtig AUF DEN SACK geht.

Der Eismeister hat ein neues Lieblingsthema gefunden.
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maylander
01.01.2021 16:35registriert September 2018
Ich hoffe immer noch, dass die Verantwortlichen zur Vernuft kommen.
Vielleicht gelingt es ja Zaugg den einen oder anderen zum Nachdenken zu bringen.
So eine Fehlkonstruktion würde das Schweizer Eishockey um Jahre behindern.
Die Manager wollen Berechenbarkeit, die besten Geschichten im Sport werden aber durch die Unberechenbarkeit geschrieben.
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