Zug wird immer mehr zum SC Bern der Zentralschweiz
Im Frühjahr 2022 hat der EV Zug nach dem zweiten Meistertitel in Folge alle Voraussetzungen für eine Dynastie. Also für zwei bis drei weitere Titel. Eine formidable Infrastruktur, eine gute Nachwuchsorganisation, durch das Farmteam eine breite Basis, volle Geldspeicher und mit Manager Patrick Lengwiler und Sportchef Reto Kläy tüchtige Macher.
Und nun am Dienstagabend in Davos oben eine der blamabelsten Niederlagen (3:7) der jüngeren Geschichte. 0:4 nach knapp einer Viertelstunde und Leonardo Genoni mit einer Fangquote von 50 Prozent ausgewechselt. Ein Zusammenbruch wie ein sportlicher Offenbarungseid: Der Moment in dem allen klar wird, dass etwas nicht mehr funktioniert. Wie kann es sein, dass eine Leistungskultur in nur vier Jahren ruiniert worden ist?
Die Ursachenforschung ist in diesem Fall nicht schwierig. Der Ruhm aus zwei Titeln (2021, 2022) ist den Zugern in den Kopf gestiegen. Sie hatten alles richtig gemacht. Aber nach der zweiten Meisterfeier glauben sie, alles besser zu wissen. Arroganz kehrt ein.
Der erste fatale Fehlentscheid, gefällt im meisterlichen Hochmut: Sie lösen ihr Farmteam (EVZ Academy) in der Swiss League im Frühjahr 2022 ohne jede Not auf und entziehen der ersten Mannschaft die Basis: Ein Farmteam mit Sitz am gleichen Ort wie die erste Mannschaft ermöglicht nicht nur die Förderung der eigenen Talente im Erwachsenenhockey. So gelingt es auch, für Leistungsdruck unter den «Hinterbänklern» des dritten und vierten Sturms zu sorgen, die Dynamik hochzuhalten und das Team laufend zu erneuern. So wie es die ZSC Lions seit Jahren so erfolgreich praktizieren. Es passt ins Bild, dass HCD-Torhüter Sandro Aeschlimann in Zugs Farmteam ausgebildet worden ist.
Die Zuger erkennen auch nicht, dass sie die grandiose sportliche Entwicklung zwar auch ihrer Tüchtigkeit, aber mehr noch ihrem charismatischen Trainer Dan Tangnes verdanken. Hochmütig geworden investieren sie immer weniger in erstklassige Ausländer. So entfremden sie sich zunehmend von ihrem norwegischen Erfolgstrainer.
Es ist kein Fehler, Michael Liniger im Frühjahr 2025 vom Assistenten zum Nachfolger von Dan Tangnes zu machen. Es hätte funktionieren können, wenn Manager Patrick Lengwiler und Sportchef Reto Kläy ihren neuen Trainer so konsequent gestützt hätten wie Peter Zahner und Sven Leuenberger in Zürich Marco Bayer. Aber beim ersten Gegenwind wird Michael Liniger als Sündenbock geopfert.
Aktuelle
Note
7
Ein Führungsspieler, der eine Partie entscheiden kann und sein Team auf und neben dem Eis besser macht.
6-7
Ein Spieler mit so viel Talent, dass er an einem guten Abend eine Partie entscheiden kann und ein Leader ist.
5-6
Ein guter NL-Spieler: Oft talentierte Schillerfalter, manchmal auch seriöse Arbeiter, die viel aus ihrem Talent machen.
4-5
Ein Spieler für den 3. oder 4. Block, ein altgedienter Haudegen oder ein Frischling.
3-4
Die Zukunft noch vor sich oder die Zukunft bereits hinter sich.
Die Bewertung ist der Hockey-Notenschlüssel aus Nordamerika, der von 1 (Minimum) bis 7 (Maximum) geht. Es gibt keine Noten unter 3, denn wer in der höchsten Liga spielt, ist doch zumindest knapp genügend.
Punkte
Goals/Assists
Spiele
Strafminuten
-
Er ist
-
Er kann
-
Erwarte
Seit seiner Entlassung sind die Zuger auf Rang 8 abgerutscht und haben soeben die elfte Playoff-Niederlage in Serie kassiert. Der neue Trainer Benoît Groulx hat sich durch eine abenteuerliche Massnahme – Topskorer Dominik Kubalik im zweiten Spiel auf die Tribüne verbannt und nun im dritten Spiel reuemütig wieder ins Team geholt – lächerlich und zum – excusez l’expression – Clown gemacht. Sportchef Reto Kläy ist mitschuldig: Er hätte seinem Coach eine solche Kalberei ganz einfach ausreden müssen. Er ist sein Vorgesetzter. Nun muss er aufpassen, dass nicht auch er seine Autorität verliert.
In Zug ist die Leistungskultur nach dem letzten Titel von 2022 in ähnlichem Masse durch eigenes Verschulden ruiniert worden wie in Bern. Die Parallelen sind kaum zu übersehen. Reto Kläy hat das Potenzial der eigenen Talente (Attilio Biasca stürmt inzwischen für Gottéron) nicht erkannt. Die wichtigsten Neuzuzüge auf nächste Saison (Chris Egli und Rico Gredig kommen aus Davos) sind gute Ergänzungsspieler. Die Leistungskultur verbessern sie nicht.
Und Mathieu Croce, die neue Nummer 2, hat nicht die Kragenweite von Tim Wolf. Die Zuger werden nächste Saison mehr denn je auf Leonardo Genoni angewiesen sein. Er wird im August 39 Jahre alt. Die ganze Transferstrategie ist in Zug ähnlich verfuhrwerkt wie in Bern.
Wie der SCB steht nun auch Zug vor der schicksalsschwersten Trainerverpflichtung seiner neueren Geschichte. Es geht nicht nur darum, den richtigen Mann zu finden. Noch wichtiger wird sein, den neuen Mann beim Aufbau einer neuen Leistungskultur durch alle Böden hindurch zu stützen. Wer fragt, ob der schlaue Opportunist Reto Kläy dazu fähig und willens sein wird, stellt die richtige Frage.
Der EV Zug ist auf dem besten Weg, ein SCB der Zentralschweiz zu werden. Wie in Bern wäre eigentlich in der Sportabteilung ein «House Cleaning» unumgänglich. Aber wie in Bern fehlt auch in Zug dazu der Wille. Kein Wunder: Die Versager in den Büros analysieren – wie in Bern – ihren eigenen Misserfolg. Da ist nicht zu erwarten, dass sie ihre eigenen Jobs in Frage stellen. Ende der Polemik.
