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Der taktisch beste EHC Kloten seit dem letzten Meistertitel von 1996

Kloten's Steve Kellenberger, rechts, kaempft um den Puck gegen Zugs Brian O'Neill, links, im Eishockeyspiel der National League zwischen den EHC Kloten und dem EV Zug, am Sonntag, 8. Januar  ...
O'Neill versucht, an Kellenberger vorbei zu kommen.Bild: keystone
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Das taktisch beste Kloten seit dem letzten Meistertitel von 1996

Die besseren Ausländer, ein grosser Goalie, das bessere Spielkonzept – Aufsteiger Kloten besiegt Zug 4:2, überholt den Meister in der Tabelle und trotzdem muss Sportchef Larry Mitchell auf nächste Saison einen neuen Trainer suchen. Eine Geschichte über Freuden und Sorgen eines Präsidenten, Sportchefs und Trainers in dörflicher Hockey-Romantik.
09.01.2023, 09:1210.01.2023, 05:25
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Eigentlich ist es so einfach: Sorge für einen Weltklasse-Goalie, besetze deine sechs Ausländerpositionen gut und vier davon sehr gut, denke daran, dass der Puck schneller ist als der schnellste Spieler und zelebriere ein smartes Powerplay in mehreren Varianten. Dann wird es dir in der National League wohl ergehen.

Nach diesen Grundregeln hat Kloten die Mannschaft aufgebaut. Klotens Ausländer dominierten die Partie gegen Zug. Sie waren an allen vier Toren beteiligt und die Feststellung sei erlaubt: Zugs Ersatzausländer Justin Abdelkader ist vom Tempo völlig überfordert und nicht austrainiert. Wäre er ein Schweizer, würde er in dieser Form auf der Tribüne sitzen. Seine Verpflichtung ist wohl auf eine Mischung aus Nostalgie (er hat schon in der Saison 2020/21 ausgeholfen) und Arroganz (wir sind so gut, dass einer wie Abdelkader reicht) zurückzuführen. Ausländer von der mediokren Qualität des Amerikaners werden heute eigentlich nur noch von Lugano und vom SC Bern beschäftigt.

Faszinierend ist Klotens Spielkonzept. Wohl erreichen die Zuger mit ihrem hochentwickelten «Puckbesitz-Hockey» phasenweise eine beeindruckende Dominanz. Die letzten Minuten der Partie in Kloten waren gar ein Lehrstück. Aber inzwischen übertreiben sie es manchmal mit ihren Passfolgen auf Kosten des direkten Zuges aufs Tor und aus dem Spiel wird Kunst der Kunst willen.

Ein Meisterwerk gegen Zuger, die keine defensiven Nasenbohrer sind

Zurzeit versteht es kein Team so gut wie Kloten, ein Maximum aus den vorhandenen Mitteln herauszuholen, aus fast jeder Situation heraus eine offensive Lösung zu finden, sich so schnell aus der Bedrängnis zu befreien, so zügig und direkt den vordersten Mann anzuspielen und das Eisfeld so flink zu überbrücken. Nach dem Grundsatz, dass der Puck schneller ist als der schnellste Spieler. Und gegen Zug haben die Klotener im Powerplay auf drei verschiedene gut eingespielte Varianten drei Treffer erzielt. Den Zugern, die ja keine defensiven Nasenbohrer sind, ist es nicht gelungen, im Boxplay eine Antwort zu finden. Es ist ein Meisterwerk des Coachingteams von Jeff Tomlinson. Es ist taktisch das beste Kloten seit den Zeiten der vier Meistertitel von 1993 bis 1996.

Und damit sind wir bei Klotens delikater Trainer-Situation. Tomlinson zieht sich ja Ende Saison aus gesundheitlichen Gründen von der Bande und aus der Kabine zurück. Der Kanadier bleibt dem Klub als Berater erhalten. Eigentlich eine Win-Win-Situation: Er wird wohl ab und an bei der Mannschaft vorbeischauen. Der neue Trainer kann seinen erfahrenen Vorgänger um so manchen klugen Rat fragen und viel lernen.

EHC Kloten Cheftrainer Jeff Tomlinson waehrend dem Eishockey-Meisterschaftsspiel der National League zwischen dem EHC Kloten und dem HC Lugano am Freitag, 23. Dezember 2022, in Kloten. (KEYSTONE/Patri ...
Jeff Tomlinson zieht sich von der Bande zurück.Bild: keystone

Delikte Situation

Aber so romantisch ist es in der Wirklichkeit auch in Kloten nicht. So sehr heute die Führung einer Mannschaft auch Teamarbeit sein mag: Hockeytrainer müssen ein starkes Ego haben und sie dulden in der Regel keine Nebenbuhler. Ja, sie achten eifersüchtig darauf, dass niemand dreinredet, und akzeptieren nur loyale Assistenten. Dass ein erfolgreicher Trainer sich von der Front zurückzieht, aber im Klub in beratender Funktion bleibt, ist ungewöhnlich. Welcher neue Trainer akzeptiert diese delikate Situation? Eigentlich keiner.

Mit der Suche nach diesem Trainer ist Sportchef Larry Mitchell (55) beauftragt. Der Kanadier hat zwar noch nie in der Schweiz gearbeitet, war aber mehr als zehn Jahre lang im ländlichen Deutschland in der höchsten Liga als Trainer und Sportchef tätig. Die Mentalität im Zürcher Unterland, in einem Klub, der in einem dörflichen Umfeld gegen reichere, mächtigere Konkurrenz bestehen muss, ist ihm also durchaus vertraut. Ein freundlicher, umgänglicher Sportmanager mit rhetorischem Geschick und Charme. Alles in allem ein wenig wie eine handgestrickte Version von SCB-Manager Raeto Raffainer. Aber möglicherweise mit noch mehr Hockeyverstand.

Larry Mitchell weiss, wie schwierig die Arbeit für seinen neuen Trainer werden wird. Kloten übertrifft gerade unter Jeff Tomlinson die Erwartungen bei weitem und hat soeben Meister Zug gebodigt. Kloten, wie hoch willst du noch hinaus? Das bedeutet, dass nächste Saison die Erwartungen für den Nachfolger noch höher, eigentlich zu hoch sein werden.

Eishockey, DEL, 28.08.2021, Trainingslager ERC Ingolstadt. Im Bild Sportdirektor des ERC Ingolstadt Larry MITCHELL beobachtet Training Trib
Sportchef Larry Mitchell ist gefordert.Bild: www.imago-images.de

Keine «Fallenstellerei»

Präsident Mike Schälchli ist sich dieser Gefahr sehr wohl bewusst und emsig bemüht, dafür zu sorgen, dass die Erwartungen nicht zu sehr ins Kraut schiessen. Er ahnt, dass die nächste Saison möglicherweise schwieriger sein wird als die aktuelle. Klar ist auch, dass der neue Trainer weiterhin dieses offensive, kreative Lauf- und Tempohockey, dieses taktische Meisterwerk seines Vorgängers zu hegen und zu pflegen hat. Finnische oder sonstige defensive «Fallenstellerei» geht gar nicht. Das sagen Schälchli und Mitchell übereinstimmend.

Präsident Mike Schälchli hat bereits verkündet: Sollte der Vertrag von Christian Wohlwend in Davos oben nicht verlängert werden, ist er kein Kandidat. «Das kann ich so bestätigen», sagt auch sein Sportchef. Warum das so ist, können beide allerdings nicht erklären. Es ist nun mal so wie es ist. Wir wollen nicht grübeln.

Larry Mitchell sagt, er werde mit vielen Kandidaten Gespräche führen und sich Zeit lassen. Die Bewerbungen treffen nun laufend in seinem Büro ein. Die wenigsten sind in der ganz besonderen Situation der Klotener brauchbar. Natürlich nennt der Kanadier keine Namen. Aber im Laufe des Gespräches über Gott, die Welt und Kloten kristallisiert sich ein Kandidat heraus, den er offensichtlich gut mag.

Liniger ist einer der Favoriten

Er erzählt von einem Besuch eines Spiels der GCK Lions. Die Art und Weise, wie das ZSC-Farmteam spiele, gefalle ihm. Tatsächlich sind die GCK Lions – allerdings in einer «geschützten Werkstadt» – so etwas wie die Klotener der Swiss League. Sie übertreffen die Erwartungen mit ähnlichem Hockey ebenfalls bei weitem.

Wenn Larry Mitchell das Spiel der GCK Lions gefällt, dann mag er auch den Trainer. Und tatsächlich: Klotens Sportchef sagt, er habe sich schon oft mit Michael Liniger (43) unterhalten. Ja, er spricht so respektvoll vom Trainer der GCK Lions und rühmt in dergestalt, dass eigentlich für einen neutralen Beobachter nur ein Schluss möglich ist: Liniger ist einer von Mitchells Favoriten. Was er natürlich so nicht bestätigt.

GCK Cheftrainer Michael Liniger waehrend eines Testspiels zwischen den ZSC Lions und den GCK Lions in der Kunsteisbahnhalle Oerlikon am Freitag, 6. August 2021 in Zuerich. (KEYSTONE/Christian Merz)
Kehrt Michael Liniger nach Kloten zurück?Bild: keystone

Warum eigentlich nicht? Bei näherem Hinsehen zeigt sich: Michael Liniger eignet sich gleich in vielerlei Hinsicht für den Job in Kloten.

Zu normal und zu nett?

Da ist einmal die Art und Weise, wie er spielen lässt. Der Umgang mit jungen Spielern – in Kloten von zentraler Bedeutung – gehört für ihn als Chef eines Farmteams sowieso zur täglichen Arbeit. Und ganz wichtig: In Zürich hat er seit sechs Jahren gelernt, auf Ratschläge erfahrener Hockeykenner wie ZSC-Sportchef Sven Leuenberger oder ZSC-Manager Peter Zahner zu hören (oder so zu tun, als höre er zu).

Er würde in Kloten sehr gut mit seinem Vorgänger Jeff Tomlinson auskommen und er wäre klug genug, Ratschläge von diesem Erfolgstrainer anzunehmen und zu lernen. Er ist kein Egozentriker wie so viele Bandengeneräle und könnte sich gut ins Coaching-Team integrieren. Kommt dazu, dass ihm die Problematik mit einem Farmteam vertraut ist. Das ist nicht ganz unwichtig: Nächste Saison wird der EHC Winterthur eng mit Kloten zusammenarbeiten.

Aber es gibt ein Problem: Präsident Schälchli lässt im Gespräch durchblicken, dass er sich für Liniger (noch?) nicht erwärmen kann. Möglicherweise, weil er denkt, Liniger sei für eine so exponierte sportliche Führungsposition zu umgänglich, zu normal.

Vielleicht kann Sportchef Mitchell seinen Präsidenten ja noch umstimmen. Sicher ist: Er wird ihm mehrere Kandidaten präsentieren müssen. Der EHC Kloten steht vor der heikelsten Trainerwahl seiner Geschichte.

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20 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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insert_brain_here
09.01.2023 09:51registriert Oktober 2019
„Ausländer von der mediokren Qualität des Amerikaners werden heute eigentlich nur noch von Lugano und vom SC Bern beschäftig“

Wenn der Seitenhieb einschlägt wie eine Interkontinentalrakete :D
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Wenn nicht Ich wer dann
09.01.2023 09:53registriert Juli 2019
Mann, jetzt dachte ich wow, endlich mal ein KZ Artikel über Kloten, voll mit übertriebener Polemik und seinen Weisheiten. Und was lese ich , nur wohlwollendes, ja fast liebliches Geschwafel und Lobhuddelei. Muss ich mir Sorgen machen, Klaus?
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