Panik auf der Hockey-Titanic – der Sport ist nicht das einzige Problem beim SCB
Jürg Fuhrer wird am 1. Mai offiziell Marc Lüthis Nachfolger als oberster SCB-Chef. Er hat erkannt: Der SC Bern muss vom «Bundesamt für Eishockey» zurück in ein dynamisches Sportunternehmen verwandelt werden. Sonst gibt es keinen Ausweg aus der sportlichen Bedeutungslosigkeit.
Dieser Kulturwandel kostet viel Geld. Weil bestehende Verträge respektiert und notfalls ausbezahlt werden müssen. Da die Geldspeicher noch gut gefüllt sind und intern klar ist, dass alles in Anstand über die Bühne gehen soll und nicht zu einem weiteren Imageverlust führen darf (die Spieler und ihre Agenten können also beruhigt sein), wird die sportliche Revolution nicht am Geld scheitern. Höchstens am fehlenden Mut. Die bange Frage: Hat Jürg Fuhrer die Courage, dieses «House Cleaning» durchzuziehen? Es wäre fatal, wenn er auf halbem Weg stehen bleibt.
Plüss ist in den Ferien
Noch sind offenbar nicht alle vom revolutionären Geist der Mission «Make the SCB great again!» beseelt. Intern wird kritisiert, Untersportchef Martin Plüss – er hat in allen Transfer-Dingen nach wie vor das letzte Wort - weile in diesen unruhigen Tagen in den Ferien. Die Kritiker seien aber beruhigt worden: Der Ferienplan sei noch von Marc Lüthi bewilligt worden. Unter der neuen Führung von Jürg Fuhrer würden solche Abwesenheiten zur Unzeit natürlich nicht mehr gestattet. Dann sei der Juli der Ferienmonat.
Nun denn, beim SCB rockt es nicht nur in der Sportabteilung gehörig. Unruhig sind die Zeiten auch in der Gastronomie-Abteilung. Sven Rindlisbacher, der tüchtige Direktor der Sportgastro AG und Mitglied der SCB-Gesamtgeschäftsleitung verlässt das Unternehmen zusammen mit seinem ebenso tüchtigen Stellvertreter Pascal Gigandet. Beide gehören zu den «Zeugen Marc Lüthis» und gehen gemeinsam mit ihrem Mentor von Bord.
Im Rahmen der Beizen-Neuorganisation geht auch Justin Krueger, der Sohn von Ex-Nationaltrainer Ralph Krueger. Er ist Mitglied der Geschäftsleitung der Sportgastro AG. Wie in der Sportabteilung also auch hier bereits drei prominente Abgänge. Immerhin müssen in diesen Fällen – anders als bei Ramon Untersander, Joël Vermin und Hardy Häman Aktell – keine Verträge abgefunden werden.
Rote Zahlen drohen
Der Hintergrund der «Beizen-Revolution»: Neben dem NL-Sportbetrieb ist die Gastronomie die wichtigste Einnahmequelle und macht gut und gerne die Hälfte des Gesamtumsatzes (rund 60 Millionen Franken) der SCB-Gruppe aus. Gewährsleute sagen, diese Einnahmen seien in einem sowieso schwierigen Markt in besorgniserregender Weise ins Rutschen geraten. Rote Zahlen seien nicht mehr auszuschliessen. Panik auf der Hockey-Titanic.
Immerhin gibt es nicht nur Abgänge. Soeben ist der Vertrag mit Emil Bemström (26) um ein Jahr verlängert worden. Der zerbrechliche schwedische Schillerfalter kam im letzten Herbst nach Bern und kann – wenn er denn nicht verletzt ist – eine offensive Bereicherung sein. Er hat in 34 Spielen immerhin 20 Punkte (12 Tore) beigesteuert. Das ist inzwischen für einen SCB-Ausländer eine beeindruckende Statistik.
Plüss' Position ist geschwächt
Je eher es gelingt, für ausgemusterte Spieler einen neuen Arbeitgeber zu finden, desto günstiger wird das «House Cleaning». Martin Plüss operiert in dieser heiklen Lage etwas unglücklich: Spieler aus Verträgen zu verabschieden oder bei der Konkurrenz einzutauschen, erfordert eine klare Vision, Diskretion, entschlossenes Vorgehen und sollte zügig, aber ohne Hast über die Bühne gehen. Zieht sich das Ganze in die Länge und gelangt durch Indiskretionen gar noch in die Öffentlichkeit, wird die Verhandlungsposition immer schwächer.
Genau das ist jetzt bei Bern der Fall. Ein cleverer Sportchef bringt es auf die Frage, ob er sich beim «SCB-Rampenverkauf» auch bedienen werde, auf den Punkt. «Wenn Du mich heute fragst, dann muss ich sagen: Nein, die sind viel zu teuer. Aber wenn Du mich in einer Woche oder in einem Monat fragst, ist die Situation möglicherweise eine andere. Ich gehe davon aus, dass die Preise fallen werden …»
Durch sein glückloses Vorgehen ähnelt die Situation von Martin Plüss einem Pokerspieler, der mit umgekehrten Karten am Tisch sitzt und alle seine Gegenspieler können sein Blatt offen einsehen.
Hoch entwickelte Ausredenkultur
Intern wird die Kritik am tüchtigen SCB-Untersportchef relativiert. Er brauche noch etwas Zeit, müsse halt weitere Erfahrungen sammeln und verdiene eine weitere Chance. Na denn: Nach mehr als 800 Partien in unserer höchsten Liga, über 200 Spielen in der obersten schwedischen Spielklasse, aus zwölf WM- und vier Olympia-Turnieren sowie etwas mehr als 200 Länderspielen, aus mehrjähriger Tätigkeit als Spieler-Berater und inzwischen doch auch schon drei Jahren beim SCB als Consultant, Ober- und Untersportchef braucht Martin Plüss schon noch etwas Zeit, um sich im modernen Hockey-Business einzuleben.
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Es ist höchst beunruhigend, wenn selbst die dem SCB sehr nahestehende, fachkundige, sachliche und jeder Polemik abholde «Berner Zeitung» soeben titelte: «Was macht eigentlich Sportchef Martin Plüss?»
Das sportliche «House Cleaning» und die Reorganisation der Gastro-Abteilung haben erst begonnen. Ob die Aktion «Make the SCB great again!» erfolgreich zu Ende geführt werden kann, hängt davon ab, wie wetterfest der neue SCB-Zampano Jürg Fuhrer in den kommenden stürmischen Zeiten sein wird. Oder etwas boshafter: Ob es den Schlaumeiern und Hobby-Machiavellisten im weitverzweigten SCB-Fuchsbau gelingt, den Reformwillen des neuen obersten Chefs mit Ausreden und Ausflüchten rechtzeitig zu dämpfen. Die SCB-Ausredenkultur ist hoch entwickelt.
Jürg Fuhrer, willkommen im bunten SCB-Zirkus! Die Hockey-Titanic steht vor den wichtigsten Wochen seit dem Wiederaufstieg am grünen Tisch im Frühjahr 1986.
