Ein Weltrekord – aber er hilft den ZSC Lions gegen Davos nicht
Der Heimvorteil: Lärm, Emotionen, Energie wie ein kollektiver Atem, der die Halle füllt wie der Nebel vor dem Sturm. Tausende jubeln und richten. Und die Schiedsrichter natürlich unter Druck. Hockey-Romantik in Trutzburgen wie die alte Valascia, die Kultarena «Les Augustins» in Fribourg oder das rauchige Hallenstadion zu Oerlikon. Arenen, die es heute nicht mehr gibt oder die kein Hockeyteam mehr beherbergen.
Die Statistik, die unerbittliche, zeigt allerdings, dass der Heimvorteil mehr Mythos als Realität ist. Und sogar als Heimnachteil eine Ausrede sein kann. Erfunden vom legendären Nationaltrainer Ralph Krueger. Um das schmähliche Scheitern bei der Heim-WM 2009 (Viertelfinal verpasst) zu erklären. Der Heimvorteil als Last. Nichts wird verziehen. Forderung statt Hoffnung. Druck statt Unterstützung. Heimnachteil.
Die Beweise für Ralph Kruegers Theorie sind erdrückend. Lugano hat seit Einführung der Playoffs drei, der SCB sieben, der HCD vier, der ZSC fünf Titel mit einem Sieg in einem fremden Stadion geholt und auch Zug ist 1998 auswärts (in Davos) erstmals Meister geworden.
Wollen die ZSC Lions gegen Davos den Final erreichen, dann müssen sie den Mythos Heimvorteil mit Ralph Kruegers «Heimnachteil» kombinieren.
Die Zürcher haben am Montag gegen Davos 3:1 gewonnen und die Serie ausgeglichen (1:1). Der 19. Playoff-Heimsieg in Serie. Ein Weltrekord. Schier unfassbar. Zwei Siege gegen Lugano, sechs gegen Lausanne, vier gegen Davos, drei gegen Kloten und je zwei gegen Zug und Biel. Die letzte Playoff-Heimniederlage: Am 5. April 2023 im Halbfinal gegen Biel (3:5).
Niemand hat eine Erklärung für diese weltweit einmalige Playoff-Heimstärke. Ja, sie ist so selbstverständlich geworden, dass das defensive Raubein Christian Marti, darauf angesprochen, gar nicht weiss, dass sein Team diesen Rekord hält. Auch nach langem Nachdenken findet er keine Erklärung.
Die Swiss Life Arena ist hochmodern und erst im Oktober 2022 eröffnet worden. Also keine alte Hockey-Kultstätte mit Dämonen, die in alten Gemäuern hausen und fremde Eindringlinge ängstigen. Keine Kabinen, die so eng sind, dass dem Gegner Angst und Bang wird. Laut ist es im neuen Zürcher Hockey-Tempel und der Video-Würfel ist der grösste in Europa. Aber laut ist es auch in den neuen Arenen in Biel oder Lausanne. Der Lärm kann es nicht sein.
Wahrscheinlich hat die Erklärung für diesen Rekord mehr mit einer ganz besonderen Leistungskultur als dem Heimvorteil zu tun. Die ZSC Lions verlieren hin und wieder auch auf eigenem Eis schmählich. Etwa gegen Ajoie. Aber in der Qualifikation. Wenn es in den Playoffs ums «Eingemachte» geht, dann sorgen die Leitwölfe in der Kabine dafür, dass alle näher zusammenrücken und mit einer Leidenschaft sondergleichen bei der Sache sind. Im eigenen Stadion sowieso.
Aktuelle
Note
7
Ein Führungsspieler, der eine Partie entscheiden kann und sein Team auf und neben dem Eis besser macht.
6-7
Ein Spieler mit so viel Talent, dass er an einem guten Abend eine Partie entscheiden kann und ein Leader ist.
5-6
Ein guter NL-Spieler: Oft talentierte Schillerfalter, manchmal auch seriöse Arbeiter, die viel aus ihrem Talent machen.
4-5
Ein Spieler für den 3. oder 4. Block, ein altgedienter Haudegen oder ein Frischling.
3-4
Die Zukunft noch vor sich oder die Zukunft bereits hinter sich.
Die Bewertung ist der Hockey-Notenschlüssel aus Nordamerika, der von 1 (Minimum) bis 7 (Maximum) geht. Es gibt keine Noten unter 3, denn wer in der höchsten Liga spielt, ist doch zumindest knapp genügend.
Punkte
Goals/Assists
Spiele
Strafminuten
-
Er ist
-
Er kann
-
Erwarte
Aber eben: Wenn die Zürcher auswärts nicht gewinnen, nützt es nichts, wenn sie ihren Playoff-Heimrekord gegen Davos mit zwei weiteren Halbfinal-Heimsiegen auf 21 Partien schrauben. Sie brauchen mindestens einen Sieg in Davos.
ZSC-Trainer Marco Bayer sieht das ganz pragmatisch, wie es seine Art ist. «Ja, so ist der Modus. Am Mittwoch haben wir die nächste Chance.» Die alles entscheidende Frage ist also: Können die ZSC Lions auch in Davos oben mit der gleichen Intensität den HCD «vom Eis arbeiten» wie am Montag in der eigenen Arena?
Spielerische Mittel reichten am Montag nicht. Zu präzis, zu schnell, zu diszipliniert spielen die Davoser und zu gut ist Torhüter Sandro Aeschlimann. Erst mit einem Energieschub, einer eindrücklichen, ja schier unglaublichen Steigerung im Schlussdrittel gelingt es, einen starken HCD zu besiegen. Bis unters Stadiondach ist die Energie zu spüren und die Schussstatistik ist ein Energie-Thermometer: 6:6 Torschüsse im ersten, 14:10 im zweiten und sage und schreibe 19:6 im letzten Drittel. Gegen einen starken HCD, der bis zuletzt alles Menschenmögliche unternimmt und auch den Torhüter durch einen sechsten Feldspieler ersetzt.
Mit ziemlicher Sicherheit ist dieses letzte Drittel das beste, das die ZSC Lions in der Swiss Life Arena, ja seit Menschengedenken gespielt haben. Auch ohne den verletzten Vorkämpfer Sven Andrighetto. Pures Powerhockey, gegen das kein Kraut gewachsen war und dem nicht einmal der HCD widerstehen konnte.
Können die ZSC Lions auch auswärts diese Energie aufbringen? Marco Bayer ist davon überzeugt und sieht Lücken im defensiven HCD-Dispositiv. Das ZSC-Finalrezept ist eigentlich ganz einfach: Den Heimvorteil im eigenen Stadion bestätigen und in der gegnerischen Arena Ralph Kruegers «Heimnachteil» nützen. Vielleicht ist es ja ein gutes Omen für die Zürcher, dass Ralph Krueger, der Erfinder der Ausrede «Heimnachteil» in Davos lebt …
