Von der Lachfigur zum grossen Helden: Die Auferstehung von HCD-Pitbull Lemieux
Bloss 65 Sekunden dauerte die Verlängerung im fünften Halbfinalspiel zwischen dem HC Davos und den ZSC Lions. Nach einem Lauf über das ganze Eisfeld netzte HCD-Stürmer Brendan Lemieux ein und sorgte für Freudentaumel bei den Bündnern.
Erstmals seit 2015 steht der Rekordmeister wieder in einem Playoff-Final. Dass ausgerechnet Lemieux die Davoser zum Sieg schiesst, ist, wenn man ein Jahr zurückschaut, eine ganz besondere Geschichte.
Der fatale Schlag
Am 3. April 2025 findet in der Zürcher Swiss Life Arena das dritte Halbfinalspiel zwischen dem ZSC und Davos statt. Drei Minuten vor der zweiten Pause führt das Heimteam knapp mit 2:1, als es zu einer denkwürdigen Szene kommt: Nach einem Getümmel vor dem Davoser Tor liefern sich Chris Baltisberger und Lemieux ein kleines Privatduell. Dieses endet aber abrupt, als Lemieux aus Versehen dem sich einmischenden Linesman Dominik Altmann einen Kinnhaken verpasst.
Daraufhin wird der Kanadier unter die Dusche gestellt und auch Altmann kann nach dem harten Schlag die Partie nicht beenden. Die Lions gewinnen das Spiel schlussendlich deutlich mit 5:1, Lemieux wird für mehrere Spiele gesperrt und kommt bis zum Saisonende nicht mehr zum Einsatz. Der ZSC setzt sich in der Serie mit 4:2 durch und wird kurze Zeit später Schweizer Meister.
Zu seinem Ausraster sagt Lemieux damals: «Es war einfach ein Gerangel vor dem Tor, wie es oft vorkommt. Unglücklicherweise kam der Kopf des Linesman zwischen uns. Ich habe ihn getroffen, nicht hart, aber hart genug. Ich weiss, das will niemand sehen. Die Refs machen ihren Job. Es war einfach eine unglückliche Position, das passiert manchmal.»
Unglückliches erstes Jahr in Davos
Der Faustschlag von Lemieux war bezeichnend für seine erste Saison bei den Bündnern. Im Dezember 2024 wechselte der heute 30-Jährige zum HCD. Der Sohn des vierfachen Stanley-Cup-Champions Claude Lemieux verbuchte bis zu seinem fatalen Faustschlag aber nur einen Skorerpunkt.
Wie der langjährige NHL-Spieler im Nachhinein in einem Blick-Interview erklärte, kämpfte er mit dem hohen Tempo in der National League und vermisste auch die Werbeunterbrechungen, wie er sie aus Nordamerika kannte. «Lange habe ich mich im Spiel nicht wohlgefühlt», gestand Lemieux, welcher in seiner NHL-Karriere in 315 Einsätzen über 550 Strafminuten sammelte.
Zu Beginn der laufenden Saison stand der Kanadier zwar nur selten im Aufgebot und musste als überzähliger Ausländer oft auf der Tribüne Platz nehmen. Doch wenn er auf dem Eis stand, lieferte er und sammelte in seinen ersten fünf Einsätzen gleich drei Skorerpunkte.
So richtig in Fahrt kam Lemieux rund um den Jahreswechsel. In sechs Partien nacheinander traf er jedes Mal und erzielte gegen Lausanne sogar einen Hattrick. Plötzlich war die einstige Lachfigur der grosse Held und wurde immer mehr zum Publikumsliebling.
Auch in den Playoffs brandgefährlich
Neben seinen Skorerfähigkeiten überzeugte Lemieux auch weiterhin als Provokateur und Aggressivleader. So sorgte er für mehrere kuriose Bilder, wie zum Beispiel, als er nach einer Rauferei gleich zwei Zuger Spieler am Kragen packte.
In den Playoffs kam Lemieux zwar als überzähliger Ausländer in vier Partien nicht zum Einsatz. Er gehörte aber, wenn er im Kader stand, zu den Schlüsselfiguren. Im Viertelfinal gegen den EV Zug erzielte Lemieux im ersten Spiel kurz vor Schluss den wichtigen Ausgleich und im dritten Spiel der Serie bereitete er beim 7:3-Kantersieg gleich drei Treffer vor.
Sogar die Gegner zittern vor Pitbull-Lemieux
Die grosse Auferstehung von Lemieux blieb auch beim Halbfinalgegner ZSC nicht unbemerkt. Nach dem dritten Spiel der Serie sagte Christian Marti in einem Interview mit dem Blick: «Ich finde es schon irgendwie komisch. Vor einem Jahr haben ihn alle ausgelacht und jetzt sagt man plötzlich, er mache es super, weil er vors Tor gehe. Lemieux wird Vollgas von den Medien gehypt. Er ist ein kleiner Pitbull, das ist so. Aber er wird auch mega gepusht. Bei ihm weiss man nie, ob man dann irgendwann noch eine Faust im Gesicht hat. Angenehm ist das nicht.»
Diese Aussagen dürften wohl eher motivierend für Lemieux gewesen sein. Im darauffolgenden Auswärtsspiel erzielte der Flügelspieler das wichtige 2:1 für seine Farben. Auch dank dieses Treffers sorgte der HCD für das erste Break der Serie und sicherte sich dadurch drei Matchpucks.
Nach dem entscheidenden Treffer von Lemieux im Spiel 5 träumen die Davoser vom ersten Meistertitel seit elf Jahren. Lemieux selbst stellte sich nach dem Sieg nicht zu sehr ins Rampenlicht. «Wir haben das ganze Jahr wirklich hart gearbeitet. Es ist nie nur ein einzelner Spieler. Ich hatte einfach Glück, dass der Puck reingegangen ist», erklärte Lemieux gegenüber «MySports».
Weiter geht es für Lemieux und seinen HCD am kommenden Samstag. Dann findet das erste Finalspiel gegen Fribourg-Gottéron statt. «Ich bin aufgeregt», zeigt sich Lemieux vorfreudig.
