Ist Cadieux der bessere «Bench Boss» als Fischer?
Der «Bench Boss» managt eine Partie von der Spielerbank («Bench») aus. Er trifft zusammen mit seinen Assistenten laufend die wichtigen Entscheidungen, die den Ausgang eines Spiels stark beeinflussen können.
Den Ausdruck haben die Nordamerikaner kreiert und betont die Autorität und Verantwortung eines Coaches während eines Spiels an der Bande. Es geht nicht um Visionen. Es geht um die Fähigkeit, die Ruhe zu bewahren und das Momentum zu erspüren, wie ein alter Kapitän im Sturm die Strömung unter dem Kiels seines Schiffes. Der «Bench Boss» klammert sich nicht an den zuvor entworfenen «Game Plan». Er lebt während des Spiels im Augenblick.
Patrick Fischer ist als dreifacher WM-Silberschmied der erfolgreichste Nationaltrainer unserer Geschichte – und wird es auf Jahre, vielleicht Jahrzehnte hinaus bleiben. Aber: Der ganz grosse Triumph ist ausgeblieben. Drei Finals, drei Niederlagen. Irgendwo zwischen Kopenhagen, Prag und Stockholm ist die These entstanden, die zunächst ketzerisch klingt und inzwischen ein wenig zur Hockey-Folklore gehört: Patrick Fischer sei eben kein gosser «Bench Boss».
Eine steile These. Vielleicht ungerecht. Aber mit einem Körnchen Wahrheit. Die Zweifel stammen aus seiner Zeit als Klubtrainer. Patrick Fischer sorgte in Lugano zwei Jahre lang für Aufbruchstimmung, scheiterte aber 2014 und 2015 bereits im Viertelfinal gegen Chris McSorleys Servette. Der Kanadier, vielleicht der beste «Bench Boss» der Neuzeit, coachte Patrick Fischer gnadenlos aus. Dem späteren mehrfachen Trainer des Jahres war im Klubhockey also kein Erfolg vergönnt.
Jan Cadieux hat nicht das Charisma seines Vorgängers. Obwohl er drei Landessprachen fliessend beherrscht, wird er nie ein nationaler Eishockey-Erklärer sein. Er fühlt sich unten im Maschinenraum wohler als oben im Scheinwerferlicht der Kommandobrücke und wirkt eher wie einer, der in der Nacht nochmals in die Werkstatt zurückkehrt, um den Motor auseinanderzunehmen und wieder zusammenzubauen. Will heissen: Seine Stärke ist nicht die grosse Vision. Eher das Gespür für Spieler und Situationen während eines Spiels. Linien auch mal umstellen, eine andere Formation im Powerplay forcieren und die Spieler nach ihren Fähigkeiten über die vier Linien so verteilen, dass die Balance stimmt. Und im «Pulverdampf» der Emotionen den Überblick behalten und die Stimmung auf der Bank intuitiv erfassen.
Jan Cadieux ist also ein klassischer «Bench Boss» und hat mit dem Klub entscheidende Spiele unter maximalem Druck gewonnen: 2023 mit Servette Spiel sieben im Final um die nationale Meisterschaft gegen Biel (4:1) und 2024 den Final der Champions Hockey League gegen Lukko Rauma (3:2).
Ist er der bessere «Bench Boss» als sein Vorgänger Patrick Fischer? Im Klubhockey war er es auf jeden Fall. Nun wird sich zeigen, ob er es auch an der nationalen Bande sein wird. Die Messlatte liegt allerdings hoch. Patrick Fischer hat zwar drei WM-Finals knapp verloren. Aber er hat auf dem Weg in diese Endspiele auch drei WM-Viertelfinals (6:0 gegen Österreich, 3:2 gegen Finnland, 3:1 gegen Deutschland) und drei Halbfinals (3:2 n.P. und 3:2 gegen Kanada, 7:0 gegen Dänemark) gewonnen.
Die eigentliche Frage lautet nicht bloss: Ist Jan Cadieux der bessere «Bench Boss». Sondern: Braucht es einen besseren «Bench Boss», um erstmals Weltmeister zu werden? Die Spieler sind nicht besser als bei den drei letzten verlorenen Finals. Vielleicht kann nur ein «Bench Boss» die Differenz machen.
Jan Cadieux hat sich bei seinem WM-Debüt gegen die USA und Lettland angedeutet, dass er an der nationalen Bande das Zeug zum erfolgreichen «Bench Boss» hat. Weniger Rockstar, mehr Schach-Grossmeister.
Am Montagabend kommen die Deutschen. Die nächste Herausforderung auf dem langen Weg zum goldenen Gipfel und zur Antwort auf die Frage, ob er tatsächlich der bessere «Bench Boss» ist als sein Vorgänger.
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