Biel, Bern und der Befreiungsschlag, den keiner wagt
Die Goalie-Position ist zentral. Eine Fehlbesetzung fatal. Aber manchmal gewinnt einer alles, der alles riskiert.
Im Frühjahr 2007 verliert Arno Del Curto in Davos oben seinen Meistergoalie Jonas Hiller (wechselt in die NHL). Auf dem helvetischen Spielermarkt werden keine grossen Torhüter angeboten. Die Titanen sind anderorts unter Vertrag: Marco Bührer in Bern, Gianluca Mona in Genf, Ronnie Rüeger in Kloten, Lars Weibel in Zug. Eine Ausländerlizenz will der HCD-Trainer – anders als die ZSC Lions mit Ari Sulander und Gottéron mit Sébastien Caron – nicht für einen Torhüter opfern.
Der HCD hat die Liga mit den Titeln von 2002, 2005 und 2007 gerockt – und will die Liga weiterhin rocken. Aber wie soll das ohne meisterlichen Torhüter gehen?
Es ist ein ähnliches Problem, das aktuell auch den Ober- und Untersportchef in Bern und den Sportchef in Biel umtreibt. Sie möchten ihre Teams wieder in die Spitzengruppe bringen. Aber sie sind in der Goalie-Frage in eine ähnliche Sackgasse geraten wie damals Arno Del Curto nach dem Wegzug von Jonas Hiller. Bern hat für die nächste Saison erst Christof von Burg (25) unter Vertrag und auf dem heimischen Spielermarkt wird keine einzige Nummer 1 angeboten. Ob Christof von Burg für die höchste Liga taugt, weiss niemand. Weil die Berner diese Saison nicht den Mut haben, ihm eine Chance zu geben.
In Biel ist die Sache noch verzwickter. Weil alle das Risiko scheuen, stehen für die nächste Saison zwei Veteranen unter Vertrag. Der Finne Harri Säteri (35) und Viktor Östlund (31), ein Saurier aus der Swiss League mit Schweizer Lizenz.
Arno Del Curto war ein Nonkonformist. Er suchte eine Lösung für die Zukunft. Zaghaftes Festhalten an der Vergangenheit und vertrauten Namen war seine Sache nicht. Er setzte zu hundert Prozent auf die Karte Risiko und holte zwei 20-jährige Goalies aus der Organisation der ZSC Lions, die keine Chance hatten, an Ari Sulander vorbeizukommen: Leonardo Genoni und Reto Berra.
Hier eine der zeitgenössischen Reaktionen auf diese mutige Entscheidung – und die Analyse über die Stärken und Schwächen der beiden Goalies, die noch kaum jemand kannte:
Berra ist vom Stil her mit Hiller vergleichbar. Ein grosser, ruhiger, mental starker Butterfly-Stilist und Blocker, der Gegentore gut wegstecken kann. Der HCD wird kaum Spiele wegen Berra verlieren – aber auch nur wenige wegen ihm gewinnen. Genoni ist kleiner und mehr ‹Reflexist›, im Training zu sich selbst gnädig, dafür ein ‹Spielgoalie›, der in einem Match über sich hinauswachsen kann. Die Davoser werden wohl hin und wieder wegen ihm verlieren – aber Genoni kann dafür auch mal ein Spiel für den HCD entscheiden. Kann einer der beiden Jonas Hiller ersetzen? Nein.»
Bereits im Frühjahr 2009 hexen Leonardo Genoni und Reto Berra den HCD gemeinsam zum Titel, im Final gegen Kloten kommen beide zum Zuge. Noch heute gelten beide als Titanen des helvetischen Torhütergeschäftes. Beide sind mehrfache WM-Silberhelden und bei der letzten WM bekam Leonardo Genoni Lob und Preis als bester Torhüter und MVP.
Ist so ein Experiment, wie es Arno Del Curto damals wagte, heute noch möglich? Ja, es wäre für Bern und Biel machbar – und für beide der Befreiungsschlag, der das Goalie-Problem lösen könnte.
Christof von Burg und Luis Janett sind zwei 25-jährige Torhüter, die – wie damals Genoni und Berra – aus der zweithöchsten Liga kommen. Christof von Burg ist beim SCB bis 2027 unter Vertrag, Luis Janett in Biel noch bis Ende Saison. Der SCB hätte also die Chance, das «Arno-Experiment» mit Christof von Burg und Luis Janett zu wiederholen. Mit dem verlässlichen Veteranen Sandro Zurkirchen (35) als Absicherung. Dann wäre es möglich, sechs Ausländerlizenzen für Feldspieler einzusetzen.
Luis Janett hat inzwischen in Biel sogar schon bewiesen, dass er für die höchste Liga taugt. Am Dienstag hexte er die Bieler in der Penalty-Entscheidung zum Sieg über Tabellenführer Davos (4:3) und wurde zum besten Mann des Spiels gewählt. Sein vierter Sieg bei seinen letzten fünf Einsätzen.
Aber eben: Biel setzt nächste Saison lieber auf Harri Säteri und Viktor Östlund. Zwei, die ihre Zukunft schon lange hinter sich haben.
Es gibt Anzeichen dafür, dass die sportliche Führung diesen Entscheid bereits bereut. Nach dem Sieg über Davos – die Fans feiern Luis Janett noch mit Sprechchören – fragt ein vorwitziger, wohl auf Polemik hoffender Chronist unten im Kabinengang einen der höchsten Bieler Bürogeneräle freundlich, ob man den Entscheid, mit Janett nicht mehr zu verlängern, noch einmal überdenken werde. Der reagiert so heftig, dass er sich noch am gleichen Abend – weil er ein Gentleman ist und die Bieler Stil haben – per WhatsApp entschuldigt: «Hast mich links erwischt. Habe mich einfach oft und sehr über das Theater neben dem Eis aufgeregt …» Mit dem Theater meint er die Diskussionen mit Luis Janetts Agenten André Rufener, der sich halt für seinen Klienten eingesetzt hat.
Der besagte Chronist hat sich auch in Bern erkundigt, ob das «Arno-Experiment» denkbar sei. Wäre ja kein Problem: Der SCB kann Luis Janett für die nächste Saison verpflichten und hat Christof von Burg bereits unter Vertrag. Obersportchef Martin Plüss sagt, wie es seine freundliche, sachliche Art ist, er habe sich auch über diese Lösung Gedanken gemacht, es gebe aber auch andere Varianten. Die Berner hoffen halt immer noch, Lausannes Connor Hughes durch ein Tauschgeschäft erwerben zu können.
Wir können die Frage auch so stellen: Wären der SCB und Biel mit Christof von Burg/Luis Janett schlechter klassiert? Mit ziemlicher Sicherheit nicht. Wären der SCB und Biel mit diesen beiden Torhütern besser klassiert? Wahrscheinlich schon.
Das Experiment mit den beiden jungen Goalies könnte der Befreiungsschlag sein. Wir können davon ausgehen, dass ihn auch der SCB nicht wagen wird. Nonkonformisten wie Arno Del Curto gibt es weder in Bern noch in Biel. Gibt es sie überhaupt noch?
Das ganze Programm von TV24, 3+ und oneplus findest du hier.
