Was wäre, wenn … Unser Hockey liefert ein spektakuläres Beispiel für kontrafaktische Geschichtsschreibung: Was wäre, wenn Kevin Schläpfer am 15. Oktober 2015 Nationaltrainer geworden wäre? Der damalige Verbandssportdirektor Raëto Raffainer offerierte Biels Trainer Kevin Schläpfer den Job. Doch Biels Verwaltungsrat sagte einstimmig nein und unter Tränen verzichtete der Baselbieter auf seinen Traumjob. Gut ein Jahr später musste er in Biel gehen.
Eine Woche nach Kevin Schläpfers dramatischem Verzicht wird Patrick Fischer am 22. Oktober 2015 in Lugano gefeuert. Und so kommt es, dass Patrick Fischer und nicht Kevin Schläpfer Nationaltrainer geworden ist.
In der kontrafaktischen Geschichtsschreibung wird auf seriöse Weise darüber spekuliert, was geschehen wäre, wenn bestimmte historische Ereignisse nicht oder anders eingetroffen wären. Wenn beispielsweise Kevin Schläpfer statt Patrick Fischer Nationaltrainer geworden wäre.
Die Geschichte unseres Hockeys wäre vermutlich anders gelaufen. Aber besser als Patrick Fischer mit den zwei WM-Finals (2018, 2024) hätte es Kevin Schläpfer nicht machen können. Und politisch einflussreicher wäre Kevin Schläpfer auch nicht geworden: Soeben hat Patrick Fischer den Amtsverzicht von Verbandspräsident Stefan Schärer provoziert: Es war der Nationaltrainer, der die Streikdrohung des Verbandspersonals beim Weihnachtsessen orchestriert und dadurch den Rücktritt seines Chefs unausweichlich gemacht hat.
Mindestens bis zur nächsten WM, mit ziemlicher Sicherheit aber bis zur WM 2026 in Zürich und Fribourg, ist Patrick Fischer nun der mächtigste Mann in unserem Hockey. Das bedeutet: Ein Nationaltrainer, der den Verbandsboss zu stürzen vermag, hat wie keiner seiner Vorgänger den Rückhalt der gesamten Verbands-Administration und aller Klubgeneräle, die mit ihren Versuchen Stefan Schärer zu stürzen, kläglich gescheitert waren. Zum ersten Mal in der Geschichte wird es keine interne Kritik am Nationaltrainer geben.
Was wäre aus dem heute mächtigsten Mann unseres Hockeys geworden, wenn Kevin Schläpfer Nationaltrainer geworden wäre? Wir können davon ausgehen, dass er seinen Weg so oder so gemacht hätte. Vielleicht wäre er Sportdirektor in Bern oder Davos geworden – oder doch Nationaltrainer, wenn Kevin Schläpfer im Amte gescheitert wäre. Wir wollen nicht grübeln.
Statt hin und wieder nach Amerika zu fliegen, um als Nationaltrainer die Kontakte mit NHL-Stars wie Roman Josi, Nico Hischier oder Nino Niederreiter zu pflegen, tingelt Kevin Schläpfer nun als Sportchef mit dem EHC Basel durch die Provinz. Um sich dort über einen Fehlpass oder eine verpasste Torchance von Spielern zu ärgern, die nie auch nur in die Nähe der Nationalmannschaft kommen und Patrick Fischer vielleicht persönlich gar nie kennenlernen werden. Statt während der WM im Mittelpunkt der helvetischen Sportöffentlichkeit zu stehen, besucht Kevin Schläpfer hin und wieder mehr oder weniger inkognito eine WM-Partie.
Er hadert nicht mit der schicksalsschweren Entscheidung im Oktober 2015. Der EHC Biel hatte ihm eine Karriere ermöglicht, hier war er zum «Hockey-Gott» geworden und im Gegenzug blieb er loyal zu den Bielern. Er ist mit sich im Reinen, für ihn stimmt es so.
Geschichte zu erleben, ist noch eindrücklicher, als Geschichte nur zu erzählen. Ortstermin am letzten Sonntag im Kleinholz zu Olten. Basel wird Olten nach einem dramatischen Spiel 4:3 besiegen. Kevin Schläpfer ist mindestens so engagiert bei der Sache wie Patrick Fischer in diesen Tagen bei den Länderspielen in Fribourg. Er nimmt ganz oben auf der Tribüne Platz. Dort, wo die Sitze mit einer Ablagefläche versehen sind. Basels Sportchef ist ein Praktiker, kein Theoretiker und vertraut auf das, was er unten auf dem Eis sieht, und nicht auf das, was ihm als Statistiken («Advanced Statistics») verkauft wird.
Kevin Schläpfer hat ein Formular kreiert, auf dem er mit Strichen gute und weniger gute Aktionen seiner Spieler in verschiedenen Bereichen erfasst. Daraus macht er nach jedem Spiel eine Note und vergleicht diese Note mit der Einschätzung des Trainers. In jeder Pause tauscht er sich kurz mit seinem Trainer Eric Himelfarb aus.
Der EHC Basel führt die Tabelle der Swiss League an. Aber der Verwaltungsrat hat auf ein Aufstiegsgesuch verzichtet. Vielleicht werden wir in ein paar Jahren fragen: Was wäre gewesen, wenn Basel damals fürs Frühjahr 2025 das Aufstiegsgesuch gestellt hätte?
Keine Frage: Kevin Schläpfer ist in Basel unterfordert. Er arbeitet mit Leidenschaft und Akribie an der Entwicklung der Mannschaft und weiss doch schon, dass er am Ende der Saison nicht um das grosse Ziel Aufstieg spielen, ja nicht einmal die Ligaqualifikation bestreiten darf. In einer der reichsten Städte der Welt und in einer der besten Hockey-Infrastrukturen des Landes. Irgendwie ist das so wie Marc Crawford als Trainer der GCK Lions oder Sven Leuenberger als Sportchef der Bellinzona Snakes.
Kevin Schläpfer steht noch bis zum Ende der nächsten Saison bei Basel unter Vertrag. Wenn er heute ein Angebot für einen besseren Job erhalten sollte, dann wird er mit ziemlicher Sicherheit nicht noch einmal ein «Nein» des Verwaltungsrates akzeptieren wie damals im Oktober 2015 in Biel.
Man kann ja aus der Geschichte auch lernen.