Zugs Coach – bisher mehr Clown als Zirkusdirektor
Nein, der Coach kann die Tore nicht selbst machen. Er muss hilflos zuschauen, wie seine Stürmer die besten Chancen auslassen. Und er kann, wenn er als «Feuerwehrmann» im Laufe einer Saison verpflichtet wird, nicht alle Brände löschen, die zur Entlassung seines Vorgängers geführt haben. Kommt dazu: Kritik ist meistens billige Polemik. Weil hinterher jeder freiwillige Helfer ein grosser Bandengeneral ist. Sehr oft ist der Cheftrainer in kritischen Situationen ein hilfloser Helfer und mancher verdankt seinen Ruhm Zufälligkeiten, die er gar nicht beeinflussen konnte. Das alles darf auch Zugs Benoit Groulx zu seiner Entlastung vorbringen. Aber es reicht nicht für einen Freispruch.
Zugs Schwäne singen immer noch schön. Der Schwanengesang ist der letzte grosse Auftritt am Ende einer Ära. Der Begriff kommt aus der alten Vorstellung, dass ein Schwan am Ende seines Daseins besonders schön singt. Nun geht es mit dem EV Zug natürlich nicht zu Ende. Aber die Statistik lehrt uns, dass der Ritt der Zuger eher in den Sonnenuntergang des Ruhmes als in die Morgenröte heraufziehender Meistertitel führt. Vor einem Jahr verpassten sie erstmals seit der letzten Meisterfeier (2022) den Halbfinal. Und nun haben sie trotz hohen Investitionen in neue Ausländer und einem Trainerwechsel (Benoît Groulx für Michael Liniger) in der Qualifikation nur noch Rang 8 erreicht – die schlechteste Klassierung seit 2014. Das 0:2 gegen den HCD war die 10. Playoff-Niederlage in Serie.
Und doch: Die Zuger waren bisher einer Sensation nahe. Sie führten in Davos bis knapp 7 Minuten vor Schluss 3:1 und verloren durch einen Treffer 54 Sekunden vor Schluss 3:4. Im zweiten Spiel dominierten sie den Favoriten über weite Strecken in allen Belangen und die Chancen hätten eigentlich für einen komfortablen Sieg reichen können. Die Hockey-Götter präsentierten den Zugern bereits zwei Mal auf dem Silbertablett eine Sensation. Und ihr Coach war nicht fähig, dieses Geschenk anzunehmen. Zugs Trainer war bisher mehr Clown als Zirkusdirektor.
Bei beiden Niederlagen steht Benoît Groulx in der Verantwortung. Gegen den 2:3-Anschlusstreffer hätte eine Coach's Challenge mit ziemlicher Sicherheit Erfolg gehabt. Der Treffer wäre wegen Torhüterbehinderung annulliert worden. Dafür trägt der Cheftrainer die Verantwortung. Wobei er zur Entschuldigung anführen darf: Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es in solchen Fällen nie.
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Hingegen trägt er zu hundert Prozent die Verantwortung für den kuriosesten, ja absurdesten Personalentscheid der letzten Jahre vor dem zweiten Spiel: Er schickte Dominik Kubalik auf die Tribüne. Der Tscheche hat diese Saison bereits 22 Treffer erzielt, den letzten im Play-In gegen die Lakers. Auf den besten Torschützen zu verzichten und dafür die in dieser Saison notorisch ungenügenden und auch defensiv nachlässigen Jan Kovar (11 Tore) und Daniel Vozelinek (4 Tore) aufzustellen ist eine wahrlich eigenwillige Entscheidung. Dominik Kubalik gehört zu den kaltblütigsten Vollstreckern der Liga mit einer formidablen Schusstechnik. Die Wahrscheinlichkeit ist recht hoch, dass er Zugs Dominanz am Sonntagabend in Tore umgemünzt hätte. Zugs bester Torschütze dieser Saison war fit, er hätte spielen können.
Diese Umstellung mahnt an das Frühjahr 2013, als Doug Shedden in der entscheidenden siebten Partie im Halbfinal in Bern seinen Liga-Topskorer Linus Omark auf die Tribüne schickte und durch den 38 Jahre alten Domenico Pittis ersetzte, der zuvor in zwei Halbfinalpartien nicht getroffen hatte. Auch jene Partie verlor der EVZ (1:4). Ein Jahr später verpassten die Zuger die Playoffs, Doug Shedden und Sportdirektor Jakub Horak verloren im Rahmen eines «House Cleanings» ihre Jobs. Drei Jahre später stand Zug unter einem neuen Trainer (Harold Kreis) und einem neuen Sportchef (Reto Kläy) im Frühjahr 2017 im Final. Sind das Erinnerungen an die Zukunft? Wir wollen nicht polemisieren.
Leistungsträger und prominente Namen auf die Tribüne zu verbannen, ist ein psychologisches Rumpelrezept konservativer kanadischer Bandengeneräle. Es ist eine handgestrickte Machtdemonstration. Sie funktioniert bei uns in der Regel nicht. Weil die Klubs ihre Leistungsträger – anders als in Nordamerika – nicht einfach bei der Konkurrenz eintauschen und auch nicht Konkurrenzdruck durch Spieler aus den Farmteams aufbauen können. Auch Gottérons kanadischer Trainer Patrick Emond verlor seinen Job, als er unter anderem den Leitwolf Yannick Rathgeb auf die Tribüne verbannte. Immer wieder vergessen Coaches, dass nicht der Verwaltungsrat oder der Sportchef – die ihnen in kritischen Situationen öffentlich das Vertrauen aussprechen – über ihren Job entscheiden. Bei uns wird immer – immer! – in der Kabine über die Zukunft des Trainers entschieden. Hat Benoît Groulx in Zug soeben die Kabine verloren? Wir wollen nicht polemisieren.
Aktuelle
Note
7
Ein Führungsspieler, der eine Partie entscheiden kann und sein Team auf und neben dem Eis besser macht.
6-7
Ein Spieler mit so viel Talent, dass er an einem guten Abend eine Partie entscheiden kann und ein Leader ist.
5-6
Ein guter NL-Spieler: Oft talentierte Schillerfalter, manchmal auch seriöse Arbeiter, die viel aus ihrem Talent machen.
4-5
Ein Spieler für den 3. oder 4. Block, ein altgedienter Haudegen oder ein Frischling.
3-4
Die Zukunft noch vor sich oder die Zukunft bereits hinter sich.
Die Bewertung ist der Hockey-Notenschlüssel aus Nordamerika, der von 1 (Minimum) bis 7 (Maximum) geht. Es gibt keine Noten unter 3, denn wer in der höchsten Liga spielt, ist doch zumindest knapp genügend.
Punkte
Goals/Assists
Spiele
Strafminuten
-
Er ist
-
Er kann
-
Erwarte
Die «vergessene» Coach's Challenge im ersten, die seltsame Personalentscheidung im zweiten Spiel – Zugs Cheftrainer hat dem HCD in die Karten gespielt. Die Davoser haben die zweite «Meisterprüfung» bestanden. Das glücklose Coaching von Benoît Groulx war hilfreich. Ein entscheidender Faktor ist aber auch das Selbstvertrauen eines Siegerteams. Das 2:0 in Zug war der 41. Sieg im 54. Saisonspiel. Nur wenn alle nicht nur glauben, sondern aus Erfahrung wissen, dass es immer einen Weg zum Sieg gibt, sind solche Siege möglich. Es ist das Selbstvertrauen der Champions.
Aber niemand vermag zu sagen, wie lange dieses Selbstvertrauen ein Team zu tragen vermag. Nach wie vor braucht der HCD zwei Siege, um den Halbfinal zu erreichen und acht weitere, um Meister zu werden.
