GC macht alles falsch – die Kritik wächst auch an Sportchef Sutter
Diesen Rekord hätte der Rekordmeister wohl lieber nicht gehabt. Erstmals in der Super-League-Geschichte lag ein Team nach 18 Minuten bereits 0:4 zurück. Dieses unrühmliche Kunststück gelang den Grasshoppers am Samstagabend in Genf. Der Impuls, den sich Sportchef Alain Sutter mit der Entlassung von Trainer Gerald Scheiblehner erhoffte, ging nach hinten los. Der Effekt durch die Beförderung von Gernot Messner vom U21-Coach zum Interimstrainer der Profis ist bereits verpufft.
Auf dem Platz hätte GC gegen Servette bei der 0:5-Pleite nicht viel mehr falsch machen können. In den ersten zehn Minuten geht Junior Kadile von der Zürcher Defensive zweimal völlig vergessen, was dieser für seinen Doppelpack nutzt.
Wenig später spielt Abdoulaye Diaby einen desaströsen Pass in Richtung von Goalie Justin Hammel, der zum 0:3 führt. Und um den Horrorstart perfekt zu machen, trifft Florian Ayé in der 18. Minute auf Zuspiel von Kadile, der auf dem Flügel erneut viel zu viel Platz hat, noch zum 4:0. Nur weil Hammel den Penalty von Kadile hält, heisst es einige Minuten danach nicht 0:5. Dieses fällt erst in der 72. Minute.
Trotz des katastrophalen Einstands lässt sich der neue Trainer Gernot Messner nach dem Spiel bei Blue zu der Aussage hinreissen, dass sein Team «die ersten zehn Minuten eigentlich gut ins Spiel gefunden» habe. Mit der guten Chance von Jonathan Asp Jensen kurz nach Beginn, der den Ball aber zu unpräzis aufs Tor bringt, mag Messner ja ein Argument haben. Da in der zehnten Minute aber bereits das zweite Gegentor fiel, ist die Aussage dennoch schwer zu rechtfertigen.
Abrashi sieht die Blamage im TV-Studio
Von Georges Bregy gab es dafür harsche Kritik. «Er wurde überrumpelt. Wenn er dann noch sagt, dass sie gut ins Spiel gestartet sind, dann frag ich mich schon, wie er das Spiel gesehen hat», so der Blue-Experte. Schliesslich sei GC an die Wand gespielt worden, wie auch die Statistiken bestätigen.
Bregy kritisierte zudem, dass Messner das Team mit einer Dreierkette ins Spiel gegen das spielstarke Servette geschickt habe, da es so auf den Flügeln viel zu viel Platz gab. «Da musst du dich als Trainer schon hinterfragen, wie du die Mannschaft da eingestellt hast», so der 68-jährige Ex-Nati-Star.
Bregy sass aber nicht alleine im TV-Studio, auch der gesperrte GC-Captain Amir Abrashi sah der Klatsche seiner Kollegen aus der Ferne zu. Dass der Verein dies in seiner aktuellen Situation zuliess, sorgt für Unverständnis. Der «Tages-Anzeiger» schreibt von einem «kommunikativen Desaster», das zum sportlichen hinzukomme. Für den 35-jährigen Mittelfeldspieler hätte der Auftritt kaum unangenehmer werden können. «Brutal», «es tut weh» oder «das darf nicht passieren», sagte Abrashi wiederholt, während er die Gegentore in der Halbzeit analysierte.
Trainer Messner hielt die Niederlage für «unerklärlich», weil die Trainingswoche gut gewesen sei. Dann versuchte er sich trotzdem an einer Erklärung: Vielleicht hätte sich sein Team nach den ersten Minuten «zu sicher gefühlt, weil, verteidigt haben wir in Wahrheit gar nicht».
Die Spieler seien nicht bereit gewesen, zu verteidigen, dem Gegner hinterherzulaufen, und hätten zu viele individuelle Fehler begangen. «Dann kommt so ein Resultat zustande», sagte der 45-Jährige, der von seinen Spielern forderte, nun «in sich zu gehen und zu reflektieren». Ein solches Interview nach dem ersten Spiel an der Seitenlinie ist kein gutes Zeichen.
Schlusslicht Winterthur ist nicht mehr weit weg
Zumal GC in einer bedrohlichen Situation ist. Nur eines von zwölf Ligaspielen in diesem Jahr gewannen die Grasshoppers. Am Wochenende konnte Schlusslicht Winterthur den Rückstand auf den Barrageplatz aufgrund der 0:2-Niederlage gegen Basel zwar nicht verkürzen, doch hatte es diesen bereits in den drei vorherigen Runden auf fünf Punkte halbiert. In der 33. Runde kommt es zum Direktduell auf der Schützenwiese, nach der Ligateilung wird es ein weiteres Aufeinandertreffen zwischen GC und Winterthur geben.
Die Partien könnten zu Schicksalsspielen für beide Seiten werden. Die Gefahr des Supergaus in Form des dritten Abstiegs der Vereinsgeschichte nach 1949 und 2019 ist also deutlich gestiegen. Mindestens in die Barrage wird GC wohl erneut gehen müssen, beträgt der Rückstand auf den Stadtrivalen FCZ sieben Runden vor Schluss doch bereits zehn Punkte. Es wäre das dritte Mal in Folge, dass die Grasshoppers ihren Platz in der Super League gegen den Zweiten der Challenge League verteidigen müssten.
«Leuchtturm» Alain Sutter noch wirkungslos
An der anhaltenden sportlichen Misere trägt auch Sportchef Alain Sutter Verantwortung. Der 58-Jährige ist im Mai 2025 als Vereinslegende und Hoffnungsträger gekommen. Er selbst erklärte, ein «Leuchtturm» für den Verein sein zu wollen. Bisher fällt seine Bilanz aber mässig aus. Auch der Einzug in den Cup-Halbfinal kann darüber nicht hinwegtäuschen. Von den vielen Neuzugängen halfen bisher nur sehr wenige weiter. Der Beste – Jonathan Asp Jensen – kehrt wie Lovro Zvonarek Ende Saison zu Bayern zurück. Luke Plange erstarkte zuletzt nach schwierigem Start. Ansonsten fehlen die echten Verstärkungen.
«Alain Sutter gestaltet GC nach seinem Gutdünken um – und führt es in einen Schlamassel», titelt der «Tages-Anzeiger», weil Sutter auch sonst vieles im Klub umwälzt. Wie schon bei der Übernahme der Besitzer des Los Angeles FC blieb die Hoffnung auf sportliche Besserung bisher aber unerfüllt. Daran änderte auch der neueste Trainerwechsel nichts. Mit diesem überraschte der frühere Erfolgsarchitekt von St.Gallen auch das Team, wie Abrashi berichtete. Völlig überzeugt schien er davon nicht, wie diese Aussage zeigt: «Wir werden sehen, ob das die richtige Entscheidung war.»
Vetternwirtschaft und Sexismusvorwürfe
Auch sonst herrscht im Klub viel Unruhe. Christoph Urech, der seit Juni 2025 Chief Business Officer (CBO) bei GC ist, ist bei den Fans enorm unbeliebt. Sie werfen ihm vor, ihm nahestehenden Firmen Aufträge zuzuschachern, und äusserten ihre Unzufriedenheit darüber schon mehrmals.
Dazu kommen die im Sonntagsblick geäusserten Sexismusvorwürfe gegen Erich Vogel und Heinz Spross, welche die Frauenfussball-Abteilung erschüttern. Vogel war Sportchef der GC Frauen und ist Mitglied bei der Sportkommission, Spross fungiert als Präsident. Beide hätten sich gegenüber Spielerinnen unangemessen verhalten, wie es von mehreren anonymen Quellen geheissen habe. Der Klub wolle deshalb eine externe, unabhängige Untersuchung in Auftrag geben, wie GC mitteilte.
Und in diesem ganzen Sumpf muss die 1. Mannschaft der Herren versuchen, den Klassenerhalt zu sichern. Dafür muss die Fehlerserie aber aufgehalten werden – ansonsten droht noch viel mehr Ungemach.
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