Reichlich Magie, Weltklasse im Tor und die Frauen-Antwort auf Roman Josi
So viel Drama gibt’s sonst eigentlich nur im Film. Die Heldin des Spiels verbringt 48 Stunden in Kranken-Isolation, kann die zwei ersten Partien nicht bestreiten und wegen ihrer Norovirus-Infektion muss das ganze Team auf die Eröffnungsfeier verzichten. Wer ist die Heldin? Die Antwort liefert die Statistik: Finnland dominiert mit 40:14 Torschüssen, allein im letzten Drittel sind es 16:2. Noch 2,6 Sekunden vor Schluss haben die Finninnen eine hochkarätige Chance zum Ausgleich. Aber Andrea Brändli (28) stoppt alle Pucks. Weltklasse. Punkt.
Was die Statistik auch noch sagt: Verteidigungsministerin Lara Christen (23) schultert 24:25 Minuten Eiszeit, am meisten von allen. Die Schwester von Biels Luca Christen ist die Antwort der Schweizer Frauen auf Roman Josi. Sie hält so viel Eiszeit locker aus, weil sie nahezu «körperlos» mit einer verblüffenden Ruhe und Spielintelligenz und nicht mit Kraft und Wucht verteidigt. Sie könnte ohnehin nicht rumpeln: Sie ist die kleinste Verteidigerin des Teams und selbst im Frauenhockey auf dieser Position fast ein Floh (163 cm/61 kg). Auf höchstem Weltniveau ist sie offensiv nicht so dominant wie Roman Josi.
Weil es nicht möglich ist: Die Schweizerinnen sind bei diesem Turnier so stark in der Defensive beschäftigt (87:211 Torschüsse in 5 Partien), dass die Verteidigerinnen nicht auch noch Zeit für offensive Schneckentänze haben. Unter solchen Umständen wäre auch der Captain des Männerteams kein Offensiv-Verteidiger. Aber in der Meisterschaft beim SCB ist sie in ihrer besten Saison schon auf einen Punkt pro Spiel gekommen.
Und was auch noch statistisch passt: Alina Müller macht aus den zwei klaren Chancen (bei der anderen scheiterte Lara Stalder am Goalie) das 1:0. Sie ist die einzige Schweizerin mit Starstatus in der nordamerikanischen Profiliga (PWHL) und Topskorerin des Teams.
Das ist die Magie, die historische Siege macht. Eine Torhüterhin, die zu den besten, eine Verteidigungsministerin, die zu den smartesten der Welt gehört und eine gefühlte 50-prozentige Chancenauswertung. Und dazu der Beistand der Hockeygötter: Kein Schweizer Team gewinnt auf der olympischen Bühne ohne diesen Beistand und Magie.
In dieser wundersamen dritten Olympischen Halbfinalqualifikation der Geschichte (nach 2014 und 2022) steckt auch noch viel Drama.
Ob Andrea Brändli überhaupt würde spielen können, war beim Start des Turniers noch nicht sicher. Sie erwischt zwischen dem letzten Vorbereitungsspiel und der Ankunft in Mailand den Norovirus, muss im Olympischen Dorf in ihrem Zimmer 48 Stunden in der Isolation aushalten und ihre Teamkolleginnen dürfen wegen ihr nicht zur olympischen Auftaktshow. Nun hat sie mit einer Weltklasseleistung alle für die verpasste Eröffnungsfeier entschädigt.
Sie sagt, diese 48 Stunden seien schwierig gewesen und es habe auch einige Tränen gegeben. Der Mentaltrainer der Schweizer Olympiadelegation habe sich telefonisch gemeldet.
Zum Glück sei sie durch den Virus nicht krank geworden.
Womit wir bei einer ganz besonderen Qualität von Andrea Brändli sind: Mentale Stärke. Wer 48 Stunden Isolation aushält und kurz darauf sein allerbestes Hockey spielt, lässt sich so schnell nicht aus der Ruhe bringen. Sie sagt denn auch, die Ruhe in kritischen Situationen – kurzum: gute Nerven – seien ihrer Stärke. Neben den hockeytechnischen natürlich: Immense Erfahrung (5 Jahre in Nordamerika, im 3. Jahr in Schweden), Ruhe, die auf die ganze Abwehr ausstrahlt, exzellentes Stellungsspiel und flinkes Verschieben. Was einen Beobachter zum Urteil verführte:
Tja, wer richtig positioniert ist, muss nicht nach jedem Puck hechten. Andrea Brändli lobt ihre Mitstreiterinnen:
Womit wird bei der Teamleistung sind: Die Art und Weise, wie die Schweizerinnen gekämpft, wie sie die richtige Balance zwischen Leidenschaft und Kaltblütigkeit fanden, immer initiativ, aber nie übereifrig und im Defensivspiel geduldig waren – das ganze Spiel taugt für ein Lehrvideo zum Thema «Teamsport». Oder wie es Nationaltrainer Colin Muller auf den Punkt bringt:
Bemerkenswert auch: Drei Tage zuvor hatten die Schweizerinnen das letzte Gruppenspiel gegen Finnland 1:3 verloren. Trotz einer starken Leistung von Saskia Maurer (die Nummer 1b im Tor) ohne echte Siegeschance.
Für Nationaltrainer Colin Muller ist es der fünfte Sieg in einem Viertelfinale in sieben Titelturnieren und nach 2022 die zweite bei Olympischen Spielen. Aber für eine Medaille hat es noch nicht gereicht. Vor vier Jahren ging das olympische Bronze-Spiel gegen Finnland 0:4 verloren. «Wir hatten oft schwierige Spiele gegen Finnland und nun haben wir gewonnen. Ich bin so glücklich für die Spielerinnen. Wir wollen mit einer Medaille nach Hause kommen.»
Am Montag um 21:10 Uhr folgt der Halbfinal gegen die Kanadierinnen, die gegen die Schweiz noch nie verloren haben und am Donnerstag entweder der Final oder das Bronze-Spiel.
Die wahrscheinlichste Variante: Am Donnerstag gegen Schweden um Bronze. Die Chancen auf die nächste Medaille seit 2014 stehen 50:50. Mindestens. Und Colin Muller kann historisches vollbringen und der erste Coach unserer Geschichte werden, der bei den Männern und den Frauen eine Medaille gewinnt: 2013 war er Assistent von Sean Simpon bei der Silber-WM. Mit so viel Magie wie damals 2013 und nun beim 1:0 gegen Finnland reicht es am Dienstag für eine Medaille.
