Ein ukrainischer Helm und die Verlogenheit der olympischen Neutralität
Eigentlich ist es eine Tragikomödie. Der Hintergrund – der Krieg in der Ukraine – ist zu tragisch, um sich über diesen Fall lustig zu machen.
Der ukrainische Skeleton-Pilot Wladyslaw Heraskewytsch wird vom Wettbewerb ausgeschlossen, weil er einen Helm tragen will, der Bilder getöteter ukrainischer Sportler und Kinder zeigt. Eine persönliche Erinnerung an Opfer des Krieges mit Russland.
Das IOC wertet diesen «Helm des Gedenkens» als unzulässige politische Botschaft, die gegen die Neutralitätsregeln der olympischen Charta verstösst. Trotz Kompromissangeboten wie dem Tragen eines schwarzen Armbands besteht Heraskewytsch auf seinem Helm und wird disqualifiziert.
Die Entscheidung löst breite Kritik und Debatten über politische Ausdrucksformen im Sport aus; Heraskewytsch legt Einspruch beim Internationalen Sportgerichtshof (CAS) ein, erhält wenigstens seine Akkreditierung – also die Aufenthaltsberechtigung auf dem Olympischen Gelände – zurück, darf aber trotzdem nicht starten. Nicht nur Politikerinnen und Politiker, auch Athletinnen und Athleten verteidigen seine mutige Geste als würdige Mahnung gegen den Krieg. Das IOC aber beharrt auf seinen Regeln der politischen Neutralität.
Wieder einmal zeigt sich erstens, dass ein globales Sportspektakel niemals unpolitisch sein kann und zweitens, wie weltfremd, inkonsequent und heuchlerisch – ja feige und verlogen – die IOC-Führungsriege in dieser Sache ist. Und unfähig, aus der eigenen Geschichte zu lernen.
Olympischer Sport war noch nie neutral und unpolitisch. Keine andere globale Sportorganisation ist schon so früh und bis heute so oft durch die Politik missbraucht worden. Das IOC hat sich in der Vergangenheit wiederholt die Spiele von autokratischen Regierungen bezahlen lassen und es zugelassen, dass die Spiele auch für politische Propaganda missbraucht werden.
Am Anfang dieser Sünde stehen die Spiele von 1936 in Berlin. Die Winterspiele in Sotschi (2014), sowie die Sommer- und Winterspiele in Peking (2008, 2022) sind die jüngsten Beispiele. Und das IOC selbst hat die Regeln der politischen Neutralität wiederholt schon verletzt. Die Verlierer des Ersten und Zweiten Weltkrieges sind von den ersten Nachkriegsspielen ausgeschlossen worden.
Der Ausschluss von Russland aus der olympischen Familie als Folge des Angriffskrieges gegen die Ukraine widerspricht zwar der olympischen Neutralität und Nichteinmischung in die Politik, ist aber ein starkes, von der freien Welt begrüsstes Zeichen und rechtfertigt die Verletzung des Neutralitäts-Gebotes. Aber wenn ein Athlet aus dem Land, das ein Opfer dieses russischen Angriffskrieges geworden ist, das gleiche Recht für sich beansprucht und ein persönliches Zeichen setzt, dann ist das für das IOC auf einmal ein Verstoss gegen die olympische Neutralität und wird mit Ausschluss bestraft.
Mutig und weitsichtig wäre gewesen, das Zeichen von Vladyslav Heraskevych zu tolerieren. Das schäbige Vorgehen, den mutigen Athleten durch Disqualifikation zu bestrafen, wird keine einschüchternde Wirkung entfalten. Künftig wird die olympische Bühne mehr denn je für politische Botschaften benützt werden. Zu wirkungsmächtig ist die Ausstrahlung, die durch eine neue Medienwelt grösser ist als je zuvor.
Konsequent und mutig wäre es, berechtigte politische Botschaften zu tolerieren und unberechtigte zu verhindern. Was ist berechtigt, was unberechtigt? Diese Frage erfordert Mut, ist aber im Sinne der freien Welt einfach zu beantworten. Das Gedenken an die Opfer eines Angriffskrieges durch einen Athleten des heimgesuchten Landes ist berechtigt. Punkt. Das dürfte selbst der alte Baron Pierre de Coubertin, der Träumer von unpolitischen Spielen, im olympischen Himmel so sehen.
