Schweizer Hockey-Beben: Aus der Reform wird ein Machtkampf
Der Plan der National League (NL) in Kurzform: Die höchste Junioren-Liga U21 wird aufgelöst und durch eine U23-Meisterschaft ersetzt. Die U23-Teams werden in die Swiss League (SL) integriert, die so von 11 auf 24 Teams erweitert wird.
Nun wendet sich der «harte SL-Kern» gegen diese Reformpläne und hat eine gemeinsame Erklärung abgegeben:
Gemeinsame Mitteilung der Swiss-League-Clubs HC La Chaux-de Fonds, EHC Olten, EHC Visp und HC Sierre:
Das bedeutet Machtkampf statt Reform. Wer diesen Machtkampf verlieren wird, ist absehbar: die SL und der Verband bzw. auch unser Eishockey.
Brisanter Vorschlag
Es ist nie gut, wenn es keine Einigkeit gibt. Es ist die grosse Chance für den neuen Verbands-Obmann Urs Kessler, sich als Reform-Präsident zu profilieren. Er hat wiederholt erklärt, die SL-Reform habe bei ihm höchste Priorität. Aber immer mehr zeichnet sich ab, dass auch er nicht die einigende Kraft eines «Otto von Bismarck des Hockeys» hat und auch nicht einmal dazu in der Lage ist, die ausufernde Geldverschwendung der Verbands-Administration einzudämmen.
Der NL-Reformvorschlag ist der brisanteste seit der Einführung der Playoffs (1986) und letztlich bei Lichte besehen die einzige Möglichkeit, eine solide Basis für unser Profihockey zu schaffen. Der helvetische Hockey-Markt ist nicht vergleichbar mit den anderen europäischen Hockeykulturen. Weil die NL innerhalb eines begrenzten, in drei Sprachregionen aufgesplitterten Marktes für Profisport so erfolgreich ist, dass im Hockey eine zweite Profiliga nicht finanziert werden kann.
Deshalb ist die Differenz zwischen den beiden höchsten Ligen unüberbrückbar geworden: Das ewige Schlusslicht Ajoie hat inzwischen gut 15 Millionen zur Verfügung – fast dreimal so viel wie die solidesten SL-Klubs. Daher die Idee einer Hybrid-Liga in Kombination mit der höchsten Junioren-Meisterschaft. Damit die besten Talente besser gefördert werden können und nicht mehr in ausländische Junioren-Ligen wechseln. Zurzeit sind es rund 50 pro Saison.
Zwar gibt es die Einsicht, dass es Veränderungen braucht. Diese Einsicht mündet aber in wirtschaftliche Forderungen gegenüber der NL, die nicht erfüllbar sind. Das Bild der «bösen» NL, die es zu bekämpfen und zu zähmen gilt, hat sich verfestigt.
Wie lächerlich das ist, mag ein Detail zeigen: Der kürzlich abgeschlossene Werbedeal für den SL-Topskorer («Burger King») ist durch die NL vermittelt worden, bringt aber der SL für den Rest dieser Saison und die ganze nächste Saison bloss rund 200'000 Franken. Mehr Geld gibt es in der Schweiz für einen Werbedeal mit einer zweithöchsten Liga nicht mehr.
Wobei: Das Wort Machtkampf ist eigentlich übertrieben. Da die Offerte einer Integration der U23-Teams nun bereits per offizieller Medienmitteilung zurückgewiesen und gebodigt worden ist, wird die NL im Alleingang ihre U23-Liga machen. Mit Folgen für die SL-Klubs. Aktuell stehen rund 100 Leihspieler in der zweithöchsten Liga zwecks Spielpraxis im Einsatz, die von den NL-Klubs bezahlt werden. Der grösste Teil davon wird nun in der U23-Meisterschaft zum Zuge kommen. Die Vertreter der SL-Klubs überschätzen ihre Möglichkeiten.
Drohung läuft ins Leere
Die Schaffung einer eigenständigen U23-Liga unter dem Dach der NL kann der Verband weder politisch noch juristisch verhindern. Die NL ist juristisch eigenständig. Da die U23-Meisterschaft die bisherige U21-Liga ersetzt, ist auch die Finanzierung kein Problem: Die U21-Teams werden ja durch die Nachwuchs-Organisationen der NL-Klubs finanziert.
Die Drohung des Verbandes, den NL-Klubs die Fördergelder für den Nachwuchs zu entziehen, läuft ins Leere: Dann wird die NL von den rund 30 Millionen, die sie jährlich aus den TV-Geldern kassiert, im neuen Zusammenarbeitsvertrag weniger an den Verband weiterleiten und das Geld direkt in die neue U23-Liga investieren.
Marc Gianola ist Geschäftsführer beim HC Davos, einer Hockeyorganisation, die durch eine exzellente Nachwuchsabteilung sportlich vorbildliches leistet und zugleich durch die Organisation des Spengler Cups die wirtschaftlichen Möglichkeiten in unserem Sportmarkt durch und durch kennt. Marc Gianola sagt, nun gelte es, die U23-Meisterschaft aufzugleisen. «Das Ziel ist es, mit der Saison 2027/28 starten zu können.»
Das bedeutet: Die «Hunde» der Swiss League und des Verbandes (die SL gehört zum Verband) bellen, die Karawane der National League aber zieht weiter, übernimmt bei der Nachwuchs-Ausbildung noch mehr Verantwortung und investiert keine Energie in einen Machtkampf, der ja keiner ist. Am Ende des Tages sitzt die National League immer am längeren Hebel. Alle, auch der Verband und die Swiss League, sind finanziell und sportlich von der National League abhängig.
Die National League ist nicht alles in unserem Hockey. Aber ohne eine erfolgreiche National League ist alles nichts.
