Die Melancholie der verpassten Meisterfeier beim FC Thun
Nach Thun fahren zum Fussball? Ja, warum eigentlich nicht? Der FC Thun kann Meister werden. Das ist fast so wie wenn die SCL Tigers oder die Lakers den Titel holen könnten. Gerne nimmt der Chronist die Einladung zu einer historischen Meisterfeier an, von der man vielleicht noch in hundert Jahren sprechen wird. Die Ausgangslage ist klar: Nur wenn Thun gewinnt, gibt es eine Meisterfeier. Es ist der Auftakt zu einem der dramatischsten Wochenenden der bernischen Sportgeschichte, und am Sonntagabend wird der FC Thun immer noch nicht Meister sein.
Der Chronist, ein Mann eher aus der Welt des kühlen Eises als aus jener des Rasens stammend, hat sich vorgenommen, das Spiel nüchtern zu beobachten. Doch schon nach wenigen Minuten muss er feststellen, dass der Fussball eher einem archaischen Ritual gleicht, dessen Regeln sich nur Eingeweihten vollständig erschliessen. Zu diesen Eingeweihten gehört er nicht.
Der Gegner, der FC Lugano spielt kühl und unbewegt, während die Thuner sich anschicken, das Märchen zu vollenden. Ein Sieg – nur ein einziger Sieg – und die Krone würde sich senken wie ein Stern, der endlich bereit ist, auf die Erde zu fallen. Die Stimmung in der Loge «Friends Corner» ist aufgeräumt. Ein älterer Herr – er ist hier offenbar Chef – schwärmt, er habe noch mit den Spielern gesprochen, und in buntesten Worten schildert er wie motiviert alle seien. «Sechs Flaschen Champagner stehen bereit, sie gehen auf Kosten des Hauses.» Einer hat sogar schon ein Meister-Shirt dabei. Das habe er eigenhändig hergestellt.
Ein Spiel wie ein Gedicht ohne Rhythmus
Aber eine seltsame Stimmung hat sich wie ein Tuch übers Stadion gelegt. Schwer vor Erwartung, aufgeladen mit der stillen Elektrizität eines historischen Ereignisses.
Es ist kein gewöhnliches Spiel. Es ist eher ein Ritual, ein Übergang zwischen dem, was war, und dem, was eigentlich gar nicht sein kann und doch sein wird. Ein Sieg – nur ein einziger – und der Name Thun würde sich in den Himmel der Unsterblichkeit einschreiben.
Das Spiel beginnt wie ein Gedicht, dessen Rhythmus noch gesucht werden muss. Die Thuner suchen tastend nach dem einen Moment, der alles entscheiden würde. Jeder Angriff ein aufkeimender Gedanke, der sich zur Hoffnung formt, nur um kurz vor der Vollendung wieder auf den künstlichen Rasen zu fallen wie ein erschöpfter Vogel. Lugano verteidigt cool, unerschütterlich, schweigsam, unerbittlich.
Die Zeit zieht sich in die Länge wie eine Dämmerung, die sich weigert, Nacht zu werden. Und doch lebt die Hoffnung. Trotzig, beinahe naiv. Wie eine Kerze im Sturm, flackernd, aber nicht erlöschend.
Wunderheilung statt Rettungshelikopter
In der ersten Hälfte ereignet sich etwas, das den Chronisten, mit den Gepflogenheiten des Fussballs nicht vertraut, zutiefst beeindruckt. Eine Wunderheilung.
Ein Spieler der Gäste wird zu Boden gebracht. Doch «zu Boden gebracht »scheint eine beschönigende Formulierung. Vielmehr sinkt er nieder, als habe ihn eine unsichtbare Macht mitten aus dem Leben gerissen. Er windet sich. Unverzüglich rennen Gestalten herbei. Medizinmänner und -frauen. Mit ernsten Gesichtern knien sie sich um den Gefallenen, tasten, prüfen. Der Chronist runzelt die Stirn. Wo, so fragte er sich, bleibt der Krankenwagen? Warum landet kein Rettungshelikopter mitten auf dem Feld, wie es doch bei Notfällen geboten scheint?
Und dann geschieht das Unfassbare: Der Verwundete, eben noch dem Jenseits näher als dem Diesseits, richtet sich plötzlich auf. Erst zögerlich, dann mit erstaunlicher Leichtigkeit springt er auf die Beine, macht ein paar vorsichtige Schritte – und trabt schliesslich davon, leichtfüssig wie ein Reh in den Sonnenuntergang. Kein Hinken, kein Zögern. Als sei nichts gewesen. Auf Nachfrage heisst es: Das sei im Fussball völlig normal.
Ein Penaltyschütze wie ein Henker
Doch dies ist nicht das einzige Phänomen, das Rätsel aufgibt. Immer wieder, scheinbar ohne erkennbaren Anlass, lodern im Fansektor rote Flammen auf. Sie erinnern an Höhenfeuer entlang alter Grenzbefestigungen zur Zeit der Römer und Helvetier. Pyrotechnik sei streng verboten, verkündet der Stadionsprecher mit stoischer Regelmässigkeit, jedes Mal in demselben Tonfall, der zugleich mahnend und erstaunlich gelassen klingt. Und niemanden kümmert es. Na ja, Thun kann Meister werden.
Die zweite Halbzeit kommt, und mit ihr ein neues Zittern. Das Spiel wird rauer, kantiger. Es ist eben ein Schicksalsspiel, ein Balanceakt auf dem schmalen Grat zwischen Ekstase und Enttäuschung.
Dann beginnt die Nachspielzeit. Eine seltsame unberechenbare Verlängerung der Hoffnung, die sich anfühlt wie geliehene Zeit. Wie ein letzter Atemzug. Und in genau diesem Moment geschieht es. Elfmeter. Nach Video-Konsultation.
Der Schütze tritt an, ruhig, fast gleichgültig – wie ein Henker, der seine Pflicht erfüllt. Der Schuss mitten aufs Tor, direkt ins Herz der Thuner. 0:1. Der Schlusspfiff ist nur noch eine Formalität. Ein Punkt am Ende eines Satzes, der so anders hätte enden sollen. Die Champagnerflaschen in der Loge standen bereit. Sie bleiben verschlossen, stumme Zeugen eines Abends, der sich weigerte, zur Legende zu werden.
Die Fans verlassen das Stadion. Keine Wut, kein Aufbegehren. Nur diese seltsame Melancholie. Der Traum ist nicht ausgeträumt. Wenn am nächsten Tag in Bern der FC St. Gallen gegen BSC Young Boys nicht gewinnt, ist Thun trotzdem Meister. Ein wenig verspätet halt, beinahe verlegen, wie ein Geschenk, das den richtigen Moment verpasst hat. Kein donnerndes Crescendo, kein eruptiver Ausbruch von Glück, der das Stadion zum Beben bringt. Nun halt eine etwas weniger emotionale Meisterparty am Sonntag.
Aber St. Gallen gewinnt am nächsten Tag in Bern 2:1. So wie Thun mit einem späten Penalty-Tor am Samstag 0:1 verloren hat (97. Minute), so siegt St. Gallen jenseits der 90. Minute in Bern mit einem Treffer in der 92. Minute – und dagegen konnte Thun nichts tun. Der FC Thun ist nach wie vor nicht Meister.
Die Melancholie vom Samstagabend weitet sich aus in Bangen und Hoffen und die Frage, wann es denn endlich so weit sein wird. Manchmal sind es gerade die unvollendeten Momente wie dieses samstägliche 0:1 gegen Lugano, die sich am tiefsten in die Seele schreiben – wie ein Lied, dessen letzte Note noch nicht gespielt ist. Der meisterliche Triumph der Thuner wird, so er denn – wie allseits erwartet – trotz allem Wirklichkeit wird allein schon ein historischer Augenblick der helvetischen Sportgeschichte sein.
Die Art und Weise, wie dieser meisterliche Triumph nun an zwei aufeinanderfolgenden Tagen so zum Greifen nahe war und doch verpasst worden ist, zuerst aus eigenem Versagen gegen Lugano und dann am nächsten Tag durch die ausgebliebene «Schützenhilfe» Young Boys wird ihn – so er denn eintrifft – erst recht einmalig, unverwechselbar machen.
Aber was, wenn St. Gallen noch jedes Spiel gewinnt und Thun jedes verliert?
