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Zurzeit reitet der FC Lugano auf einer Erfolgswelle. Wem hat der Klub das zu verdanken?
Zurzeit reitet der FC Lugano auf einer Erfolgswelle. Wem hat der Klub das zu verdanken?Bild: keystone

Mit den US-Millionen muss Lugano grande sein – aber das ist nicht die ganze Wahrheit

Der FC Lugano mischt plötzlich an der Tabellenspitze mit, kriegt ein neues Stadion und hat dank Besitzer Joe Mansueto keine finanziellen Sorgen mehr. Doch es ist nicht nur das Geld aus Chicago, sondern auch die Ideen einiger schlauer Köpfe, die für Aufbruchstimmung sorgen.
09.12.2021, 14:39
François Schmid-Bechtel / ch media

Wir kennen es aus Lausanne. Da kommt ein grosser europäischer Klub und eröffnet in der Schweiz einen Ableger. Macht ja Sinn. Wer in Nizza nicht reicht, soll im Waadtland Einsatzzeit kriegen. Aber was soll die Verbindung zwischen Chicago Fire und Lugano, die sich auf etwa dem gleichen Level befinden? Diese Frage stellte man sich, als Joe Mansueto, Besitzer des MLS-Teams, im August die Aktien des FC Lugano übernahm.

Was seither geschah, ist bemerkenswert. Lugano steht auf Platz 3 und hat nach der gewonnenen Referendums-Abstimmung die Aussicht, in fünf Jahren in ein neues Stadion einzuziehen. Noch aber sind es weniger die Millionen Mansuetos, die zum Aufschwung verholfen haben. Sondern drei Männer, die bis dato erstaunliche Arbeit verrichten.

So soll das neue Lugano-Stadion in ein paar Jahren aussehen.
So soll das neue Lugano-Stadion in ein paar Jahren aussehen.bild: fclugano.com

Der Trainer: Mattia Croci-Torti

Mattia wer? Und dann lacht und pfeift und hüpft er, als sei er auf einem Kindergeburtstag. Er scheint sich prächtig zu amüsieren. Dabei ist es seine Premiere als Super-League-Trainer. Eine erste Bewährungsprobe. Und das gegen Basel. Aber Croci-Torti scheint von all dem unbeeindruckt. «Der Spieltag ist doch ein Freudentag für einen Trainer», sagt der 39-Jährige. «Klar, es war wohl der aufregendste Tag in meiner bisherigen Karriere. Darauf habe ich viele Jahre gewartet. Aber das ist doch eine Chance und keine Bürde. Da wären Angst, Schrecken und Druck die falschen Begleiter. Stress haben wir unter der Woche, wenn wir uns auf den nächsten Gegner vorbereiten. Aber der Match selber ist Genuss.»

Mattia Croci-Torti leitet seit September die sportlichen Geschicke des FC Lugano.
Mattia Croci-Torti leitet seit September die sportlichen Geschicke des FC Lugano.Bild: keystone

Einen grossen Namen als Spieler hat sich Croci-Torti wahrlich nicht gemacht. GC verpflichtet den damals 18-Jährigen von Chiasso. Aber nur für die U21. Und dann zieht er sich im ersten Spiel einen Kreuzbandriss zu. Es reicht für den Verteidiger fortan nur noch für die Challenge League, vornehmlich in Chiasso und Lugano. Trotzdem sagt er: «Ich bin dankbar für die Erfahrungen, die ich als Spieler gemacht habe. Allein, dass ich Deutsch gelernt habe. Aber auch für das Wissen über die Realitäten im Schweizer Fussball

Seine Realität war: Für ein paar wenige tausend Franken im Monat Fussball zu spielen und nebenbei als Verkäufer von Parkettböden zu arbeiten. Equilibrium, Gleichgewicht, nennt er das. Es ist ein Wort, das er häufig braucht während unseres Gesprächs.

Croci-Torti 2011 im Zweikampf mit Servettes Vitkieviez.
Croci-Torti 2011 im Zweikampf mit Servettes Vitkieviez.bild: keystone

Dabei hätte er es aus finanziellen Gründen irgendwann auch lassen können mit dem Verkauf von Parkettböden. Schliesslich ist seine Partnerin, mit der er heute drei Töchter hat, eine Valsangiacomo. Besser bekannt ist der Familienbetrieb: Caffè Chicco d’Oro. Eine wahre Goldgrube. Croci-Torti sagt: «Susanna und mir war es immer wichtig, dass wir unabhängig bleiben. Deshalb kam es für mich gar nie infrage, mich von ihrer Familie durchfüttern zu lassen. Stattdessen habe ich genau hingeschaut. Wenn man sieht, mit welcher Disziplin mein Schwiegervater die Firma führt, versteht man, warum sie erfolgreich ist.»

Erfolg hat auch Croci-Torti. Seit er im September vom Assistenten zum Cheftrainer aufgestiegen ist, legt Lugano einen beeindruckenden Steigerungslauf hin, hat in 12 Partien 23 Punkte gewonnen. Das hat einiges mit dem Erfolgshunger, aber auch mit der Arbeitsweise des Trainers zu tun. Nur, ist dieser Hunger sogar etwas grösser, weil er selbst nie ein grosser Kicker war? «Als Spieler wusste ich sehr genau Bescheid, wo meine Limiten sind. Aber jetzt, als Trainer, muss ich denken, dass es keine Limiten und Grenzen gibt. Jetzt muss ich täglich schuften, um Erfolg zu haben.»

Der Macher: Martin Blaser

Er gehörte zum Trio, das sich für den Trainer Croci-Torti entschieden hat. Aber eigentlich ist nicht das, was auf, sondern das, was neben dem Platz passiert seine Welt. Er sei nicht der Mann, der sich über Taktiken und Aufstellungen äussert.

Blaser war schon beim FC Basel für Marketing, Verkauf und Business Development verantwortlich, als der FCB eine sehr grosse Nummer war. Er war der Mann, der Sportchef Georg Heitz und Präsident Bernhard Heusler den Rücken freihielt, damit die sich um den Sport kümmern konnten. Seit dem 18. August und der Übernahme durch Joe Mansueto ist Blaser VR-Mitglied und CEO in Lugano. Eingesetzt von Georg Heitz, dem Sportdirektor in Chicago.

Martin Blaser ist beim FC Lugano als CEO und Mitglied des Verwaltungsrates tätig.
Martin Blaser ist beim FC Lugano als CEO und Mitglied des Verwaltungsrates tätig.Bild: keystone

Blaser hat im Schweizer Sport schon alles mögliche vermarktet. Nun also den FC Lugano. Ein Klub mit veralteter Infrastruktur, aus einer nicht wirklich strukturstarken Randregion, mit wenig Strahlkraft und einem Konkurrenten (HC Lugano) auf Platz, der alles in den Schatten stellt. Ein Klub auch, der es nicht mal schafft, oberhalb des Ceneris breites Interesse zu entfachen. Keine einfache Aufgabe.

«Selbst über eine strategisch intelligente Marketingkampagne kann man an der Rivalität zwischen Sopra- und Sottoceneri nichts ändern», sagt Blaser. «Aber sollte man nachhaltig sportlich attraktiv sein, und über eine moderne, in gewissen Punkten vielleicht sogar einzigartige Infrastruktur verfügen, würde man vielleicht nicht mehr über den Ceneri als kulturelle Grenze reden.»

Apropos Stadion. Das stand bis zur Abstimmung am 28. November auf der Kippe. Der Plan B bestand lediglich darin, am nächsten Tag eine Krisensitzung abzuhalten. Diese fand nicht statt. 56.81 Prozent stimmten für das 374-Millionen-Projekt, ein neues Stadtquartier inklusive. «Selbst viele Gegner des Projekts waren für ein neues Fussballstadion aber wohl gegen das Gesamtprojekt in seiner Grösse und Komplexität», sagt Blaser. «Klar, man kann auch für 45 Millionen ein Stadion bauen. Aber niemand ist bereit, diese Summe zu investieren, weil ein Stadion allein nicht refinanzierbar ist.»

Einerseits, weil der Spielplan kaum langfristig planbare Möglichkeiten bietet, das Stadion ausserhalb des Fussballs zu bespielen. Und wenn doch, sind Grossevents unfassbar teuer. Als die Rock-Band Metallica im Sommer 2014 in Basel spielte, wurde das für den Veranstalter erst zu einem finanziellen Erfolg, nachdem man die Kapazität von 41000 auf 42000 erhöhen konnte. Nur die letzten Tausend Tickets brachten effektiven Reingewinn.

Das Stadio di Cornaredo in Lugano feierte dieses Jahr seinen 70. Geburtstag. Die Aufnahme stammt von 1951, kurz vor der Fertigstellung des Stadions.
Das Stadio di Cornaredo in Lugano feierte dieses Jahr seinen 70. Geburtstag. Die Aufnahme stammt von 1951, kurz vor der Fertigstellung des Stadions.bild: photopress-archiv

Was plant Blaser nun mit dem neuen Stadion in Lugano? «Wir wollen Fussball bieten für alle. Es soll sehr günstige Tickets geben aber auch solche für 1000 Franken. Es gibt überall in der Schweiz 50 Leute, die 1000 Franken für ein Ticket bezahlen können, wenn sie ein solches wollen. Aber diesen Leuten muss man etwas sehr Spezielles bieten. Und da sehe ich die Möglichkeit, etwas Einzigartiges zu schaffen, was es im Schweizer Sport so noch nie gegeben hat.»

Der geistige Vater: Georg Heitz

«Ich bin nicht technischer Direktor und auch nicht Sportchef in Lugano. Nicht ich habe Mattia Croci-Torti ausgewählt.» So beginnt Heitz das Gespräch und signalisiert damit, dass er keine Lorbeeren entgegen nimmt. Aber der frühere, sehr erfolgreiche Sportchef beim FC Basel war es, der die Initialzündung gab. Nur, wer ist nun in diesem Konstrukt die Nummer 1 und wer die Nummer 2? Heitz spricht von einer Partnerschaft auf Augenhöhe, auch wenn es auf der administrativen Ebene 180:9 für Chicago steht. «Das heisst aber nicht, dass Lugano der Junior-Partner ist. Und sowieso bedeutet das nicht, dass Lugano von Chicago aus geführt wird.»

Georg Heitz: «Wir wollen vor allem ein gut organisierter Klub sein, der nie etwas mit dem Abstieg zu tun hat.»
Georg Heitz: «Wir wollen vor allem ein gut organisierter Klub sein, der nie etwas mit dem Abstieg zu tun hat.»Bild: keystone

Für die Tessiner aber ergeben sich durch die Partnerschaft Synergien von grossem Wert. Dank Chicago Fire kann der FC Lugano auf ein weltumspannendes Scouting-Netzwerk zurückgreifen. Dazu kommen die neuen finanziellen Möglichkeiten. Heitz betont zwar, dass man keine absurden Geschäfte tätigen werde. Aber allein der Zuzug von Mohammed Amoura für etwa 1.2 Millionen ist eine neue Dimension für Lugano. Ausserdem leisten sich in der Schweiz höchstens noch die Klubs in Bern und Basel einen neuen Spieler für diesen Betrag.

Bleibt die Frage, ob der FC Lugano schon in drei Jahren ein Titelkandidat ist? Heitz sagt: «Wir müssen die Kirche im Dorf lassen und uns erst mal stabilisieren. Mittelfristig wollen wir einen Platz in der oberen Tabellenhälfte, mit Ausreissern nach oben. Aber vor allem wollen wir ein gut organisierter Klub sein, der nie etwas mit dem Abstieg zu tun hat und ein attraktiver Arbeitgeber für Perspektivspieler aus dem In- und Ausland ist.»

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