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epaselect epa09278310 Italy's forward Ciro Immobile (R) comforts Switzerland's midfielder Granit Xhaka after the UEFA EURO 2020 group A preliminary round soccer match between Italy and Switzerland in Rome, Italy, 16 June 2021.  EPA/JEAN-CHRISTOPHE BOTT (RESTRICTIONS: For editorial news reporting purposes only. Images must appear as still images and must not emulate match action video footage. Photographs published in online publications shall have an interval of at least 20 seconds between the posting.)

Granit Xhaka wird nach dem 0:3 gegen Italien von Ciro Immobile getröstet. Bild: keystone

Ist Xhaka der richtige Captain? Die 9 wichtigsten Fragen rund um die Schweizer Nati

Mit grossen Erwartungen gestartet, löst die Schweizer Nati nach zwei EM-Spielen vor allem Zweifel und Ärger aus. Neun Fragen und Antworten zum derzeitigen Zustand der Schweizer Auswahl.

Christian Brägger, Etienne Wuillemin, François Schmid-Bechtel / ch media



Ist Vladimir Petkovic der richtige Trainer?

Er hat die Nationalmannschaft weiterentwickelt, das spricht für ihn. Nun aber ist er an einem Punkt angekommen, an dem er sein System justieren muss. Weniger Spielkontrolle, mehr Risiko. Die eklatantesten Unterschiede zu den Nationen, die an dieser EM begeistern: Sie spielen schneller und vertikaler. Sie wählen häufiger den mutigen Steilpass.

epa09264828 Switzerland's head coach Vladimir Petkovic reacts during the UEFA EURO 2020 group A preliminary round soccer match between Wales and Switzerland in Baku, Azerbaijan, 12 June 2021.  EPA/Dan Mullan / POOL (RESTRICTIONS: For editorial news reporting purposes only. Images must appear as still images and must not emulate match action video footage. Photographs published in online publications shall have an interval of at least 20 seconds between the posting.)

Vladimir Petkovic muss mit der Nati mehr Risiko gehen. Bild: keystone

Die Schweizer? Brav. Immer auf Kontrolle bedacht. Schliesslich predigt der Mister seit Jahren: «Wir müssen dominant sein». Dominant ist aber nur, wer dem Ball Sorge trägt. Und wer dem Ball Sorge trägt, hält ihn zu lange, verschleppt das Spiel. Kurz: Die Schweiz ist berechenbar geworden. Petkovic muss den taktischen Turnaround schaffen, um der richtige Trainer für die Zukunft zu sein. Ausserdem sollte er seinen Führungsstil anpassen – die Spieler an die kürzere Leine nehmen.

Steht die Mannschaft hinter dem Trainer?

Nein. Jedenfalls macht es nicht den Anschein. Erstens: Vladimir Petkovic räumt den Spielern viele Freiheiten ein, setzt auf Eigenverantwortung. Und was machen die Spieler? Sie nutzen das aus. Allen voran Granit Xhaka mit seiner Tattoo- und Coiffeur-Aktion. Offenbar sind einzelne Spieler nicht reif genug für den Führungsstil von Petkovic.

Switzerland's head coach Vladimir Petkovic, center, looks disapointed in middle of Swiss players after loosing the Euro 2020 soccer tournament group A match between Italy and Switzerland at the Olympic stadium, in Rome, Italy, Wednesday, June 16, 2021. (KEYSTONE/Jean-Christophe Bott)

Vladimir Petkovic wirkt an der EM immer öfter etwas verloren. Bild: keystone

Zweitens: Petkovic ist seinen Spielern gegenüber äusserst loyal. Selbst wenn einer mal im Klub kaum spielt, lässt er ihn nicht fallen. An der EM setzt er auch im zweiten Spiel auf die genau gleiche Elf wie gegen Wales. Und was machen die Spieler? Sie lassen ihren Trainer hängen, belohnen das Vertrauen weder mit Leistung noch mit Leidenschaft. Es ist an der Zeit, dass der Nati-Trainer im Hinblick auf das Türkei-Spiel ein Zeichen setzt.

Ist Granit Xhaka der richtige Captain?

Nein. Xhaka spaltet eher als er vereint. Das beginnt schon neben dem Platz, wo er eine Sonderrolle beansprucht. Stets darauf aus, im Mittelpunkt zu stehen, vergisst er die Kernaufgaben eines Captains: Die Equipe zu repräsentieren, die gemeinsam festgelegten Werte vorzuleben, als Bindeglied zwischen Team und Trainer sowie Team und Öffentlichkeit zu fungieren.

Switzerland's midfielder Granit Xhaka, left, gestures in front of Switzerland's defender Manuel Akanji, right, during the Euro 2020 soccer tournament group A match between Italy and Switzerland at the Olympic stadium, in Rome, Italy, Wednesday, June 16, 2021. (KEYSTONE/Jean-Christophe Bott)

Xhaka wäre auch ein Leader ohne Captain-Binde. Bild: keystone

Noch fehlt Xhaka die Reife für dieses Amt. Noch fehlt ihm die Bereitschaft und das Sensorium, die eh schon fragile Beziehung zwischen Team und Öffentlichkeit zu verbessern. Weder punktet er, wenn er protzt, noch wenn er auf dem Platz durch Kommandos statt durch Leistung auffällt. Als Xhaka noch nicht der Chef war, hatten wir mehr Freude am Fussballer Xhaka.

Was macht Xhakas Kritik mit der Mannschaft?

Das ist die grosse Frage. Prägnante Wortmeldungen des Captains sind den Spielern ja nicht erst seit dem Aufenthalt in Rom bekannt. Der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt hat einmal gesagt: «Wer Kritik übel nimmt, hat etwas zu verbergen.» Zu kaschieren gibt es nach dem schonungslosen 0:3 nichts mehr, die Wahrheit lag ja auf dem Platz. Und sie liegt dort immer noch.

Xhaka nahm nach der Italien-Pleite kein Blatt vor den Mund. Video: SRF

Deshalb: Nach einer reinigenden Teamaussprache und Analyse gehen die Spieler im besten Fall in sich hinein und geeint in die entscheidende Partie gegen die Türkei. Denn Kritik kann anstacheln, wütend machen und Energien freisetzen, das Gegenteil zu beweisen. Nur: Kritik kann auch lähmen, vor allem dann, wenn der Sender umstritten sein sollte.

Ist das Team eine Einheit?

Die Schweizer sagen es von sich, aber es wirkt nicht so. Die Italiener während ihrer Hymne? Wow, Gänsehaut, Tränen, «emozioni». Die Schweizer? Okay, die Melodie ihres Lobgesangs ist alles andere als ein Gassenhauer, der Text sowieso. Der Eindruck, der jeweils entsteht? Schon tausendmal besprochen.

Supporters of the Swiss soccer team sing the national anthem during the Euro 2020 soccer tournament group A match between Italy and Switzerland at the Olympic stadium, in Rome, Italy, Wednesday, June 16, 2021. (KEYSTONE/Jean-Christophe Bott)

Jaja, die Fans singen bei der Hymne mit. Bild: keystone

Doch auch während des Spiels und abseits des Rasens beschleicht einen das Gefühl, dass nicht alle an einem Strang ziehen, dass es Grüppchen gibt und Eigeninteressen, die das Team eher spalten denn einen. Ein Beispiel ist Freuler, bei dem man zweifeln darf, ob er sich neben Xhaka tatsächlich wohlfühlt, das gilt aber auch umgekehrt.

Switzerland's midfielder Xherdan Shaqiri, left, talks to Switzerland's midfielder Granit Xhaka and Switzerland's midfielder Remo Freuler during the Euro 2020 soccer tournament group A match between Wales and Switzerland at the Olympic stadium, in Baku, Azerbaijan, Saturday, June 12, 2021. (KEYSTONE/Jean-Christophe Bott)

Es gibt viel zu besprechen bei der Nati. Bild: keystone

So sagte Xhaka vor der EM: «Remo hat Fortschritte gemacht im Klub, das muss er nun auch in der Nati beweisen und Verantwortung übernehmen.» Zweimal in diesen Tagen wurde ebenfalls Freuler zum Captain befragt, zweimal gab er wirsche Antworten: «Hat Granit nicht eine eigene Pressekonferenz?» Und: «Zum Thema Frisuren ist abgemacht, dass ich nicht rede.»

Wie gut ist diese Mannschaft wirklich?

Es ist die Frage, welche die Schweiz seit Jahren begleitet. Und nun neue Dramatik erhält. Weil das 0:3 gegen Italien den Tiefpunkt in der Amtszeit von Vladimir Petkovic markiert. Seit 2014 und dem 2:5 an der WM gegen Frankreich musste die Nati nie mehr derart unten durch.

Mandatory Credit: Photo by Sergio Ruiz/Pressinphoto/Shutterstock 12088978dc Switzerland players at full time Italy v Switzerland Euro 2020 match, group A, matchday 2. Football, Olimpico in Rome Stadium, Rome, Italy - 16 Jun 2021 EDITORIAL USE ONLY No use with unauthorised audio, video, data, fixture lists outside the EU, club/league logos or live services. Online in-match use limited to 45 images 15 in extra time. No use to emulate moving images. No use in betting, games or single club/league/player publications/services. Italy v Switzerland Euro 2020 match, group A, matchday 2. Football, Olimpico in Rome Stadium, Rome, Italy - 16 Jun 2021 EDITORIAL USE ONLY No use with unauthorised audio, video, data, fixture lists outside the EU, club/league logos or live services. Online in-match use limited to 45 images 15 in extra time. No use to emulate moving images. No use in betting, games or PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTXHUNxGRExMLTxCYPxROMxBULxUAExKSAxONLY Copyright: xSergioxRuiz/Pressinphoto/Shutterstockx 12088978dc

Auch nach dem Italien-Spiel wirkt die Schweiz mehr wie ein Hühnerhaufen. Bild: imago-images.de

Vielleicht ist das Italien-Erlebnis ein Weckruf zur rechten Zeit. Denn eines ist klar: In den letzten Jahren hat sich die Schweiz vor allem in den Spielen gegen Gegner auf Augenhöhe oder jene, die schwächer einzustufen sind, verbessert. Obwohl das 1:1 gegen Wales bereits ein kleiner Rückschlag war. Noch immer gilt aber: Entscheidend wird sein, wie die Schweiz in der nun folgenden Partie gegen die Türkei auftritt. Es ist der Nati zuzutrauen, im entscheidenden Moment zuzuschlagen.

Widerstände überwinden, Kritik in Energie umwandeln – es bleibt jedenfalls ein ständiges Thema der Nati während grossen Turnieren. Gelingt es, kann plötzlich ein «Argentinien-Groove» entstehen, wie bei der WM 2014, als die Schweiz auf das 2:5 gegen Frankreich reagieren konnte, erst Honduras 3:0 besiegte und dann Argentinien heroisch forderte. Gelingt es nicht, wird diese EM zur grössten Nati-Enttäuschung seit der Heim-EM 2008.

Sind die Schweizer lauffaul?

Der Eindruck sagt: ja. Die Statistik beweist: ja. So rannte Stürmer Immobile 10,8 Kilometer, und Stürmer Embolo 9. Insgesamt liefen sechs Italiener über 10,3 Kilometer (Total 112,4), auf Seite der Schweizer (Total 106) waren es gerade mal zwei: Freuler und Xhaka, wobei der Captain als einziger auf 11 Kilometer kam (Jorginho schöpfte ihm aber auch da das Wasser ab).

Vor allem Aussenläufer Rodriguez hat in Anbetracht der Position einen schwachen Wert (9,8) und ist allein schon deswegen auf der Seite eine Fehlbesetzung. Bereits in der weniger intensiven Auftaktpartie gegen Wales liefen die Schweizer drei Kilometer weniger (87,3:90,3) als der Gegner. Den Gegenentwurf bilden da die Russen (gegen Finnland) mit gesamthaft fast 120 Kilometern.

Fussball ist ein Bewegungsspiel und Laufen letztlich Einstellungssache, Leidenschaft, die sich bei der Spielfreude zeigt. Laufen bedeutet, auch die letzten Meter zu gehen – sie hätten gefehlt gegen Italien, sagt Steven Zuber. Gut, dass man das mit reinem Willen ändern kann – im Gegensatz etwa zur Technik, Spielintelligenz.

Was fehlt nach dem Umbruch?

Lichtsteiner, Behrami, Djourou, Dzemaili, Gelson. Fünf Namen, die für ziemlich viele Verdienste im Schweizer Nationalteam stehen. Allesamt Charakterköpfe. An der WM 2018 waren sie letztmals an einem grossen Turnier dabei. Danach traten sie alle irgendwann zurück oder wurden nicht mehr aufgeboten, manch einer mit mehr Nebengeräuschen, manch einer mit weniger.

Switzerland's midfielder Ruben Vargas looks disapointed after loosing the Euro 2020 soccer tournament group A match between Italy and Switzerland at the Olympic stadium, in Rome, Italy, Wednesday, June 16, 2021. (KEYSTONE/Jean-Christophe Bott)

Die zweite Garde bekam von Petkovic bislang noch keine echte Chance. Bild: keystone

Man muss nun nicht gleich den gesamten Umbruch infrage stellen, den Petkovic initiiert hat. Aber eines war bisher an dieser EM augenfällig: Es fehlt den Schweizern an Mentalität, an Leidenschaft, an Willen auf dem Feld. Man würde sich ein paar Funken mehr Feuer wünschen, vielleicht gar etwas Gift. Und vielleicht auch etwas Entlastung für Captain Xhaka beim Führen dieses Teams.

Was passiert mit Yann Sommer?

Es gibt einiges im Leben, das wichtiger ist als Fussball. Auch nach einem 0:3 gegen Italien. Torhüter Yann Sommer reiste direkt nach dem Spiel ab, flog noch am späten Abend von Rom nach Köln zu seiner Familie. Sommer und seine Frau Alina durften sich am späten Mittwochabend über die Geburt ihrer Tochter Nayla freuen.

Weil Sommer doppelt geimpft ist, konnte er bereits wieder in die Schweizer Bubble eintreten, er musste dafür nur einen negativen Corona-Test vorweisen. Er wird also mit der Mannschaft von Rom nach Aserbaidschan fliegen. Einem Einsatz gegen die Türkei im letzten EM-Gruppenspiel am Sonntag (18.00 Uhr) steht damit nichts im Weg.

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quelle: keystone / fabio frustaci
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