Frauen-Nati weiterhin auf Kurs – fremdelt aber mit dem Spielstil von Trainer Navarro
10 Punkte aus vier Spielen – die Ausgangslage der Schweizerinnen in der WM-Qualifikation ist komfortabel. Der Gruppensieg in der Liga B ist greifbar – und damit die bestmögliche Voraussetzung, sich in den Playoffs auf dem Weg zur WM 2027 in Brasilien in eine gute Ausgangslage zu bringen. Und doch wirft das 1:1 in der Türkei am Samstag grundlegende Fragen auf. Denn weniger das Resultat als der Auftritt zeigt: Die Nati fremdelt noch mit dem System des neuen Nationaltrainers Rafel Navarro.
Die Schweizerinnen kontrollieren Phasen der Partie, haben mehr Ballbesitz, mehr Präsenz – aber zu wenig Ertrag. «Wir haben haarsträubende Fehler gemacht», sagt Rekordnationalspielerin Ana-Maria Crnogorcevic schonungslos.
Dominant, aber zu kompliziert
Mit Navarro hat im Herbst ein klarer Systemwechsel stattgefunden. Weg vom pragmatischen Ansatz seiner Vorgängerin Pia Sundhage, hin zu mehr Struktur, mehr Positionsspiel und mehr Kontrolle im Ballbesitz. Talente wie Iman Beney und Sydney Schertenleib sollen dadurch noch prägender werden. Navarro steht für einen spielerisch anspruchsvollen Ansatz.
Doch die Umsetzung stockt. «Wir haben so viele Details bekommen. Deshalb erkenne ich durchaus Fortschritte», sagt Lia Wälti nach dem 1:1 in der Türkei. Gleichzeitig beschönigt die Captain damit auch einiges. Noch sind die Abläufe bei Weitem nicht automatisiert, viele Spielerinnen halten den Ball zu lange, das Spiel wirkt träge – auch, weil die für das System nötigen Rotationen oft fehlen. Statt klarer Durchschlagskraft bleibt Navarros Spielstil bisher eine Dominanz ohne Torgefahr.
Es fehlt am Unerwarteten
Im Auswärtsspiel gegen die Türkei ist es Crnogorcevic, die mit einem Abschluss aus dem buchstäblichen Nichts das einzige Schweizer Tor erzielt. Ähnlich entstand auch das wichtige Tor zum 2:1 im Heimspiel wenige Tage zuvor: Géraldine Reuteler fasst sich ein Herz, schiesst aus der zweiten Reihe, der Ball prallt ab – Aurélie Csillag reagiert am schnellsten. «Ich dachte mir, ich schiesse einfach mal», sagte Reuteler danach.
Solche Aktionen bleiben die Ausnahme. Insgesamt fehlt es dem Schweizer Spiel an Überraschungsmomenten. Es gibt wenige Schüsse, wenige clevere Laufwege, wenige erfolgreiche Dribblings. Viele Angriffe sind ausrechenbar und selbst für die bescheidenen Gegnerinnen in der Liga B einfach zu verteidigen. Und selbst wenn die Idee stimmt, hapert es oft an der Ausführung. Es fehlt an Kreativität und Präzision.
Standards sorgen für Stirnrunzeln
Standardsituationen sind im Nationalteam ein wiederkehrendes Problem. Seit Jahren kassieren die Schweizerinnen nach ruhenden Bällen immer wieder einfache Gegentore, und in der Offensive fehlt es an der nötigen Torgefahr. Navarro reagiert mit einem ungewöhnlichen Ansatz: Wälti tritt Standards neuerdings auch mit dem linken Fuss.
Das ist bemerkenswert, weil sie zwar als nahezu beidfüssig gilt, ihr stärkerer Fuss aber der rechte ist. Der Effekt bleibt bislang aus. Wältis Hereingaben haben zu wenig Schärfe, kommen mit zu viel «Schnee», wie es im Fussballjargon heisst – und sind entsprechend leicht zu verteidigen.
Anspruch und Realität klaffen auseinander
Die Zahlen der Frauen-Nati in der WM-Qualifikation kaschieren vieles. Zehn Punkte aus vier Spielen sind solide, die beiden Auftritte gegen die Türkei sowie die Partien gegen Nordirland und Malta waren jedoch nur bedingt überzeugend. Navarro hatte selbst formuliert, alle sechs Spiele gewinnen zu wollen – dieses Ziel ist bereits verpasst.
«Das ist nicht tragisch», relativiert der Trainer. Tatsächlich ist die Tabellenführung kaum in Gefahr. Doch mit Blick auf die kommenden Playoffs wird klar, dass eine Steigerung nötig ist. Die Gegnerinnen in der Liga B sind von der europäischen Spitze weit entfernt. Trotzdem kassiert die Schweiz in drei von vier Spielen Gegentore. Zudem erspielen sie sich zu wenige Chancen.
In den Playoffs im Herbst dürften deutlich stärkere Gegnerinnen warten. Bis dahin muss aus einer guten Idee ein funktionierendes System werden. Denn so, wie die Nati derzeit auftritt, wird es gegen Topteams kaum für die WM 2027 reichen. (riz/aargauerzeitung.ch)

