«Müssen in Volketswil einfach eiskalt sein»: So funktioniert der VAR in der Super League
Wie läuft die Kommunikation zwischen dem Schiedsrichter auf dem Platz und dem Video-Schiedsrichter im «Video Operation Room» in Volketswil eigentlich ab? Bei einem Medientreffen des Schweizerischen Fussballverbands wurden die Türen geöffnet und das Léman-Derby zwischen Servette und Lausanne konnte live im «House of Football» in Muri bei Bern mitverfolgt werden.
Dabei waren auch Daniel Wermelinger, Leiter Ressort Spitzenschiedsrichter, und der Leiter Ressort Schiedsrichter Sascha Amhof anwesend. Bevor die Partie im Stade de Genève startete, eröffnete Wermelinger die Medienrunde mit einem kleinen Rückblick auf die Hinrunde. Insgesamt ist man beim Verband mit den Schiedsrichterleistungen zufrieden. Aber es gab auch grobe Fehlentscheidungen, welche in der Hinrunde getroffen wurden.
Im oberen Drittel der Liga
So zum Beispiel beim Kracher zwischen Basel und YB zu Beginn der Saison. Eine Abseitsposition wurde vom Schiedsrichter und dem VAR übersehen. Dieser Fehlentscheid führte zum spielentscheidenden Elfmeter für den FCB und zu viel Unmut beim damaligen YB-Trainer Giorgio Contini.
Auch in der Challenge League kam es im Spitzenspiel zwischen Vaduz und Aarau kurz vor Weihnachten zu einem groben Fehlentscheid, als Aaraus Marcin Dickenmann wegen einer Schwalbe vom Platz flog. «Die Schwalbe suchen wir heute noch», stellt Wermelinger klar. In der zweithöchsten Fussballliga gibt es aktuell allerdings noch keinen VAR.
«Wären wir ein Team in der Liga, würde ich uns im vorderen Drittel sehen», bilanziert der 54-Jährige und führt weiter aus: «Wir überwintern dank Sandro Schärer und Urs Schnyder auch wieder europäisch». Die beiden Spitzenschiedsrichter werden mit ziemlicher Sicherheit in dieser Saison zu weiteren Einsätzen in den UEFA-Wettbewerben kommen.
75 VAR-Interventionen in der Vorrunde
Insgesamt musste der VAR in den 112 Partien der Hinrunde 75 Mal eingreifen. In der gesamten letzten Saison musste der VAR rund 100 Mal eingreifen, damit wird dieser Wert in der aktuellen Saison klar übertroffen. Die Devise bleibt gemäss Wermelinger klar: «Wir möchten, dass der VAR nur bei klaren Entscheidungen eingreift.» Die Betriebskosten für den VAR belaufen sich auf knapp 900'000 Franken im Jahr.
Während es international schon mehrere Schiedsrichter gibt, welche nur noch als VAR im Einsatz stehen, gibt es solche in den Schweizer Ligen noch nicht. «Momentan haben wir ausschliesslich Schiedsrichter, die beides machen», erklärt Wermelinger. Aber eine Änderung in der Zukunft schliesst er nicht aus. «Die Tendenz ist, dass wir uns durchaus vorstellen können, dass Schiedsrichter, welche nicht mehr auf dem Platz stehen werden, danach auch noch im VAR zu sehen sein werden.»
Ein perfektes Beispiel für ihn ist Fedayi San. Der 43-Jährige pfeift derzeit noch immer Spiele, steht aber heute bereits in den UEFA-Wettbewerben regelmässig als Video Assistant Referee im Einsatz und verfügt damit über viel Erfahrung in dieser Rolle.
Im Trainingslager vorbereitet worden
Für die zweite Saisonhälfte wurden die Schiedsrichter in Zypern in einem Trainingslager vorbereitet. Zum einen kam es zu einem sportlichen Teil, um das nötige Fitnesslevel für die Rückrunde zu erreichen. In einem zweiten Teil war die Theorie ein Thema.
Für Sascha Amhof ist das Wichtigste, dass der VAR jeweils objektiv entscheidet und seine subjektive Meinung weglässt. Dabei ist für den ehemaligen Schiedsrichter besonders ein Aspekt wichtig, wenn sich der VAR beim Schiedsrichter meldet: «Wir wollen nur Fakten und kein blabla.» Auch Wermelinger stellt klar: «Sobald du dich von Emotionen walten lässt, hast du als VAR bereits verloren. Spekulationen sind der Tod für jeden Videoschiedsrichter, in Volketswil müssen wir einfach eiskalt sein.»
Vor dem Spiel wurden noch einige Beispiele aus der Hinrunde gezeigt, welche auch die Schiedsrichter im Trainingslager nochmals analysierten. Dabei sah man ein erstes Mal, wie schnell reagiert werden muss bei einem möglichen VAR-Eingriff und dass bereits ein falscher Kamerawinkel zu Verzögerung führen kann.
Wenig Kommunikation zwischen Schiedsrichter und VAR
Um 20.30 Uhr startet dann das Léman-Derby. Kurz zuvor hört man VAR Sven Wolfensberger ein erstes Mal: «Sandro (Schärer Anm. d. Red.), hörst du mich?» Das Spiel wird auf zwei Bildschirmen übertragen: Auf der einen Seite läuft das Spiel live, auf der anderen ist der VAR-Split. Dieser läuft mit drei Sekunden Verzögerung. Damit kann in Volketswil die Situation direkt genauer angesehen werden. Der Video-Operator, welcher im gleichen Raum wie der VAR sitzt, muss jeweils innerhalb von Sekunden das richtige Bild liefern.
Direkt fällt auf, dass sich die Kommunikation bei Schiedsrichter Sandro Schärer auf das Minimum beschränkt. Währenddessen wird im «Video Operation Room» sehr viel mit Codewörtern gearbeitet, damit man so effektiv wie möglich ist. Auch bei den Spielern stellt er direkt klar, wer der Chef auf dem Platz ist. Der 37-Jährige schickt reklamierende Spieler jeweils direkt weg und kommuniziert klar.
Die Kommunikation zwischen Schiedsrichter und VAR läuft dabei hervorragend. Als die Spieler von Servette einen Elfmeter fordern, startet direkt der Dialog zwischen Schärer und Wolfensberger. «Delay, delay, we need a check!», schreit Schärer und wird innert Sekunden von Wolfensberger aufgeklärt: «No handball, check complete.» Die Verbindung zwischen Schiedsrichter und VAR wird in der Regel nur hergestellt, wenn in Volketswil etwas überprüft werden muss.
Amhof ist zufrieden
Für den VAR gibt es auch noch weitere Aufgaben. So muss er jeweils überprüfen, ob der Schiedsrichter auf dem Platz den richtigen Spieler verwarnt hat.
Schärer hat die Partie im Griff und es unterlaufen ihm kaum Fehler. Für den VAR ist es ein ruhiger Abend und er muss während der Partie nie eingreifen. Schärer entscheidet auch bei der Schwalbe von Mardochée Miguel richtig und stellt den Servette-Stürmer nach der zweiten gelben Karte in der 37. Minute vom Platz.
Auch beim einzigen Treffer der Partie läuft alles reibungslos ab. Die Standardsituation, welche zum Tor führte, wird direkt auf ein mögliches Abseits geprüft und innerhalb weniger Sekunden kommt die Bestätigung auf das Ohr von Schärer, dass alles mit rechten Dingen abgelaufen ist.
Nach der Partie ist Amhof sehr zufrieden mit der Leistung seiner Leute: «Das war wirklich ein fehlerfreier Auftritt.» Von ihrem Chef erhalten die beteiligten Schiedsrichter die bestmögliche Note. «Da müsste ich wirklich eine Sechs geben.»
Gibt es bald Änderungen beim VAR?
Auch technische Änderungen könnten beim VAR bald erfolgen und werden immer wieder geprüft. «Natürlich wäre es schön, allen alles zu zeigen», erklärt Wermelinger auf die Frage, ob Szenen, welche überprüft werden, auch auf den Stadionbildschirmen übertragen werden sollen. Aber er stellt auch klar: «Dafür braucht es die richtige Qualität. Das ist auch noch in jedem Stadion ein wenig anders.»
Beim VAR passt sich der Schweizerische Fussballverband in den meisten Fällen der UEFA und FIFA an. So auch beispielsweise bei Veröffentlichungen von Gesprächen zwischen dem Schiedsrichter und dem VAR. Während diese in der Premier League nach kritischen Entscheidungen auf ihren Kanälen veröffentlicht werden, verzichtet man in der Super League aktuell darauf.
