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Das rauschende Ende eines verrückten Jahres

Das rauschende Ende eines verrückten Jahres – nutzt Petkovic den Aufschwung?

Auch Nationaltrainer Vladimir Petkovic ist mit dem 5:2-Sieg gegen Belgien ein Befreiungsschlag geglückt.
20.11.2018, 05:0220.11.2018, 06:49
Etienne Wuillemin / ch media

Eigentlich war es ein Moment des grossen Triumphs. Ein Moment, der Vladimir Petkovic so viel geben könnte. Freude, Erleichterung, Genugtuung auch. Ein rauschendes 5:2 gegen Belgien, dieses hochgelobte Team voller Weltklasse – wann gibt es das schon?

Belgium's Axel Witsel, left, fights for the ball against Switzerland's Xherdan Shaqiri, right, during the UEFA Nations League soccer match between Switzerland and Belgium at the swissporaren ...
Ein Weltklasse-Team besiegt: Xherdan Shaqiri und Kollegen bezwingen Belgien 5:2.Bild: KEYSTONE

Aber so ist das nicht. Wer am Sonntag kurz vor Mitternacht in die blauen Augen dieses Trainers blickt, sieht denselben Menschen wie stets. Vladimir Petkovic ist immer Vladimir Petkovic. Das bedeutet: kontrolliert. Souverän. Nicht gerade gefühlslos. Aber doch so, als würde einem sein Körper mit jeder Faser sagen wollen: Nichts passiert! Alles normal! Nur keine Aufregung jetzt.

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Vladimir PetkovicBild: EPA/KEYSTONE

Natürlich hat das einen Grund. Petkovic hat Wochen und Monate hinter sich, die wieder einmal geprägt waren von grossen Gefühlsschwankungen. Das Nationalteam pendelt mit grösster Regelmässigkeit zwischen totaler Euphorie und kompletter Ernüchterung. Garniert mit einer Prise Unverständnis. So war das im Jahr 2018.

Swiss soccer player Valon Behrami, left, and Swiss national soccer head coach Vladimir Petkovic, right, react during a team's training session in Lugano, Switzerland, Wednesday, June 1, 2016. The ...
Aneinander vorbeigeredet: Valon Behrami tritt zurück, weil er Petkovics Ideen missversteht.Bild: KEYSTONE

Immer mittendrin: Vladimir Petkovic. Aber eben häufig doch nicht ganz dabei. Als die Schweiz über Doppeladler diskutierte – kein Votum. Als seine Fussballer gegen Schweden den Achtelfinal verloren – keine Erklärungen. Als kurz darauf nur noch die Doppelbürger Thema waren – erst recht kein Ton. Petkovic liess es zu, dass die Schweiz das Bild eines Nationaltrainers bekam, der im Begriff war, seinem Land mit Gleichgültigkeit zu begegnen. Das Bild hat sich nur verstärkt, als im Sommer Valon Behrami aus dem Nichts zurücktrat. Umbruch? Neue Reize? Die beiden redeten aneinander vorbei. Es bleibt eine rätselhafte Geschichte.

Das zerschlagene Glas

Was bedeutet dieser grosse Schweizer Sieg nun für ihn, lautet die Frage an Petkovic. Er überlegt, seufzt. Sagt dann: «Es tut mir Leid, dass ich so antworten muss. Aber: Wir haben keinen negativen Trend gesehen. Wie das von ausserhalb wahrgenommen wird, das kann eben passieren. Pfeifen, klatschen, hin und her. So ist es eben manchmal.» Es ist eine Antwort, die tief blicken lässt. Petkovic verteidigt sein Team. Er spürt, dass Misstrauen da ist. Besonders nach einem Jahr wie diesem, mit Doppeladler-Jubel, Doppelbürger-Debatte, Rücktritten, sportlichen Höhenflügen und Tiefpunkten. Manchmal denkt man: Wie lange tut er sich das noch an?

Doch wie sehr werden Petkovic und sein Nationalteam tatsächlich ungerecht behandelt? Tatsache ist: Am Tag vor dem Spiel wird Granit Xhaka an der offiziellen Medienkonferenz von einer Gratiszeitung gefragt, ob Petkovic das Team noch hinter sich wisse. Am Tag des Spiels schreibt der «Sonntagsblick»: «Es braucht einen neuen Nationaltrainer. Einer, der Teil von Aufbruchstimmung ist.» Es scheint einiges Glas zerschlagen.

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Euphorischer Jubel: Granit Xhaka freut sich im WM-Spiel gegen Serbien mit dem Doppeladler.Bild: EPA/KEYSTONE

Es sind Dinge, die nicht spurlos an Petkovic vorbeigehen. Was er dachte, als die Schweiz kurz nach Spielbeginn gegen Belgien bereits im Rückstand geriet, will die Journalistin wissen, die vor dem Spiel Xhaka nach dem Rückhalt des Trainers befragte. Der Nationaltrainer sagt: «Ich dachte: Also diese Mannschaft steht wirklich nicht hinter dem Trainer! Was soll ich nur machen?» Petkovic bleibt Petkovic. Ein kleines Lächeln ist Zeichen dafür, wie zufrieden er mit seiner Selbstironie ist.

Eines wurde ziemlich offensichtlich an diesem turbulenten Sonntagabend in Luzern. Petkovic ist Herr dieses Teams. Wäre er das nicht, hätte das Spiel eine andere Wendung genommen. Aus einem frühen 0:2 ist in manchen Fällen auch schon ein 0:5 geworden. Anstatt der Demütigung folgte die wundersame Wende. Mit Petkovic in der Hauptrolle, der die Taktik umstellte. Und mit Spielern, die von Minute zu Minute mehr an sich glaubten. «Respektlos» nannte Xherdan Shaqiri hinterher die anhaltende Kritik am Trainer.

Noten der Nati-Spieler vom 5:2-Spektakel gegen Belgien:

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Noten der Nati-Spieler vom 5:2-Spektakel gegen Belgien
Yann Sommer: Note 5Der Goalie muss rasch zweimal hinter sich greifen – aber weder das 0:1 noch das 0:2 ist haltbar. Danach hält er mehrfach stark.
quelle: ap/ap / rui vieira
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Was es zum Erfolg braucht

Die Fragen nach dem letzten Nati-Spiel 2018 lauten: Wie viel ist dieser Sieg für die Zukunft wert? Und darf man deswegen die Vergangenheit einfach so verdrängen?

Wer den WM-Halbfinalisten und Weltranglistenersten nach einem 0:2 noch 5:2 schlägt, verfügt über viel Moral und Willen. Doch eines ist auch gewiss: Die Schweiz ist darauf angewiesen, dass alle Schlüsselspieler gleichzeitig gut in Form sind. Die Schweiz braucht also einen Wirbler Shaqiri, einen Strategen Xhaka, einen «falschen Spielmacher» Rodriguez und einen Torjäger Seferovic, einen Hexer Sommer. Dazu eine stabile Innenverteidigung. Erst dann können andere wie Mbabu, Edimilson oder Freuler über sich hinauswachsen.

epa06861215 Emil Forsberg of Sweden (R) reacts after scoring the 1-0 as Ricardo Rodriguez of Switzerland looks dejected during the FIFA World Cup 2018 round of 16 soccer match between Sweden and Switz ...
Grenzenlose Ernüchterung: An der WM verliertdie Schweiz den Achtelfinal gegen Schweden 0:1.Bild: EPA/EPA

Das tönt nach viel. Und das ist es auch. Denn dieses Jahr 2018 hat auch gezeigt, wie schnell das Kartenhaus zusammenbrechen kann. Sobald zu viele Spieler der ersten Garde fehlen, fehlen Schwung und Selbstverständnis. Dann heisst es plötzlich 0:1 gegen Katar.

Und Petkovic? Man wünscht sich einen Nationaltrainer, der mit genau so viel Verve über gesellschaftliche Themen diskutiert, wie er am Sonntag an der Seitenlinie steht und seinen Spielern taktische Varianten erklärt. Man wünscht Petkovic einen Berater, von dem er sich tatsächlich auch beraten lässt. Der Mensch Vladimir Petkovic hat eine wunderbare, sanfte und humorvolle Seite. Es schadet ihm nicht, wenn er sie etwas häufiger zeigt. Vielleicht fällt ihm das in Zukunft ja etwas leichter. Die Hoffnung bleibt. (aargauerzeitung.ch)

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