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Die gambischen Flüchtlinge beim Training auf dem Sportplatz der Sportfreunde Hügelheim.
bild: mario heller

Von der U17-WM ins Asylheim: Dank dem Team Africa dürfen gambische Flüchtlinge wieder den Profifussballer-Traum leben

Wenn Shaqiri jubelt, jubeln wir auch. Und wir lobpreisen die integrative Kraft des Fussballs. Eine Kraft, die in Deutschland stärker zu spüren ist.

François Schmid-Bechtel, Müllheim / Aargauer Zeitung



Ein Fan des Schweizer Fussball-Nationalteams ist Peter Föhn kaum. Die Schweiz habe den Fehler gemacht, die Flüchtlinge aus dem Jugoslawienkrieg im Land zu behalten, poltert der SVP-Ständerat aus dem Kanton Schwyz. Also kein Shaqiri, kein Behrami, kein Mehmedi, kein Xhaka, kein Drmic, kein Dzemaili.

In Deutschland würde Föhn mit einer sinngemässen Aussage zerzaust. Einerseits, weil es gerade angesagt ist, sich für Flüchtlinge einzusetzen. Andererseits, weil der Fussball eine andere Kraft hat. Diese Kraft wird mitunter auch dazu genutzt, den Flüchtlingen zu signalisieren: Ihr seid willkommen. Wie in Müllheim, auf halbem Weg zwischen Freiburg und Basel, wo man innert kürzester Zeit das Team Africa gegründet hat. Eine von zwei deutschen Mannschaften, die ausschliesslich aus Asylbewerbern besteht – ein Augenschein.

Früher wohnten im unprätentiösen Betonblock die Angestellten des Hotels. Heute die Asylbewerber. Geplant war, 80 unterzubringen. Unterdessen sind es 130. Hauptsächlich Männer. Mehrheitlich aus Gambia. Einem afrikanischen Zwergstaat, den wir nicht wie Syrien auf dem Krisenradar haben. Gleichwohl ist es im westafrikanischen Kleinstaat ungemütlich, weil seit 1994 Diktator Yahya Jammeh die Hebel der Macht bedient.

FILE - In this June 30, 2011 file photo, Gambian President Yahya Jammeh stands outside the Sipopo Conference Center in Malabo, Equatorial Guinea, ahead of the opening session of the 17th African Union Summit. A movement to coronate President Jammeh as King of Gambia may have lost steam, but this ruler of 17 years who claims he can cure AIDS and infertility is all but certain to remain in power after a Thursday, Nov. 24, 2011 presidential vote. (AP Photo/Rebecca Blackwell, file)

Gambias Diktator Yahya Jammeh bei den Wahlen im Jahr 2011.
Bild: AP

Offiziell nennt er sich Seine Exzellenz Scheich Professor Hajj Doktor Yahya AJJ Jammeh. Er behauptet, Aids mittels Handauflegen heilen zu können. Er drohte 2008, alle Homosexuellen im Land zu köpfen. 2013 verkündete Jammeh vor der Uno-Generalversammlung, Homosexualität sei eine der drei grössten Bedrohungen für die Menschheit (nebst Gier und Herrschsucht).

Doch alle Versuche, den Despoten zu stürzen, scheiterten. Teils kläglich. Wie letzten Winter, als die Rädelsführer glaubten, mit ein paar Schüssen in die Luft die Präsidialgarde in die Flucht treiben zu können.

Als Jammeh nach dem Tod Gaddafis gefragt wurde, ob er keine Angst vor dem gleichen Schicksal habe, antwortete er: «Wenn mir Allah aufträgt, Gambia eine Milliarde Jahre lang zu regieren, dann werde ich es tun.»

Von der U17-WM ins Asylheim

Beck – eine Kurzform für Beckham – fläzt in einem Plastikstuhl vor der Asylunterkunft. «Aus der Schweiz? Kennst du Nassim Ben Khalifa?», fragt Beck. Klar. Aber woher kennt der Typ den Schweizer Ben Khalifa? Zweifellos einst ein Riesentalent. Inzwischen beim türkischen Provinzklub Eskisehirspor engagiert. «Ich habe mit Gambia an jener U17-WM teilgenommen, die die Schweiz gewonnen hat. Ben Khalifa war der beste Spieler des Turniers», sagt Beck.

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Beck will es in Deutschland zum Profi-Fussballer bringen.
bild: Mario heller

Während sich bei einigen Spielern jenes Schweizer Weltmeister-Teams, beispielsweise Ricardo Rodriguez, mit 23 die Millionen bereits türmen, muss sich Beck mit 4.5 Quadratmetern Privatsphäre zufrieden geben. «Crazy», sagt er und lächelt auch, als er sagt: «Das macht mich auch ein bisschen traurig. Allein aus politischen Gründen wurde ich nie für die A-Nationalmannschaft von Gambia nominiert. Und weil sich kaum je ein Scout nach Gambia verirrt, hatte ich keine Chance, als Fussballer aus Gambia rauszukommen.»

Dafür als Student. Über Senegal kam Beck nach Libyen, wo er an einer Ingenieurschule studierte. Als aber der Bürgerkrieg tobte, konnte Beck weder bleiben noch zurück nach Gambia, sondern nur vorwärts, «um mein Leben zu retten». Übers Meer, «wo ich viele Leute sterben sah», nach Italien, «wo ich nicht bleiben wollte», nach Deutschland, «wo ich Karriere als Fussballer machen will».

Becks Realität ist aber nicht die Bundes-, sondern die Bezirksliga. FC Neuenburg am Rhein. Gleichwohl ist er überzeugt von seinen Qualitäten. «Ich habe das Talent zum Profi. Am letzten Wochenende habe ich innerhalb von sieben Minuten drei Tore erzielt.» Aber noch ist nicht mal sicher, ob Beck in Deutschland bleiben darf.

«Hey Mann, ich bin China. Ich habe vor vielen Jahren in einem Testspiel gegen Lausanne – sagt man das so? – gespielt. Wir haben 1:5 verloren», sagt der Mann mit den schlitzförmigen Augen, die so viel Schalk und Lebensfreude versprühen. China ist 33. In seiner Heimat war er als Fussballer eine grosse Nummer. China spielte mehrere Jahre für die Hawks, den Vorzeigeklub Gambias. Heute ist er die Vaterfigur und der Dirigent im Team Africa, der dritten Mannschaft der Sportfreunde Hügelheim.

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China war in Gambia eine grosse Nummer.
bild: mario heller

China hat in Deutschland keinen Job, keine Familie, nur den Fussball. Er würde gerne als Maler arbeiten, wie er das in Gambia getan hat. China sagt: «Wir leben gut, wir sind hier sicher. Aber es braucht Geduld. Sowieso: Geduld ist alles im Leben.»

Training – und keiner da

Geduld braucht auch Georg Imgraben, der Initiator von Team Africa. Bevor wir das Flüchtlingsheim verlassen, schärft er jedem nochmals ein, dass um 18 Uhr das Training beginnt. Als Imgraben um 18.15 Uhr vorfährt, ist der Trainingsplatz leer. Der erste Spieler trifft um 18.30 Uhr, der letzte um 19 Uhr ein. «Das hat nichts mit Faulheit zu tun», sagt Imgraben. «Es dauert, bis die Afrikaner mit einer Uhr umgehen können. Im Gegenzug kommt keinem meiner Spieler in den Sinn, dass nach acht Stunden Schichtwechsel ist, auch wenn die Arbeit nicht beendet ist. Ich sage ihnen ständig, dass in diesem Land Unpünktlichkeit als fehlender Respekt aufgefasst wird.» Er hat an diesem Abend wieder Gelegenheit, es seinen Spielern zu erklären. Und während er das tut, fasst er sich mit der rechten Hand ans Herz. Die Gambier tun es ihm gleich. Es ist ihre Art, sich zu entschuldigen.

Dann endlich Training. Raus aus der Enge. Stressabbau. Spielen. Freiheit, bis es so dunkel ist, dass man den Ball nicht mehr sieht. «Fantastisch, wie unsere Spieler mit dem Ball tanzen», frohlockt die freiwillige Helferin Andrea, die von allen nur «Mama Africa» gerufen wird.

Für einmal ist es Georg Imgraben, der das Training leitet. Trainer Samaram Nije ist als Lastwagenfahrer in Österreich unterwegs.

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Georg Imgraben, der Manager von Team Africa.
bild: Mario Heller

Imgraben ist 34, stammt aus Müllheim, ging nach Dresden, um «alte Geschichte zu studieren». Als er nach Müllheim zurückkehrte, um an seiner Doktorarbeit «Humor im antiken Griechenland» weiterzuschreiben, realisierte er, dass es den Menschen in Müllheim besser geht, als sie wissen. Aber als Imgraben im vergangenen Winter für eine Stippvisite nach Dresden zurückkehrte, machte er sich Sorgen um Deutschland, um Müllheim. «Pegida hat Dresden verwandelt. Plötzlich Glatzen in der Innenstadt, die ich während zehn Jahren nie dort gesehen habe. Auch wenn Müllheim heile Welt ist und man bis zur nächsten Pegida-Demo erst den Schwarzwald durchqueren muss, habe ich mir Sorgen um die Asylbewerber bei uns zu Hause gemacht.»

Heute spricht er von einer grossartigen Akzeptanz der Bevölkerung gegenüber den Asylbewerbern. «Und die Polizei betont sogar, dass es am Bahnhof Müllheim nie so friedlich war, bevor die Flüchtlinge dort ihr Quartier bezogen haben.»

Imgraben schliesst sich dem Verein Zuflucht an. Bei einem Treffen lernt er Samaram Nije kennen, der einen Landsmann berät. Nije kam vor über 20 Jahren aus Gambia nach Deutschland und spielte für Oldenburg in der zweiten Bundesliga. Imgraben, Nije und der Polizist Lutz Schenk initiieren an jenem Abend das Team Africa und sind bald selbst überrascht über den Support aus der Bevölkerung. Fussballklubs und Sportartikelhersteller spenden Material. Die Sportfreunde Hügelheim melden Team Africa als dritte Aktiv-Mannschaft. Der Verband nimmt die Afrikaner in den Ligabetrieb auf, obwohl die Meldefrist abgelaufen ist. Die Gemeinde stellt eine verwilderte Wiese als Trainingsplatz zur Verfügung, welche die Flüchtlinge in Eigenregie herrichten. Und zum ersten Meisterschaftsspiel von Team Africa erscheinen 150 Zuschauer.

Das grosse Herz der Bayern

Bayern München spendet eine Million Euro. Der Deutsche Fussballbund schüttet jedem Klub Geld aus, der Flüchtlinge aufnimmt. Mainz 05 und viele andere Bundesligisten laden Flüchtlinge zu Heimspielen ein. Die deutschen Nationalspieler nehmen öffentlich Stellung gegen Rassismus. Es vergeht kaum ein Tag ohne ein starkes Signal aus dem Fussball. Wie jenes von Imgraben («ich bin kein Linker, sondern ein Liberaler, nur gibt's leider keine liberale Partei in Deutschland»), der sich unentgeltlich für die Flüchtlinge engagiert, obwohl er selbst nur mit viel Fantasie über die Runden kommt. Wie sich Deutschland den Flüchtlingen annähert: Das ist mehr als standesgemäss für einen Fussball-Weltmeister. 

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