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Mehr als nur Befehlsempfänger? GC-Trainer Giorgio Contini.
Mehr als nur Befehlsempfänger? GC-Trainer Giorgio Contini.
Bild: keystone
Interview

Giorgio Contini: «Bei GC muss in den nächsten 5 Jahren etwas gewonnen werden»

Das Geld kommt von Fosun. Die Macht haben Chinesen. In der Fussball-Hierarchie zuoberst steht der englische Klub Wolverhampton. Und über allem scheint der mächtige Ronaldo-Berater Jorge Mendes zu schweben. Ist GC nur noch eine kleine, fremdbestimmte Spielfigur? Und wie geht der neue Trainer Giorgio Contini damit um?
26.08.2021, 07:3027.08.2021, 10:42
françois schmid-bechtel / ch media

Giorgio Contini war Meisterstürmer in St. Gallen, Assistent von Murat Yakin in Luzern, ehe er in Vaduz den Schritt zum Cheftrainer wagte. Über St. Gallen kam der 47-Jährige zu Lausanne. Mit den Waadtländern stieg er auf, etablierte den Klub in der Super League und musste trotzdem zum Ende der letzten Saison gehen. Warum? Weil es die Zentrale in Nizza mit dem Weltkonzern Ineos im Rücken so bestimmte.

Nun ist Contini Trainer bei GC. Auch der Schweizer Rekordmeister wird von einem ausländischen Grosskonzern kontrolliert. Der Präsident Sky Sun ist ein Gesandter des chinesischen Grosskonzern Fosun, der neben GC auch die Aktienmehrheit von Premier-League-Klub Wolverhampton hält. Und weil Fosun beteiligt ist an Jorge Mendes' Berateragentur, liegt der Verdacht nahe, der Portugiese sei die graue Eminenz bei GC.

Giorgio Contini, wo sehen Sie die Unterschiede zwischen ihrem letzten Arbeitgeber Lausanne und ihrem aktuellen GC?
Giorgio Contini:
Der grösste Unterschied ist, dass wir in Lausanne drei Jahre lang zusammengearbeitet haben. Die Spielidee, die Trainings, der Austausch – das alles ist gewachsen. Wir waren viel weiter als jetzt hier bei GC.

In Lausanne kam es in diesen drei Jahren jedoch zu vielen Wechseln.
Schon. Aber die Innenverteidiger und die zentralen Mittelfeldspieler sind geblieben. Auch in meiner letzten Saison standen jeweils sechs Spieler auf dem Platz, die schon unter mir gespielt haben, als ich angefangen habe. In einer solchen Konstellation braucht es mich nicht immer. Da wussten die Führungsspieler, was zu tun ist, was ich erwarte. Hier bei GC müssen wir uns alle erst noch kennen lernen. Der Staff, die Spieler, das Management.

Sehen Sie Unterschiede punkto Qualität und Mentalität?
Mein Gefühl sagt, dass wir in Lausanne mehr Tempo im Team hatten. Natürlich bedingt dadurch, dass wir sehr viele junge Spieler hatten. Hier bei GC haben wir etwas mehr Erfahrung. Plus/Minus ist etwa gleich viel Potential vorhanden.

«Der grosse Unterschied für mich ist, dass ich hier von der Führung ausgewählt wurde. In Lausanne hingegen wurde ich übernommen.»

Lausanne hat wie kein anderer Schweizer Klub nur noch ganz junge Spieler verpflichtet.
Aber auch sie haben geholfen aufzusteigen und Lausanne in der Super League zu etablieren. Bei GC hingegen ist eine gute Mischung punkto Altersstruktur vorhanden. Wir haben ein paar Junge dazu gekriegt. Aber nicht 18-Jährige wie in Lausanne, sondern solche Anfang 20, die schon in einer ersten Division geschnuppert haben. Und wir haben ein neues routiniertes Herzstück mit Margreiter und Abrashi. Das ist wichtig: Wenn man auf junge Spieler setzt, braucht es Routiniers, die diese führen.

Sowohl in Lausanne (Ineos) als auch bei GC (Fosun) halten Weltkonzerne die Aktienmehrheit. Was bedeutet das für einen Trainer?
Bei GC heisst es, dass in den nächsten fünf Jahren etwas Grosses gewonnen werden muss. Das war in Lausanne zwar auch mal der Fall. Aber nach eineinhalb Jahren wurde der Kurs geändert. Der grosse Unterschied für mich ist, dass ich hier von der Führung ausgewählt wurde. In Lausanne hingegen wurde ich übernommen.

Sind bei GC auch die Wege kürzer?
Der Präsident ist jetzt zwar in Schanghai. Aber einmal pro Woche diskutieren wir. Und der Austausch mit dem Sportchef und dem Managing Director findet täglich statt, weil ich hier mehr in die Überlegungen und Planung eingebunden werde.

GC-Präsident Sky Sun tauscht sich regelmässig mit Giorgio Contini aus.
GC-Präsident Sky Sun tauscht sich regelmässig mit Giorgio Contini aus.
Bild: keystone

Lausanne wurde nach dem Einstieg von Ineos quasi von einem Tag auf den anderen zum reinen Farmteam von Nizza degradiert.
So hat man es zwar nicht gesagt. Irgendwann hiess es nur: Ziel sei es nicht, etwas zu gewinnen. Sondern Ziel sei es, die Jungen entwickeln, um sie gewinnbringend verkaufen zu können.

«Die Spieler werden von Wolverhampton nicht zu GC abgeschoben.»

Gab das Management vor: Spieler XY muss spielen?
Nein. Aber es hiess, die Jungen brauchen Spielpraxis. Ausserdem blieb mir ja fast nichts anderes übrig, weil ja fast nur noch junge im Kader waren. Aber klar: Da waren ein paar Hochbegabte wie Da Cunha darunter. Die Gefahr ist aber: Spieler kommen nach Lausanne und wissen nicht warum. Die montieren im September keine Winterreifen, weil sie denken, in zwei Monaten sind sie wieder in Nizza, wo die Sonne den ganzen Tag scheint. Wenn die Spieler, die aus Nizza kommen, kein klares Bekenntnis für den Partnerverein Lausanne abgeben, hast du als Trainer ein Problem.

Das ist doch bei GC mit Wolverhampton als grosse Schwester ähnlich.
Nein, hier ist das definitiv anders. Die Spieler werden nicht zu GC abgeschoben. Man spricht mit den Spielern, man versucht ihnen zu vermitteln, dass GC für den nächsten Karriereschritt die richtige Lösung ist. Wenn einer aber nicht zu GC wechseln will, ist das kein Problem. Hier bestimmt nicht der Präsident, ob der Spieler bei Wolverhampton oder GC spielt. Hier entscheidet der Spieler. Das hilft mir und meiner Arbeit. Weil ich Spieler habe, die bei GC spielen wollen.

Ein anderer Hochbegabter, Evann Guessand, reüssierte in Lausanne, hat aber bei Nizza keine Chance.
Er ist ein typischer Fall. In Nizza durchgefallen. Er kam als sich Aldin Turkes verletzte. Als ich Guessand sah, dachte ich: Interessant, richtig gut, aber man muss ihn noch schleifen. Wir haben unseren Job erledigt und Guessand besser gemacht. So gut, dass er nun auf dem internationalen Transfermarkt interessant ist.

Doch zu GC kommen Spieler, denen es bei Wolverhampton nicht reicht.
Nicht nur, es kommen auch Spieler die extrem viel Potential besitzen und die sich GC normalerweise nicht leisten kann, wie Bendeguz Bolla. Er ist der Spieler, den ich gesucht habe. Und Wolverhampton hat unterstützend gewirkt und den Transfer ermöglicht.

Bendeguz Bolla beschäftigt gleich zwei Basler.
Bendeguz Bolla beschäftigt gleich zwei Basler.
Bild: keystone

Aber wenn Bolla einschlägt, spielt er nächste Saison bei Wolverhampton.
Im Normalfall holt Wolverhampton erfolgreiche Spieler sowieso zurück. Allein, um den Marktwert zu steigern. Wenn ein Spieler von GC zu Sevilla wechselt, ist er viel günstiger als wenn der gleiche Spieler von Wolverhampton zu Sevilla wechselt. So läuft das Business.

Wie ist es für einen Trainer, mit dieser Abhängigkeit zu arbeiten?
In anderen Vereinen wurde mir viel mehr reingeredet als hier. Wenn in Zukunft ein Spieler verkauft werden kann, pushe ich diesen Spieler, weil ich mich verpflichtet fühle, die Philosophie des Vereins mitzutragen. Denn es wurde mir ja von Beginn weg klar gemacht, was unser Geschäftsmodell ist. Ich führe jene Arbeit aus, für die ich eingestellt worden bin. Ich bin nicht hier, um Politik zu betreiben, sondern um mit GC erfolgreich zu sein. Ich habe vielleicht nicht den Topstürmer, der in einer Saison 15 Tore schiesst…

…Tatsächlich?
Ja. Leonardo Campana hat zwar in den ersten vier Spielen zwei Tore erzielt. Aber er ist erst 21.

Also kann er etwas.
Ja, sonst wäre er nicht Nationalspieler von Ecuador. Aber er ist 21 und erstmals Stammspieler in einem Profiklub.

Was, wenn GC ein eigenes Juwel ausbildet: Führt dessen Weg zwangsläufig zu Wolverhampton?
Nein, so wie es auch nicht zwangsläufig ist, dass der Spieler, der von Wolverhampton zu uns kommt, eine Stammplatz-Garantie hat. Wenn einer bei uns den Durchbruch schafft, egal ob Eigengewächs oder Leihspieler, kann sein Weg auch nach Italien, Frankreich oder Deutschland führen. Denn nicht jeder Spieler passt zu Wolverhampton.

Spätestens, wenn ein Spieler bei GC für Furore sorgt, hält der weltweit wohl einflussreichste Spielerberater Jorge Mendes die Finger drauf.
Wenn der Spieler mit Mendes einen Vertrag hat, dann schon. Aber wenn der Spieler mit einem anderen Berater arbeitet, dann nicht. Es sind bei weitem nicht alle GC-Spieler Mendes-Klienten.

Jorge Mendes (links) mit seinem berühmtesten Mandanten Cristiano Ronaldo nach der Wahl zum Weltfussballer des Jahres 2011 in Dubai
Jorge Mendes (links) mit seinem berühmtesten Mandanten Cristiano Ronaldo nach der Wahl zum Weltfussballer des Jahres 2011 in Dubai
Bild: EPA LUSA

Haben Sie Mendes schon mal getroffen?
Wo denken Sie hin. Der hat keine Zeit für GC. Der ist in Spanien, England, Italien, überall. Das wird medial wahnsinnig aufgeblasen. Als würde Jorge Mendes täglich den GC-Campus besuchen. Nein, vergessen Sie es.

«Ich glaube nicht, dass Jorge Mendes weiss, wer ich bin.»

Ist die Verbindung zwischen GC und Wolverhampton/Mendes auch eine Chance für Ihre Karriere?
Es war sicher kein Nachteil, dass ich bei Lausanne gute Arbeit geleistet habe. Das hat mir die Türe zu GC geöffnet.

Ich denke eher an das Mendes-Netzwerk.
Nach dieser Logik müsste ich jetzt in Nizza Trainer sein. Ist ja auch nicht passiert.

Wurde das nie diskutiert?
Nein, es wurde ja nicht mal diskutiert, ob ich in Lausanne Trainer bleiben soll.

Mendes platziert seine Klienten ja nicht nur in Wolverhampton.
Schon, aber ich arbeite nicht mit Mendes zusammen. Er ist nicht mein Berater. Ich glaube nicht, dass er weiss, wer ich bin.

Vielleicht wird er es irgendwann wissen?
Würde ich nur mit dem Ziel bei GC arbeiten, um auf ein Engagement bei Wolverhampton zu spekulieren … das wäre der komplett falsche Ansatz. Dann würde ich den gleichen Fehler machen wie die Spieler, die sagen: «Okay, ich komme für ein halbes Jahr zu GC aber dananch bin ich eh weg». Wir wollen explizit nicht solche Spieler. Also darf ich doch als Trainer erst recht nicht so denken. Ich habe mich bei GC verpflichtet, gute Arbeit zu leisten. Und wenn mir das gelingt, wie mir es auch in Vaduz, St. Gallen und Lausanne gelungen ist, geht wieder eine Türe auf. Aber ich will Nachhaltigkeit erreichen. Das ist mein Ziel.

Konnten Sie wählen zwischen FCZ oder GC?
Ich war bei beiden Klubs ein Thema.

Wären Sie FCZ-Trainer geworden, wenn Sie Ja gesagt hätten?
Ich weiss es nicht.

Spannend, denn beide Klubs haben am selben Tag den neuen Trainer vorgestellt.
Das ist so. Ich konnte mich mit beiden Projekten identifizieren.

Stünde der FCZ mit Contini auch an der Spitze?

GC, so scheint es, wird schweizerischer, bodenständiger, was wohl mit Ihrer Verpflichtung zusammenhängt.
Das hängt auch mit der Kommunikation zusammen. Es spielt schon eine Rolle, in welcher Sprache der Trainer redet, weil er ein Stück weit Botschafter des Klubs ist. Und wenn der Trainer auch noch Spuren im Schweizer Fussball hinterlassen hat, Werte vertritt, die zum Klub passen, hilft das, die Glaubwürdigkeit zu steigern. Und schauen Sie die Transfers an, die wir gemacht haben. Das waren keine verrückten Dinge. Das war alles sinnvoll und wie im Fall von Abrashi und Loosli auch positiv punkto Identifikation. Das sind Dinge, die mir wichtig sind. Es ist wichtig für GC, den Bezug zur Schweiz nicht zu verlieren.

Es scheint, Schweizer Klubs transferieren fast nur noch ausländische Spieler um die 20 oder jünger.
Bei mir spielt schon eine Rolle, ob die Spieler die Sprache, den Fussball, die Umgebung kennen. Es ist einfacher, Spieler zu integrieren, die schon in der Schweiz gespielt haben. Wenn man alles im Ausland einkauft, verpflichtet man eventuell mehr Qualität. Aber jeder braucht mindestens sechs Monate, um sich in der neuen Umgebung zurechtzufinden.

Überspitzt formuliert: Bei vielen Schweizer Klubs spielt die Platzierung eine untergeordnete Rolle. Wichtig ist einzig der Erfolg auf dem Transfermarkt.
Bestes Beispiel dafür ist Lausanne. Dort ist der Nichtabstieg die absolute Priorität und das Ziel ist, Spieler X zu verkaufen. Denn sie sagen sich: Ehe man sich für einen lukrativen europäischen Wettbewerb qualifiziert, was sehr schwierig ist, verkaufen wir einen Spieler für 6 Millionen. 6 Millionen, ohne dass man investieren musste, um Meister oder Zweiter zu werden. Wirtschaftlich ist das absolut nachvollziehbar, aber darunter leidet die Qualität in der Super League.

«In fünf Jahren bin ich wahrscheinlich nicht mehr bei GC.»

Und die Identifikation.
Das will ich nicht überbewerten. Der Fan identifiziert sich doch mit dem Erfolg. Wenn ich Erfolg in Lausanne habe, spielt es doch keine Rolle, wie lange die Spieler beim Klub engagiert sind.

Präsident Sky Sun spricht davon, in fünf Jahren etwas zu gewinnen.
Dann bin ich wahrscheinlich nicht mehr da. Im Schnitt war ich drei Jahre bei einem Klub, was heute eine lange Zeit ist.

Da GC ein Geheimnis daraus macht, wissen wir nicht mal, wie lange Ihr Vertrag läuft.
Ich kann nur das Jetzt und Hier beeinflussen. Deshalb macht es für mich keinen Sinn, darüber nachzudenken, was in fünf Jahren sein könnte. Ich mache mein Ding, denke nicht zu weit voraus. So bin ich als Trainer gut gefahren.

Wie gehen Ihre Frau und Ihre Töchter damit um?
Womit? Dass ich am Abend jeweils wieder zu Hause bin? Als Lausanne-Trainer war das einmal die Woche der Fall (Red. Continis wohnen in Uzwil SG). Nein, sie wissen, dass Fussball meine Leidenschaft ist. Die Zielstrebigkeit habe ich immer noch. Aber dieses Verbissene ist nicht mehr so ausgeprägt. Ich weiss heute besser, wann und wo es sich lohnt, Energie aufzuwenden, um etwas verändern zu können. Kurz: Ich reibe mich heute weniger an Dingen, die ich nicht beeinflussen kann.

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