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FCB-Trainer Celestini im grossen Interview über die Barrage-Angst

Basels Cheftrainer Fabio Celestini im Fussball Meisterschaftsspiel der Super League zwischen dem FC Zuerich und dem FC Basel 1893 im Letzigrund, am Sonntag, 21. Januar 2024 in Zuerich. (KEYSTONE/Ennio ...
Fabio Celestini kämpft mit dem FC Basel gegen die Barrage.Bild: KEYSTONE
Interview

FCB-Trainer Celestini über die Barrage-Angst: «Mal ist es ein Kunstwerk, mal ein Unglück»

Der FC Basel kämpft gegen das Abrutschen in die Barrage und um Selbstvertrauen. Wieso Trainer Fabio Celestini an sein Team glaubt, auch wenn der Fussball, den es spielt, ihm nicht gefällt. Er erklärt, was Kritik mit Malerei zu tun hat und wieso es ihm beim Abschalten hilft, Opern zu besuchen.
30.03.2024, 11:4430.03.2024, 16:02
Céline Feller / ch media
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Fabio Celestini, wie schaffen Sie es, den Fussball auszublenden?
Fabio Celestini:
Am vergangenen Wochenende beispielsweise war ich in Wien, um mir eine Oper anzuschauen. Ich war auch in Paris schon in einer Oper. Nicht weil ich ein Opern-Fanatiker bin, aber weil ich Erfahrungen machen will. In einem Theater wie in Paris oder Wien geht es auch um den Ort, das Erlebnis, um das Schöne. Solche Dinge sind sehr wichtig, um die Batterien aufladen zu können. Jetzt sind sie wieder voll, um die letzten eineinhalb, zwei Monate der Saison in Angriff nehmen zu können.

Können Sie in diesen Momenten den Fussball komplett vergessen?
Es ist nicht einfach, aber mit der wachsenden Erfahrung kann ich das mittlerweile. Ich gehe nicht ans Handy, lasse den Laptop zu Hause. Wenn man diese zwei Dinge bei sich hat, ist die Versuchung immer sehr gross. Darum gehe ich an freien Tagen auch an andere Orte. Bleibe ich hier, gibt es immer Spiele zu schauen und Dinge zu erledigen. Darum gehe ich besser nach Wien in die Oper. Ich habe auf meinem Weg gelernt, dass man klare Vorstellungen haben muss, um loslassen zu können. Um aus dieser Mühle von Dingen und Emotionen, die sonst sehr präsent sind, rauszukommen und sich zu erholen.

Sie können nicht jedes Wochen­ende verreisen, um abzuschalten. Was unternehmen Sie im Alltag? Man hört, Sie tanzen und zeichnen gerne.
Mir gefällt so vieles! Musik, Pferdeshows schauen – was wir in Wien auch getan haben –, kochen und backen, was ich beides im Alltag regelmässig machen kann. Für die von Ihnen genannten Dinge habe ich einfach keine Zeit im Moment. Und meine Utensilien zum Zeichnen sind in Valencia, die habe ich nicht mit nach Basel gebracht. Aber ja, das sind alles Beschäftigungen, die mir sehr viel Spass machen. Oder wie ich es immer sage: Das ist mein Yoga.

Was zeichnen Sie, wenn Sie Zeit dazu haben?
Ich bin richtig schlecht, also nichts Spezielles (lacht). Ich bringe einfach Farben auf die Leinwand. Das Resultat hängt stark davon ab, wie ich mich gerade fühle. Manchmal mache ich etwas mit Schwämmen, manchmal mit Spachteln, keine Ahnung! Ich habe nie einen Kurs absolviert, aber es gefiel mir immer.

Zur Person

Fabio Celestini wurde am 31. Oktober 1975 in Lausanne geboren. Seine ersten fussballerischen Schritte machte er beim FC Renens, bevor er bei Lausanne-Sport zum Profi wurde. Nach 128 Spielen wechselte er nach Frankreich, wo er für Troyes und Olympique Marseille spielte. Danach zog es ihn nach Spanien zu Levente und zu Getafe. Für den Madrider Vorstadtklub absolvierte er 121 Partien. Zum Karriereende hin zog es ihn noch einmal zu Lausanne, Renens und Malley. Heute ist Celestini Trainer des FC Basel, davor trainierte er bereits Sion, Luzern, Lugano und Lausanne sowie den AS Terracina. Celestini ist Vater dreier Kinder. (cfe)

Mussten Sie lernen, etwas zu finden, bei dem Sie nicht an Fussball denken? Vor allem nach Ihrer Zeit in Lausanne, in der Sie beinahe ein Burn-out hatten?
Lausanne war schwierig. Da wollte ich beweisen, dass ich ein guter Trainer bin, sowohl mir selbst als auch allen anderen. Es ist meine Stadt, der Klub, mit dem ich so viel erlebt habe. Das war anspruchsvoll. Ausserdem bin ich eine Person, die von sich selbst extrem viel fordert. Verantwortung gefällt mir und ich nehme sie gerne an. Aber ich hatte damals immer das Gefühl, dass wenn etwas nicht gut läuft, es zu 100 Prozent an mir liegt. Es beeinflusst, es trifft mich immer sehr, wenn es beim Team nicht läuft und es verliert. Ich lebe das sehr intensiv.

Basels Trainer Fabio Celestini, Mitte rechts, umarmt seine Spieler nach dem Sieg im Fussball Meisterschaftsspiel der Regular Season der Super League zwischen dem FC Basel 1893 und Yverdon Sport FC im  ...
Fabio Celestini mit den FCB-Spielern.Bild: KEYSTONE

Und wenn Ihr Team gewinnt?
Dann ist es schön, und das war’s. Aber wenn es schlecht läuft, nehme ich es persönlich. Und in Lausanne habe ich nur noch gearbeitet. Auch, weil sich nach dem Ineos-Einstieg alles auf mich projizierte. Ich habe mir keine Zeit mehr für mich genommen, habe auch zu Hause nur an die Arbeit gedacht. Ich ging nicht mal mehr ins Fitness, obschon das etwas ist, was ich brauche, um mich gut zu fühlen. Durch die Kumulation all dieser Dinge kam ich in Lausanne an ein Limit. Ich dachte zwar, es geht mir gut, aber es ging mir nicht gut. Also musste ich nach drei Jahren gehen. Ich begann, wieder ins Fitness zu gehen, wieder zu kochen – und plötzlich ging es mir wieder gut. Da sagte ich mir: Das ist das letzte Mal, dass mir so etwas passiert. Das hat bei Lugano und Luzern danach gut funktioniert.

Und in Basel?
Hier hatte ich von Beginn weg eigentlich keine Zeit für gar nichts, nicht mal zum Denken. Als ich kam, war die Situation dramatisch. Die Anforderungen, die Verantwortung und die Herausforderung bei einem Klub wie dem FC Basel sind sehr gross. Dennoch schaffe ich es, fast jeden Tag 15 Minuten ins Gym zu gehen und zu Hause zu kochen und abzuschalten. Das ist nicht viel, aber es reicht, damit es für mich okay ist.

Sie sagen, die schlechten Dinge treffen Sie. Dann trifft es Sie sicher hart, dass Ihr Team nur zwei Punkte von der Barrage weg ist, oder?
Natürlich. Aber es ist die Dynamik, die mich mehr trifft. Früher ging es beim FCB darum, nicht zu weit weg von YB zu sein. Als ich kam, war der FCB jedoch fünf Punkte hinter Lausanne-Ouchy am Tabellenende. Das ist Druck, das ist Verantwortung. Aber das spornt mich an. Als ich kam, konnten wir punkten, es nahm wieder eine positive Dynamik an.

Sie sagen es: Der Anfang war gut, aktuell ist die Tendenz wieder eine andere. Der FCB hat von den letzten fünf Spielen nur eines gewonnen und ist aus dem Cup ausgeschieden. Wieso hat es wieder gedreht?
In der Liga lief es zuletzt punktemässig nicht, wie es sein sollte, das stimmt. Das ist die Realität. Aber es hat sich im Team nicht viel verändert. Auch in der Phase, in der die Dynamik gut war, hatten wir schlechte Spiele. Die erste Halbzeit gegen Zürich zum Beispiel. Danach gewinnst du aber gegen YB, gewinnst gegen St. Gallen nach einem Platzverweis, verlierst dann wieder gegen GC nach einem schlechten Spiel. Das ist genau die Geschichte dieses Teams: Entweder, es gibt sich zu 150 Prozent hin, oder es ist zu passiv und schaut, was passiert. Deshalb ändern sich die Dynamiken dauernd. Es fehlt uns ein kleines bisschen, um da stabiler und konstanter zu sein.

Bis zur Liga-Teilung gibt es noch fünf Spiele. Welche Dynamik kann das Team bis dann entwickeln?
Es geht nicht mehr darum, meine Spielidee zu entfalten, sondern das Team so einzustellen, dass es sich so wohl und sicher wie möglich fühlt, um diese Spiele spielen zu können. Dass das Team versteht, dass keine Zeit mehr bleibt. Und wir müssen diese Spiele zusammen angehen. Denn Teams, die Probleme haben in einer Saison, sind Teams, die nicht zusammenarbeiten oder zu wenig Qualität haben. Aber die Qualität ist nicht unser Problem, die haben wir. Am ersten Punkt aber haben wir jetzt gearbeitet: Dass wir in dieser für uns schwierigen Phase zusammenrücken. Ich denke, wir haben da gut angesetzt und man wird gegen Zürich ein Team sehen, das aktiv sein wird. Aber das Resultat kann ich nicht vorhersagen.

In der Phase vor der Nationalmannschaftspause gab es erstmals Kritik von aussen. Kritik zu Ihren Aufstellungen, den Leistungen.
Schauen Sie: Interne Selbstkritik und konstruktive Kritik sind nötig und wichtig. Aber ich lese keine Zeitungen und habe keine Sozialen Medien. Weil Kritik von aussen nicht hilft. Diese Leute urteilen nur anhand eines Resultates. Sie sehen die Arbeit unter der Woche nicht. Das ist doch, wie wenn ich ein Gemälde anschaue. Das kann ich auch nicht kritisieren. Ich kann sagen, ob es mir gefällt oder nicht. Aber ist es gut gemalt? Keine Ahnung. Ich weiss nicht, was die Idee ist, der Sinn. Es stört mich auch nicht, wenn Leute sagen, dass es ihnen nicht gefällt, wie wir spielen. Das ist okay, das ist eine Meinung. Aber es geht um andere Dinge.

Basels Cheftrainer Fabio Celestini, links, begruesst Djordje Jovanovic zum Trainingsauftakt des FC Basel 1893 im neuen Jahr auf dem Campus in Basel, am Mittwoch, 3. Januar 2024. (KEYSTONE/Georgios Kef ...
Celestini im Training mit dem FC Basel.Bild: KEYSTONE

Gefällt Ihnen denn, wie Ihr Team aktuell spielt?
Ich setze nicht alles um, was mir gefallen würde. Daher ist es nicht komplett der Fussball, der mir gefallen würde. Aber für uns geht es im Moment darum, Punkte zu sammeln. Nicht darum, dass wir schön spielen.

Was fehlt, damit Sie sagen könnten: Das ist mein Fussball, das gefällt mir?
Oh, viele Dinge. Das Erste ist das Vertrauen in sich selbst. Denn mir gefällt mutiger Fussball, offensiver Fussball, in dem man immer Lösungen sucht, Kombinationsfussball. Dafür aber braucht man Vertrauen. Wenn dein Team nicht selbstsicher ist, dann ist dieser Ansatz nicht umsetzbar. Mir war sehr klar, dass dieses Team dieses Selbstvertrauen nicht hatte, als ich kam, und es auch bis heute nicht ganz hat. Wir konnten zwar viele Punkte sammeln und haben klare Momente, aber das Team hat auch immer Momente, in denen es sich zurückzieht und nicht frei aufspielen kann. Deshalb muss ich mit viel Vorsicht vorgehen.

Das heisst konkret?
Ich kann nicht alles fordern, was ich will. Wir haben uns für die konservativere Variante entschieden. Das mag nicht sein, was mir gefällt, aber es funktioniert. Und am Ende muss es genau das. Denn wir müssen Punkte sammeln und hinten rauskommen. Das ist wichtiger. Es geht schliesslich nicht darum, etwas für mich, sondern etwas für das Team zu tun.

Was sind die anderen Dinge, die fehlen, damit der Fussball Ihnen gefallen würde?
Ich glaube, dass dieses Team sehr viel besser spielen und sehr viel höher in der Tabelle stehen könnte, als es das tut. Das Problem ist: Ich kann nicht wissen, bis zu welchem Punkt dieses Team gehen könnte, weil wir etwas zu oft mit angezogener Handbremse agieren. Diese Diskrepanz sieht man, wenn wir ein Tor erzielen. Dann ist das Team plötzlich mutiger, probiert viel mehr Dinge, spielt freier auf und zeigt Sachen, die wir nicht ein einziges Mal trainiert haben. Sie machen es einfach von selbst, ganz natürlich.

Ihr Team überrascht Sie?
Ja. Gegen YB, als wir 1:0 gewonnen haben, hat Dominik Schmid alles gemacht, was ich ihm gesagt hätte, ohne dass ich es ihm gesagt habe. Er hat einfach ganz natürlich so gespielt. Da kamen 80 Prozent von ihm und nur 20 von mir. Manchmal aber bleiben bei den Spielern nur die 20 Prozent übrig, die ich vermittle. Auf dem Feld gibt es jedoch eine Million von Möglichkeiten. Wenn man sich aber an einen Plan klammert, nur nach rechts rückt, weil der Trainer gesagt hat, man müsse das tun, dann wird es schwierig. Es ist vielleicht die richtige Lösung im Defensivverhalten eines Flügels, aber im Offensivverhalten kann es etwas anderes sein. Das muss ein Spieler selbst entscheiden können. Wenn er sich aber nicht entscheiden kann, weil er kein Vertrauen hat und stattdessen nur abwartet, haben wir ein Problem. Ich bemühe gerne noch mal das Bild mit dem Zeichnen.

Nur zu.
Ich gebe meinem Team einen Rahmen, den Pinsel und die Farbe, aber das Bild müssen sie selbst malen. Ich kann es nicht malen, das müssen sie machen. Auf dieser weissen Fläche kann dann mit den Instrumenten, die ich ihnen gebe, einmal ein Kunstwerk entstehen – und einmal ein Unglück. Zwei komplett verschiedene Ergebnisse, entstanden aus der jeweils genau gleichen Ausgangslage, der gleichen Idee und dem gleichen Instrument. Oder in Fussball-Sprache: mit der gleichen Elf und dem gleichen System. Wie kann das sein?

Sagen Sie es mir.
Weil wir Menschen sind. Es gibt Dynamiken, Resultate, einen Gegner. Das ist Fussball. Deshalb ist es so wichtig, dass man mutig ist, Gefahren eingeht, immer 120 Prozent gibt, an sich selbst glaubt – und dass man immer ‘all in’ geht. Aber: Wenn du Letzter bist, fehlt dir genau all das.

Denken Sie denn, dass das Team verstanden hat, in welcher Situation es sich befindet? Dass die Barrage bedrohlich nahe ist?
Das ist das, was ich meinte: Ich habe es noch nicht geschafft, dass es bei jedem im Team Klick macht. Dass sie verstehen, dass sogar der 6. Platz rein rechnerisch noch drinliegen würde. Er ist weit weg, mit einer grossen Serie jedoch wäre es möglich. Aber dafür, und das steht über allem, müsste man jedes Spiel auf die gleiche Art und Weise spielen. Ich spreche nicht von siegen oder verlieren. Was mir fehlt, ist, dass mein Team immer gleich spielt. Das Hauptproblem dieses Teams ist es, dass es zu oft reagiert statt agiert. Ich glaube nicht, dass das daran liegt, dass sie nicht wissen, wo wir in der Tabelle stehen. Das muss ihnen seit September klar sein. Sehr klar sogar. Aber es funktioniert ja auch in den guten Momenten nicht. In jenen, in denen wir die reelle Chance hatten, auf Platz 6 zu springen. Da kommt wieder die Handbremse ins Spiel. Bei einem 0:0 machen sie ihr Ding, aber die Reaktion kommt erst, wenn etwas passiert ist. Eine rote Karte, ein Gegentor. Das ist eine Frage der Mentalität. Das führt dazu, dass jedes Gegentor die Fragilität dieser Mannschaft offenlegt.

Nochmal: Hat das Team den Ernst der Lage verstanden?
Absolut. Dieses Team kämpft zusammen – wirklich. Ich habe ein gutes Gefühl.

ARCHIVBILD ZUR TRAINERENTLASSUNG BEIM FC SION - L'entraineur du FC Sion Fabio Celestini regarde ses joueurs lors de la rencontre de football de Super League entre FC Sion et FC St. Gallen 1879 ce ...
Celestini ist in der Schweiz vor allem als Trainer bekannt – hier in Sion. Bild: keystone

Just in diese schwierige Phase fällt ihre Vertragsverlängerung. Wie wichtig ist es Ihnen als Mensch Fabio Celestini, diese Wertschätzung zu spüren?
Der Vertrag war für mich nie ein Thema, wir hätten das auch erst im Sommer klären können. Ich bin komplett auf diese Saison fokussiert, weil wir das Ziel noch nicht erreicht haben. Ich bin verantwortlich dafür, dass das Boot im Hafen ankommt. Aber klar: Es zeigt die Wertschätzung des Klubs für meine Arbeit. Und es pusht auch uns Trainer, wenn die Leute unsere Arbeit wertschätzen. Das ist für uns als Mensch und Trainer das Allerwichtigste. Wir sind immer die Ersten, die gehen müssen, wenn es nicht läuft. Daher ist es auch sehr wichtig, die Arbeit wertzuschätzen, wenn es resultattechnisch nicht super läuft.

Das erlebten Sie bereits in Luzern.
Ja, aber das ist alles andere als normal. Und mir ist auch klar, dass, nur weil ich verlängert habe, es nicht heisst, dass ich nicht irgendwann fliegen kann. Einen Weg mit einer Person zu vertrauen, kann aber zu etwas führen. In Luzern führte es zum ersten Cupsieg seit 30 Jahren. Und ich bin mir sicher, dass es auch in Basel irgendwann dazu führen kann, dass wir wieder Titel gewinnen.

Sie waren Captain bei Marseille und bei Getafe. Im Kreis der Nationalmannschaft wurden Sie in der Deutschschweiz jedoch von Fans gefragt, wer Sie sind. Als Trainer hingegen kennt man Sie. Wird in der Schweiz Ihre Karriere als Trainer jetzt schon mehr wertgeschätzt, als es jene als Spieler wurde?
Der Fussball in der Schweiz ist stark geprägt von der Deutschschweiz. Ich jedoch bin in Lausanne geboren, bin als Kind von Italienern aufgewachsen, habe nur für Lausanne gespielt und ging danach nach Frankreich und Spanien. Wir kämpften in meiner Epoche mit Lausanne um den Meistertitel, wir gewannen zwei Mal den Cup, in einer Zeit, in der der FCB gerade erst wieder aufgestiegen war aus der Nati B. Aber in der Deutschschweiz kannte mich keiner. Denn in der Nationalmannschaft hatte ich Johann Vogel vor mir. Ich bekam keine zwei Spiele am Stück, um mich zu zeigen. Und als ich die Chancen bekam, habe ich nicht gut gespielt, wie an der EM 2004. Als Trainer aber kennt man mich, seit ich in Luzern war und jetzt in Basel bin.

Man kennt Sie mehr – aber werden Sie denn jetzt mehr wertgeschätzt?
Ich weiss es nicht. Es wäre vielleicht treffender, zu sagen, dass ich als Spieler ignoriert wurde. Die Liga in Spanien konnte man nicht verfolgen vor 30 Jahren, also konnte man Getafe und mich nicht sehen. Dasselbe mit Frankreich. Geschaut wurde nur die Bundesliga.

Schmerzt es, dass die Menschen in der Schweiz nie sehen konnten, wie gut Sie als Spieler waren?
Wenn ich hier bin, ja, dann tut es ein bisschen weh. Aber wenn ich nach Marseille gehe und bei Olympique an den Legenden-Tisch sitzen kann … dann ist das etwas. Und wenn ich nach Spanien gehe, meinen Namen sage und die Leute sich an mich als Captain Getafes erinnern, der ins Bernabeu einlief, dann ist das auch etwas. Das ist schliesslich auch schon 15 Jahre her. In Spanien und Frankreich, in zwei Fussball-Nationen, da kennt und schätzt man mich noch heute. In meinem Land ein bisschen weniger. Auch in Italien kennt mich keiner, dabei ist das mein Herkunftsland. Aber das ist meine Geschichte.

Mit der haben Sie sich abgefunden?
Es ist weder gut noch schlecht. Ich bin sehr glücklich, sehr stolz auf meinen Werdegang. Um aber auf Ihre Ursprungsfrage zurückzukommen: Als Trainer erfahre ich mehr Zuneigung in der Schweiz denn als Spieler. Als Fussballer habe ich das nie gespürt. Da war mehr Gleichgültigkeit.

Sie haben einmal gesagt, dass jede Person ihr eigenes Benzin habe. Ist es für Sie diese Anerkennung in Spanien und Frankreich?
Ich würde gerne sagen, dass mir solche Sachen nicht wichtig sind, das wäre aber nicht wahr. Ich muss Ihnen das aber ein bisschen anders erklären.

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Celestini als Spieler bei Getafe.Bild: EPA

Nämlich?
Ich habe auf eine gewisse Art zwei Leben. Ein aktuelles in der Realität und eines, von dem ich nicht glauben kann, dass ich es gelebt habe. Es ist ganz komisch. Wenn ich mit meinen Kindern ins Bernabeu gehe, um ein Spiel zu schauen, sitze ich da wie ein kleiner Junge. Man könnte meinen, es wäre das erste Mal, dass ich in diesem Stadion bin. Meine Kinder sagen dann: Du hast hier doch gespielt! Ja, das habe ich, etwa zehn Mal. Ich habe sogar gewonnen. Aber für mich ist es schwierig, das nachzuvollziehen. Der Fussballer Fabio ist für mich, seit ich als Spieler aufgehört habe, ein anderer Mensch. Darum bin ich in jedem Stadion wie ein kleiner Junge, der es unglaublich findet. Auch im Stadion von Getafe.

Aber Sie haben für den Verein 121 Spiele absolviert.
Ja, und das Stadion kenne ich wie meine Westentasche. Dennoch fühle ich mich heute wie ein kleines Kind. Ich entschuldige mich schon fast dafür, dass ich die Katakomben betrete. Weil der, der diese 121 Spiele gemacht hat, ein anderer ist. Das ist ein Gefühl, das Sie gar nicht verstehen können. Ich weiss natürlich, wer ich bin. Aber ich muss mich manchmal fragen: Hast du das wirklich alles gemacht?

Also ist es Ihr Benzin?
Es ist mir wichtig, dass die Leute eine gute Meinung von mir haben. Aber mein wahres Benzin ist die Leidenschaft. Wenn ich sehe, dass keine Leidenschaft vorhanden ist, dann sehe ich rot. Ich brauche Leidenschaft in meinem Leben. Leidenschaft fürs Kochen, fürs Reisen, für den Fussball – für ganz viel. Leute, die keine Leidenschaft verspüren, langweilen mich ganz schnell. Wenn jemand sie aber hat – verfliegt die Zeit. Ich gebe Ihnen ein Beispiel.

Bitte.
Jemand hat mir in Getafe seine Panzer-Fabrik gezeigt. Eine Panzer-Fabrik, wie spannend kann das schon sein? Er hat mir eineinhalb Stunden lang voller Leidenschaft Dinge erzählt und gezeigt. Am Ende hatte ich das Gefühl, es waren 5 Minuten, weil er so viel Leidenschaft versprühte. Und genau das ist es! Man hat schliesslich nur ein Leben, also muss man es nutzen, es geniessen. Darum verstehe ich auch Spieler nicht, die in ihren zehn Karriere-Jahren nicht alles geben. Da muss man alles rausholen. Man könnte also sagen, die Wertschätzung ist der Turbo, aber die Leidenschaft ist mein Benzin.

Heisst das im Umkehrschluss, dass Sie keine Leidenschaft für die Challenge League haben? Sie sagten, dass Sie im Falle eines Abstiegs weg sind.
Ich habe gesagt, dass wir alle nach Hause gehen müssen, wenn wir absteigen, weil wir unseren Job nicht gemacht haben. Ich allen voran, weil ich das Boot nicht in den Hafen gesteuert, sondern auflaufen lassen habe. Das werden wir mit aller Macht versuchen zu verhindern. Fakt ist aber: Sollte der Fall eintreffen, dass wir absteigen sollten, dann kann man noch einmal darüber reden. Sollten alle Parteien weiter machen wollen, okay. Wenn nicht, dann gehe ich.

(bz Basel)

DANKE FÜR DIE ♥
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Alle FCB-Trainer seit Christian Gross
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Alle FCB-Trainer seit Christian Gross
Christian Gross (SUI): Juli 1999 bis Juni 2009.
quelle: keystone / peter klaunzer
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