Winti-Trainer Rahmen vor Abstiegskrimi gegen GC: «Die letzten Wochen geben uns Mut»
«Gekommen, um zu bleiben!» Prominent prangt der Spruch gemeinsam mit einem Abbild des Meisterpokals der Challenge League und dem Aufstiegsschal aus der Saison 2021/22 an der roten Wand beim Eingang zu den Spielerkabinen im Stadion Schützenwiese. Vor dem Klubwappen wird Patrick Rahmen vom Fotografen ins richtige Licht gerückt, ehe sich der Trainer im Klubhaus Zeit für ein ausführliches Gespräch nimmt.
Patrick Rahmen, sind Sie abergläubisch?
Patrick Rahmen: Nicht mehr so wie früher. Ich hatte gewisse Rituale, etwa mit Kleidern, die ich im Falle eines Sieges nicht gewechselt habe. Das habe ich aber abgelegt, denn man kann sich auch verrückt machen. Entscheidend ist nämlich nicht, was man anzieht, sondern was man während der Woche macht.
Also hat Sie der gerissene Schuhbändel von Lukas Mühl, der am Ursprung des zweiten Gegentreffers in Lausanne stand, im Nachhinein zwar geärgert, aber nicht weiter beunruhigt?
Das war zwar unglücklich, kann während dem Spiel aber passieren und hat nichts mit Schicksal zu tun. Es hat mich geärgert, dass er rausgeschickt wurde und wir in der Folge ein Gegentor kassiert haben. Mehr geärgert hat mich aber, dass wir unmittelbar vor der Pause nicht mit jener Konsequenz gegen den Ball gearbeitet haben, mit der wir es vorher gemacht hatten. Damit haben wir uns um eine super Ausgangslage gebracht. In unserer Situation darf uns das nicht passieren.
Ihr Team liegt sechs Spieltage vor Schluss mit fünf Punkten Rückstand auf die Grasshoppers am Ende der Tabelle. Was stimmt Sie zuversichtlich, den Klassenerhalt am Ende über die Barrage doch noch zu schaffen?
Die letzten Wochen. Wir haben gegen Lausanne und den FCB zwei Spiele gehabt, in denen wir leer ausgegangen sind, in denen wir aufgrund der Spielverläufe aber hätten punkten müssen. Die Art und Weise, wie wir zuletzt gespielt haben, stimmt. Die Mannschaft funktioniert, die Energie ist da, wir trainieren gut.
Hoffnung dürfte Ihnen auch der momentan desolate Zustand der Grasshoppers geben – zweimal treffen Sie noch auf den Rekordmeister, Sie haben also noch alles in den eigenen Füssen.
Richtig, das ist ein wichtiger Punkt. Am Ende müssen wir aber nicht nach Zürich schauen, sondern bei uns bleiben. Wir müssen unsere Leistung bringen.
Alles andere als ein Sieg am Samstag bringt den FC Winterthur nicht weiter. Gleichzeitig würde eine Niederlage wohl den Abstieg bedeuten. Wie gehen Sie ein solch wegweisendes Spiel an?
Die Ausgangslage ist klar. Wir wollen die Direktbegegnung für uns entscheiden und gehen mit einem entsprechenden Mindset ins Spiel. Wir spielen zuhause, haben die Leute im Rücken und wollen mit Überzeugung spielen. Wir haben heute Morgen über das Spiel Real gegen Bayern und den Mut gesprochen, den die Bayern aufgebracht haben, bis zum Ende nach vorne zu spielen. Sie haben agiert. Genau das wünsche ich mir auch von meiner Mannschaft: Nicht zu viel überlegen, was sein könnte, sondern im Hier und Jetzt sein.
Das ist wohl einfacher gesagt als getan.
Am Ende geht es darum, den Druck wegzubekommen und die Leistung abzurufen. Das ist die Herausforderung. Da gibt es ein paar Sachen, die ich reingebracht habe und die ich noch reinbringen werde. Was genau das ist, werde ich an dieser Stelle natürlich nicht verraten.
Bei Ihrer Präsentation im Oktober sagten Sie: «Nur wer bereit ist, etwas zu riskieren, kann auch etwas bewegen.» Haben Sie denn bisher genug riskiert?
Wir mussten sehr viele Widerstände brechen, hatten immer wieder Ausfälle, gesperrte, kranke Spieler, über das normale Ausmass hinaus. Dem muss man sich stellen. Im Rahmen dieser Punkte haben wir genug riskiert – wenn man in einem solchen Fall denn von Risiko reden will. Wir haben unseren Job gemacht, sind nicht immer so belohnt worden, wie wir es verdient gehabt hätten. Ich kann mich nicht an Punkte erinnern, die wir gestohlen haben. Auf der anderen Seite haben wir einige Punkte liegen lassen. Wenn man in der Tabelle hinten steht, ist das halt tendenziell so. Aber wir haben noch immer die Chance auf den Klassenerhalt.
In der «Patrick-Rahmen-Tabelle» steht Winterthur auf dem vorletzten Platz mit zwei Punkten Vorsprung auf GC. Allzu viele Punkte haben Sie also nicht aufgeholt, der Turnaround ist Ihnen bis jetzt nicht gelungen.
Wie gesagt, es sind viele Dinge gegen uns gelaufen. Wichtige Spieler wie Nishan Burkart oder Fabian Rohner sind lange ausgefallen. Ich habe das nie gross thematisiert, weil ich der Meinung bin, dass das nichts bringt. Vielmehr sollte man über die Spieler sprechen, die einem zur Verfügung stehen und diese stark machen. Ich bin der Letzte, der Ausreden sucht. Aber diese Punkte muss man schon auch in Betracht ziehen für die Beurteilung der momentanen Lage.
Sie haben in ihrer zweiten Winterthurer Amtszeit in der Meisterschaft lediglich 0,74 Punkte im Schnitt geholt. In Ihrer ersten Amtszeit waren es 1,29. In 23 Meisterschaftsspielen unter Ihnen kassierte Winterthur mit 56 Gegentreffern so viele wie kein anderes Team. 25 eigene Tore sind in diesem Zeitraum zudem der zweitschlechteste Wert der ganzen Liga. 2023/24 standen am Ende der Saison noch 60 Treffer und damit die drittmeisten der Liga zu Buche. Was hat sich auf der Schützenwiese verändert? Wo ist der Geist von damals geblieben?
Der Geist ist immer noch da. Das darf man der Mannschaft und dem Verein nicht absprechen. Der Unterschied ist: Als ich 2023 hierhin kam, konnten wir an einer Ausrichtung arbeiten. Das Kader war von Anfang an zusammen, jeder wusste von Beginn weg, wie wir spielen wollen. Wir hatten einen Mix aus technisch starken Spielern und schnellen Flügeln. Die haben wir auch jetzt im Kader, nur sind sie oft ausgefallen. Das andere ist: Wenn du mitten in der Saison kommst und eine Mannschaft übernimmst, die aus neun Spielen nur zwei Punkte geholt hat, ist die Ausgangslage eine andere. Es gilt, der Mannschaft neuen Mut zu vermitteln, den Zusammenhalt zu stärken. Das ist nicht einfach.
Sie sind nicht der typische «Feuerwehrmann», den Klubs in ähnlichen Situationen gerne verpflichten.
Doch, das bin ich punktuell schon.
Dann täuscht der Eindruck von Aussen.
Ich bin in der Kabine nicht gleich wie vor der Kamera, kann auch mal laut werden, Emotionen reinbringen. Es gilt, den richtigen Mix zu finden.
Wieso soll denn gerade in den letzten sechs Spielen aufgehen, was in den vorangegangenen 32 Partien - oder in Ihrem Fall 23 – nicht die nötigen Punkte eingebracht hat?
Die Entwicklung geht in die richtige Richtung. In St.Gallen etwa hätten wir drei Punkte holen können. Am Ende gehen wir leer aus. Aber die Leistung hat gestimmt, es gibt nicht viele Mannschaften, die St.Gallen in dieser Saison auswärts vor so Probleme gestellt haben wie wir.
Klar ist: Es braucht einen ähnlichen Schlussspurt wie letztes Jahr unter Uli Forte. Auch damals traf Winterthur am 33. Spieltag auf die Grasshoppers – und siegte 1:0. Ein gutes Omen, selbst für einen, der nicht mehr so abergläubisch ist wie früher?
Das zählt nicht mehr. Letzte Saison haben die Jungs bewiesen, dass sie es können. Das müssen sie mitnehmen. Nun ist es aber wieder eine neue Situation. Wir müssen unsere Energie rein- und die Begeisterung auf den Platz bringen. Dann werden wir die Leistungen auch in die nötigen Punkte ummünzen.
