Urs Fischer: «Es waren genügend Angebote da, nur einfach nicht das richtige»
Knapp vier Monate sind vergangen, seit Sie Mainz übernahmen. Bereits werden Sie wieder mit viel Lob eingedeckt. Und Lothar Matthäus, so etwas wie Deutschlands Chef-Fussball-Experte, sagt: «Urs Fischer kommt, legt die Hand auf – und schon funktioniert es!» Was macht das Lob mit Ihnen?
Urs Fischer: Jeder hat gerne Lob. Aber ich bin lange genug in diesem Business und Sie kennen mich jetzt auch schon eine Weile: Man darf mir gerne gratulieren, wenn der Abstieg auch rechnerisch verhindert ist. Alles andere wäre für mich verfrüht.
Das dachte ich mir: So ganz wohl ist Ihnen das Lob nicht!
Ich kann das alles ganz gut einschätzen. Nochmals: Lob tut gut. Auch den Spielern. Das hilft. Aber wir wollen nicht den Fokus verlieren. Wir haben weiterhin eine Stresssituation. Der Druck ist noch da.
Als Sie Mainz übernahmen, war der Verein Tabellenletzter mit sechs Punkten aus 13 Spielen. Welchen Urs Fischer brauchte es? Den Psychologen? Den Taktik-Lehrer?
Eigentlich ist es ganz einfach: Es braucht Resultate. Und jeder Trainer hat dafür seine Herangehensweise.
Wie ist Ihre?
Der Klub wollte nach Bo Henriksen, der eher temperamentvoll ist, etwas Gegensätzliches. Eine ruhigere Ansprache.
Wann merkten Sie: Ja, es funktioniert?
Es wäre zu einfach, einen einzigen Moment herauszupicken. Am Ende geht es um Resultate. Diese brachten das Selbstvertrauen zurück und gaben die Bestätigung: Das, was ich mache, funktioniert. Nehmen wir das 2:2 auswärts bei Bayern München, das war gleich in meinem zweiten Spiel. So etwas kann unheimlich viel auslösen.
Wie gut kennen Sie sich schon aus in Mainz?
Von der Stadt selbst habe ich noch nicht viel gesehen. Es beschränkt sich vieles auf Wohnung und Vereinsgelände.
Ist Urs Fischer ein Fasnächtler?
Nein, und das wird er auch nicht mehr. Aber ich habe den Stellenwert schon mitbekommen. Sagen wir mal so: Das Wetter am Rosenmontag hat es mir nicht unbedingt schwer gemacht, der Strassenfasnacht fernzubleiben.
Bei Ihrer Vorstellung betonten Sie die menschliche Komponente zwischen Ihnen und den Vereinsbossen Christian Heidel und Niko Bungert.
Genau. Es musste ein gewisses «Gefühl» entstehen, dass mich eine Aufgabe reizt. Nun hat sich dieses Gefühl intensiviert. Man merkt ja erst, wie Leute funktionieren, wenn man eine gewisse Zeit miteinander arbeitet. Mein Eindruck hat mich nicht getäuscht.
Sie hatten zwei Jahre Pause, bevor Sie den Job in Mainz antraten. Hatten Sie Zweifel, ob Sie den Einstieg wieder finden?
Ja, die gab es tatsächlich. Es war ein komisches Gefühl, wieder auf dem Platz zu stehen. Es Angst oder Unsicherheit zu nennen, wäre aber übertrieben. Mein Assistent Markus Hoffmann und ich fragten uns: «Haben wir es noch drauf?» Wenn du zwei Jahre weg bist, kommen schon Gedanken, ob das, was du der Mannschaft mitgeben willst, noch wie aus der Pistole geschossen kommt. Es war gut, haben wir uns mit solchen Gedanken auseinandergesetzt. Aber die Gedanken waren nach der ersten Minute im ersten Training auch schon wieder verflogen. Ich war sofort zurück im Modus.
Sie sprachen von Ihrer Pause. Was gab Ihnen am meisten Energie?
Die Familie. Das nahe Umfeld. Ich konnte diese zwei Jahre sehr geniessen. Und es ist mir bewusst, dass ich da in einer privilegierten Lage bin. Es war ein Vorgeschmack auf die Pension, die ja auch näher rückt. Ich weiss jetzt, dass ich mir keine Sorgen machen muss. Ich glaube, es ist wichtig, eine gewisse Tagesstruktur zu behalten, nicht nur vom Morgen bis Abend rumzusitzen.
Wie sah diese aus?
Ich konnte meinen Hobbys frönen. Ich war immer wieder unterwegs mit meiner Frau. Kurz-Trips. Mit den Bikes, entweder im Raum Zürich, oder wir haben die Velos mit dem Auto mitgenommen. Das Fischen ist auch nicht zu kurz gekommen. Ich habe mit Golfen angefangen, wobei ich stets sagte, das interessiert mich nicht, nun bin ich aber auf den Geschmack gekommen. Es war eine fantastische Zeit. Und für mich auch wichtig als Mensch, den Kopf freizubekommen. Die fünfeinhalb Jahre bei Union Berlin waren sehr intensiv. Sie haben Spuren hinterlassen.
Haben Sie Ihre Frau und die Töchter nochmals anders kennengelernt, jetzt wo Sie mehr Zeit hatten?
Die Töchter wohnen beide nicht mehr zu Hause. Das wäre schon nochmal etwas anderes gewesen. Aber natürlich, es ist entspannt, wenn man sich auch mal kurzfristig sehen kann auf einen Kaffee oder zu einem Kurz-Besuch.
Dann frage ich so: Nach fünfeinhalb intensiven Jahren mit Fernbeziehung zwischen Berlin und Zürich war es vermutlich auch für Sie und Ihre Frau eine neue Erfahrung, so nahe aufeinander zu sein. Gab es Momente, wo Sie fast zu viel Zeit miteinander hatten?
Oder anders gefragt: «Hat es meine Frau noch ausgehalten mit mir?» (lacht schallend) Sie haben es schön umschrieben. Nein, logisch, das war eine Herausforderung für beide. Meine Frau hat ihren Haushalt gemacht in Zürich und ich meinen in Berlin. Und dann waren wir auf einmal wieder so nahe beisammen über eine längere Zeit. Aber es war überhaupt kein Problem, auch in diesen zwei Jahren. Wir haben uns immer wieder gegenseitig Raum gegeben.
Dachten Sie irgendwann einmal, als während den zwei Jahren wieder ein Trainer-Posten frei wurde an guter Adresse: «Jetzt müsste doch meine Chance einmal kommen!»
Nein, nie. Ich hätte genügend Möglichkeiten gehabt. Darum machte ich mir nie Sorgen. Es hat nie zu 100 Prozent gepasst. Das Gefühl, das ich vorhin angesprochen habe, ist nie entstanden. Da kann man sich auch einmal täuschen, klar. Aber es waren genügend Angebote da, nur einfach nicht das richtige.
Sie sagten mir in den Momenten des grössten Erfolgs bei Union Berlin: «Es wäre schön, wenn wir zusammen auch einmal eine Krise aushalten könnten. Und gemeinsam wieder herauskommen.» Das war Ihnen nicht vergönnt. Wurmt Sie das?
Ja. Schon. Jeder wünscht sich das Szenario, im Erfolg aufzuhören, nicht im Misserfolg. Aber es war am Ende der richtige Zeitpunkt für die Trennung. Auch wenn es weh tat.
Kamen Sie gut über die Trennung hinweg?
Ja. Wir haben alles versucht. Aber es war wie verhext. Am Schluss war es für mich wichtig, authentisch zu bleiben. Ich will es nicht plötzlich übertreiben mit Veränderungen. Ich wollte stets ich selbst bleiben. Und darum bin ich mit mir im Reinen.
Konnten Sie die Champions League am Ende noch geniessen?
Vielleicht musste es einfach so kommen. Vielleicht ging es vorher zu steil den Berg hoch. Wir konnten fast machen, was wir wollten. Natürlich haben wir vieles richtig gemacht. Aber es gab immer wieder Momente, wo wir uns fragten: Wie haben wir eigentlich dieses Spiel wieder gewonnen? Vermutlich gehört zur Gesamtbetrachtung die einfache Erkenntnis dazu, dass dort, wo es steil bergauf gehen kann, auch ein Bergab nicht auszuschliessen ist.
Sie haben mir bei einem Besuch in Berlin einmal erzählt, dass die Garderobe den Spielern gehört. Halten Sie das auch in Mainz so?
Ja, ich halte mich so weit weg von der Kabine wie möglich. Das ist das Reich der Spieler. Da muss der Trainer nicht die ganze Zeit rumschleichen. Dafür sind sie verantwortlich.
In der Conference League steht Mainz im Viertelfinal. Das ist so gut wie noch nie in der Vereinsgeschichte. Nun steht der Viertelfinal gegen Strassburg an. Können Sie im Europacup anders an die Spiele herangehen, weil Sie dort nur gewinnen können?
Am Schluss kannst du immer etwas verlieren. Das mit dem «nur gewinnen» – das wäre schön. Gibt es für mich aber nicht. Uns war wichtig, dass wir uns direkt für den Achtelfinal qualifizierten. Damit vermieden wir zwei zusätzliche englische Wochen. Das haben wir geschafft. Ich glaube, wenn du solche Zwischenziele erreichst, hilft das zusätzlich. Eine grundsätzlich andere Herangehensweise ist das nicht. Wir wollen auch in der Conference League jedes Spiel gewinnen, sonst musst du nicht mitmachen. Aber klar: Priorität geniesst die Meisterschaft, da geht es ums Überleben.
Von den sieben verbliebenen Teams gibt es jetzt keines, von dem man sagen muss: Mainz hat keine Chance. Würden Sie soweit gehen, zu sagen: Der Titel ist das Ziel?
Halt, halt! Ich will die nächste Runde überstehen. Punkt. Was nützt es, vorauszublicken und dann bringen wir im nächsten Spiel nichts zu Stande? Logisch wollen wir in den Final. Aber von der Denkweise her ist immer der nächste Match entscheidend.
Eigentlich kann es ja nicht sein, dass die Pokale mit dem FC Basel die letzten im Trainerleben des Urs Fischer waren…
Was soll ich jetzt sagen? (lacht) Schauen wir mal! Ich kann sicher sagen, dass ich nicht mehr so viel Zeit habe wie damals, als ich beim FCZ als Trainer angefangen habe (2010, d. Red.)
Welchen Horizont sehen Sie in Ihrem Trainerleben?
Ich habe etwas im Kopf. Aber das bleibt bei mir. Jeder muss das für sich entscheiden. Roy Hodgson übernimmt jetzt mit 78 eine Mannschaft in der zweiten Liga von England, versucht diese vor dem Abstieg zu retten. Das wäre für mich unvorstellbar.
Es gibt einen Ruf, der Ihnen vorauseilt: Defensive Spielweise. Pragmatisch. Wenig spektakulär. Empfinden Sie das als ungerecht?
Was soll ich sagen? Am Ende ist für mich ein attraktiver Fussball ein erfolgreicher Fussball. Ich glaube, wenn man mit Union Berlin von der 2. Bundesliga in die 1. Bundesliga aufsteigt, überlebt, und sich dann hintereinander für Conference League, Europa League und Champions League qualifiziert, kann der Fussball nicht so schlecht gewesen sein, wie das der eine oder andere sieht. Aber…
… bitte!
Bei all meinen Teams ging es mir stets um eines – und das ist in Mainz nicht anders: Ich will, dass wir irgendwo eine gewisse Kompaktheit und Stabilität auf den Platz kriegen. Dann gibt es auch Raum für Kreativität. Das Fundament muss auf guten Beinen stehen.
Haben Sie denn den Traum, einmal einen Spitzenklubs à la Dortmund oder Leipzig zu übernehmen? Oder sagen Sie sich auch da: kümmert mich nicht, ich schaue es dann an, wenn das Angebot kommen sollte.
Gut gesagt! Pragmatisch. Ich mache keinen Plan auf fünf Jahre hinaus. Das Hier und Jetzt muss funktionieren. Alles andere ergibt sich.
Wie hat sich der Trainerjob verändert über die letzten Jahre?
Der Staff um den Trainer herum hat sich verändert. Er ist grösser. Und alle rund herum sind Spezialisten. Ich habe drei Assistenten, dann kommen noch drei Analysten dazu. Athletiktrainer. Physios. Ernährung. Ein wesentlicher Aspekt des Trainerseins ist heute das Führen dieses Apparats. Früher hat der Trainer alles alleine gemacht. Heute hat er Spezialisten, die vieles erledigen. Wenn man sie denn lässt – und das mache ich!
Haben Sie dieses Vertrauen?
Natürlich! Es wäre ja verrückt, sich einen solchen Apparat aufzubauen und dann die Leute nicht machen zu lassen. Aber es stimmt schon, der eine oder andere Trainer der älteren Generation musste dazulernen. Früher ging man mit dem Post-Büchlein an den Schalter, um die Einzahlungen zu erledigen. Wenn Sie heute kein Internet und E-Banking haben, dann ist es schwierig. Man muss mit der Zeit gehen. Und das fällt nicht allen leicht.
Hat die künstliche Intelligenz je länger je deutlicher einen Einfluss auf den Fussball?
Das wird sich zeigen. In den zwei Jahren, in denen ich nach meiner Zeit bei Union Pause machte, erreichte mich eine Anfrage aus Amerika für einen Job. Der Computer hat meinen Namen aufgrund von Daten ausgespuckt. Der Klub setzt auf gewisse Parameter – und die hätten zu mir gepasst.
Nun rückt die WM näher. Spüren Sie Vorfreude?
Wir haben ja auch den einen oder anderen Nationalspieler. Da will jeder dabei sein. Eine Weltmeisterschaft war schon immer etwas Interessantes, das alle, die Fussball etwas abgewinnen können, fasziniert. Das wird auch in diesem Jahr so sein. Es wird halt ein bisschen anders sein. Es sind viel mehr Mannschaften, da wird sich zeigen, welche Auswirkungen das hat. Aber nehmen Sie die Champions League. Auch da war man sehr kritisch vor der Aufstockung, gerade in Hinblick auf die Gruppenphase mit den acht Spielen. Ich fand es fantastisch. Was ich schwierig fand, war die letzte Konferenz, das waren mir zu viele Spiele auf einmal.
18.6. 21:00 Uhr gegen Bosnien-Herzegowina
24.6. 21:00 Uhr gegen Kanada
Finden Sie es falsch auf 48 Mannschaften zu gehen? Oder gibt’s plötzlich einen Reiz ab den Sechzehntelfinals, den man noch nicht sieht jetzt?
Gut möglich. Man hat sich bei der Champions League auch etwas getäuscht. Es ist jedenfalls etwas Neues. Und das belebt. Auf einmal sieht man dann die Vorzüge. Ich bin gespannt.
Dass rund um die WM so viel Politik mitspielt, Stichwort Trump, Iran, Krieg – wie sehen Sie das?
Man sollte einfach Sport nicht mit Politik vermischen.
Das ist unmöglich mittlerweile.
Ja, das sieht danach aus. Aber ich finde trotzdem, es sollte möglich sein.
Könnten Sie sich vorstellen, einmal Nationaltrainer zu werden?
Ich glaube, ich habe diese Frage schon reichlich beantwortet. Ich war am Anfang immer skeptisch eingestellt, habe das dann aber etwas revidiert. Und gesagt: Sage niemals nie. Und dasselbe sage ich auch jetzt.
Sie waren auch beim FC Thun. Macht das Thuner Märchen noch etwas mit Ihnen?
Das ist ein echtes Highlight! Ich gönne es Ihnen von Herzen. Es ist sowas von verdient. Jetzt müssen sie es noch über die Ziellinie bringen… Es müsste mit dem Teufel zu gehen. Aber man sagt ja, das Ende ist das Schwierigste. Als Aufsteiger Meister zu werden, das wäre Wahnsinn! Ich bin auch nach wie vor in Kontakt mit dem einen oder anderen in Thun, der Kontakt ist nie abgerissen.

