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Heinrich Schifferle, Praesident der Swiss Football League, spricht waehrend einer Medienkonferenz ueber die Teilprofessionalisierung der Schweizer Spitzenschiedsrichter, am Dienstag, 12. Dezember 2017 in Bern. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Heinrich Schifferle, Präsident der Swiss Football League. Bild: KEYSTONE

Interview

Fussball-Boss Schifferle: «Wahrscheinlich noch während Monaten Spiele ohne Zuschauer»

Heinrich Schifferle ist Präsident der Swiss Football League. Er sieht für die Fortsetzung der Saison keine Alternativen zu Geisterspielen.

Markus Brütsch / CH Media



Der Bundesrat hat am Donnerstag Lockerungen der Massnahmen gegen das Coronavirus bekannt gegeben. Haben Sie neue Erkenntnisse erhalten, wie es mit dem Fussball in der Swiss Football League weitergeht?
Heinrich Schifferle:
Nein, sicher ist weiterhin nur, dass alles unsicher ist. Wir können für die kommenden Wochen keinen Fahrplan erstellen. Wir gehen jedoch davon aus, dass Grossveranstaltungen als Letztes bewilligt werden. Zuoberst auf unserer Agenda steht: Wie können wir den Trainings- und den Spielbetrieb organisieren? Wie gehen wir dabei vor? Wir haben schon Ende Februar mit dieser Arbeit begonnen. Diese soll aufzeigen, was es braucht, um die Fortsetzung der Meisterschaft in der Super League und in der Challenge League mit Geisterspielen zu ermöglichen.

Grasshopper Euclides Cabral reagiert im Fussball Meisterschaftsspiel der Challenge League zwischen dem Grasshopper Club Zuerich und dem SC Kriens im Letzigrund, am Freitag, 14. Februar 2020 in Zuerich. (KEYSTONE/Ennio Leanza)

In der Super League und in der Challenge League wird es wohl zunächst ohne Fans weitergehen. Bild: KEYSTONE

Entscheiden wird aber der Bund.
Wir haben in Zusammenarbeit mit Spezialisten aus dem Bereich Biosicherheit/Medizin von der Universität Bern ein Papier erarbeitet, wie die Organisation von Trainings und die Wiederaufnahme der Meisterschaft aussehen könnte. Spiele ohne Zuschauer zu veranstalten – das klingt einfach und easy, ist aber ganz und gar nicht so.

Zur Person

Der 66-jährige Heinrich Schifferle war jahrelang in der Klubführung des FC Winterthur tätig und wurde 1999 Finanzchef im Komitee der Swiss Football League. 2011 wurde er zum Präsidenten der SFL gewählt. Schifferle ist verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder und vier Enkel.

Worauf kommt es an?
Klar wurde: Das Coronavirus erhöht den Aufwand für Geisterspiele enorm. Das gilt bereits auch für den Trainingsbetrieb mit all den Hygienemassnahmen. Um überhaupt mit den Ernstkämpfen beginnen zu können, müssen die Mannschaften dafür parat sein und zwei bis drei Wochen im Mannschaftstraining stehen. Wir müssen uns sicher sein, dass alle gesund sind. Das bedingt regelmässige Tests bei den Spielern, dem Staff und anderen involvierten Personen.

Man kann sich gut vorstellen, dass dies zu erheblichen Kosten führt. Corona-Schnelltests kosten um die 200 Franken. Da läppert sich für eine Mannschaft pro Spieltag eine Summe von gegen 10'000 Franken zusammen. Bei 20 Mannschaften in der Swiss Football League macht das 200'000 Franken.
Genaue Zahlen haben wir noch nicht. Aber wir wissen: Das kann teuer werden.

Wann könnte im Idealfall die Meisterschaft – es stehen noch 13 Runden aus – mit Geisterspielen fortgesetzt werden?
Der Bund hat ein Kernteam eingesetzt, welches innerhalb kurzer Frist eine Transitionsstrategie Sport ausarbeiten soll. Wir sind dort vertreten. Letztlich hängt es aber natürlich von den Entscheiden des Bundesrats ab.

Fussball ist ein Kontaktsport und es ist daher unmöglich, die Distanzregeln einzuhalten. Auch steht ein Weiterspielen auf wackligen Beinen, weil ein infizierter Spieler dafür sorgen kann, dass ein Teil oder die ganze Mannschaft unter Quarantäne muss. Deshalb haben England, Deutschland, Spanien und Italien verschiedene Szenarien entworfen, um das zu verhindern. So sollen die Mannschaften zum Beispiel nur an gewissen Orten spielen und ständig unter Quarantäne leben. Denkt die SFL auch so?
Es gibt verschiedene Szenarien, ja. Der Ball liegt nun bei den Behörden.

Die zwei Mannschaften spielen vor leerer Kulisse beim Testspiel zwischen dem FC Luzern und dem FC Zuerich vom Samstag, 7. Maerz 2020 in Luzern. (KEYSTONE/Urs Flueeler)

Fussball im leeren Luzerner Stadion. Bild: KEYSTONE

Gerade die grossen Ligen drängen wegen der horrenden Fernsehgelder darauf, die Saison um jeden Preis zu Ende zu spielen. Wie sehr ist die SFL mit deutlich geringeren TV-Einnahmen überhaupt an einer Fortsetzung interessiert?
Auch wir möchten die Meisterschaft seriös beenden. Ob das einen Monat früher oder später geschieht, ist inzwischen nicht mehr matchentscheidend. Es geht darum, unseren Fussball am Leben zu erhalten. Wir stehen erst am Anfang unserer Probleme. Wir werden wahrscheinlich noch während Monaten ohne Zuschauer spielen müssen und grösste Probleme auf der Einnahmenseite haben. Es brechen ja alle Einnahmen vom Ticketing über den Verkauf von Saisonabonnementen und Fanartikeln bis zum Catering weg; ausser den TV-Geldern. Die Durststrecke für den Profifussball kommt erst.

Vor sechs Wochen haben sich die Klubs noch vehement gegen Geisterspiele ausgesprochen. Hat ein Sinneswandel stattgefunden?
Die Vereine haben gemerkt: Es geht gar nicht anders. Ob man es toll findet oder nicht. Wir müssen das Tal der Tränen durchschreiten, wenn es mit Geisterspielen die Möglichkeit gibt, weiterzumachen.

Ist Belgien, das die Saison abgebrochen hat (nach Intervention der UEFA ist das letzte Wort aber noch nicht gesprochen), kein Vorbild?
Nein. Wir brechen nicht ab. Vielleicht werden wir aber abgebrochen. Ohne die Details zu kennen, finde ich das Vorpreschen der Belgier nicht gut. So läuft man Gefahr, Strukturen zu zerstören. Ein Abbruch wäre der erste Schritt dazu.

Es geht auch um Arbeitsplätze.
Gemäss einer Studie sind nur schon für die Super League im weitesten Sinn 3300 Stellen betroffen und es geht um einen Umsatz von 800 Millionen Franken. Es geht also um viel. Selbst wenn Fussball im Moment nicht das Wichtigste ist, müssen wir dafür sorgen, dass seine Strukturen noch da sind, wenn es denn einmal weitergeht. Wir sind verpflichtet, alles dafür zu tun, dass unsere Klubs und der ganze Schweizer Fussball weiter existieren. Wir kämpfen ums Überleben.»

Ist zu befürchten, dass viele Sponsoren den Vereinen den Rücken kehren, weil sie selber in Not sind?
Nicht den Rücken kehren, aber das Portemonnaie ist nicht mehr so offen. Das ist eigentlich eine logische Konsequenz. Es hängt viel davon ab, wie gut die Zusammenarbeit der Vereine mit den Partnern ist.

Welchen Eindruck haben Sie von den Klubs und deren Umgang mit dieser Situation?
Obwohl eine gewisse Nervosität und Unsicherheit zu spüren ist, bin ich beeindruckt von der Professionalität und der Ruhe, die herrscht.

Beim FC Basel sieht es aber beim Lohnzwist zwischen dem Klub und den Spielern anders aus.
Dazu äussere ich mich nicht. Das sind Interna des FCB, deren Details ich nicht kenne.

In Deutschland hat der «Kicker» geschrieben, 13 der 36 Erst- und Zweitligisten seien von der Insolvenz bedroht. Wie sieht es in der Schweiz aus?
Zwei Monate können unsere Klubs überstehen. Wenn sie aber sechs Monate ohne Zuschauereinnahmen bleiben, dann haben wir sehr grosse Probleme. Es hängt nun extrem viel davon ab, was in den nächsten Wochen und Monaten passiert. Die Unsicherheit vor der Zukunft ist gross, denn die grössten Probleme kommen erst auf uns zu.

Ohne Kurzarbeit gingen die Lichter manchenorts schon jetzt aus.
Kurzarbeit war bisher die einzig grosse Massnahme, welche die Entlastung der Budgets zur Folge hatte. Wir werden aber zusätzliche Unterstützung brauchen. Kurzarbeit wird ja nicht ewig bezahlt werden.

Denken Sie an die 50 Millionen Franken, die der Bund für den Profisport in Aussicht gestellt hat?
Das klingt eigentlich ganz gut. Doch die Voraussetzungen sind so, dass man erst Geld bekommt, wenn man es schon gar nicht mehr beantragen dürfte. Nein, wir brauchen weitere Unterstützung durch die Behörden bei Finanzierungen. Wir reden sicher nicht von Geschenken. Doch wir brauchen Liquiditätshilfen wie Bürgschaftsgarantien. Wir brauchen Überbrückungshilfen. Wir sind auf die Unterstützung durch die Politik angewiesen. Wir benötigen Sicherheit. Unser Lebensnerv ist nicht ab-, aber angeschnitten. Keine Branche kann etwas dafür, was passiert ist.

Christian Constantin, der Präsident des FC Sion, wirft den Fussballverbänden aber vor, keine Versicherungen abgeschlossen zu haben wie die Veranstalter in Wimbledon oder der Eishockey-WM. Der Fussball zahle für das Versagen der Ligabosse.
Die SFL organisiert die Meisterschaft. Aber der Veranstalter des Spiels ist der Klub. Es gab schon mal Abklärungen, die TV-Gelder versicherungstechnisch abzudecken, aber dies war nicht möglich. Doch natürlich stellen sich heute alle Fragen neu. Aber Anlässe wie die Eishockey-WM sind Einzelanlässe und daher nicht vergleichbar.

Hegen Sie die Befürchtung, dass der Sport in der Schweiz, etwa im Vergleich zu Deutschland mit der Bundesliga, zu wenig Akzeptanz geniesst?
Der Sport in der Schweiz hat einen extrem hohen Stellenwert. Das wird aber nicht so wahrgenommen. Oder erst jetzt, wo wir ihn nicht mehr haben. Wir überschätzen unsere Bedeutung nicht. Wir wissen: Die Gesundheit steht über allem. Aber wir kämpfen dafür, dass wir noch da sind, wenn das Coronavirus einmal besiegt ist.

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14Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • ThePower 18.04.2020 19:26
    Highlight Highlight Das mit der Quarantäne und anschliessendem Fertigspielen wäre eine gute Idee, aber bei 13 ausstehenden Runden Meisterschaft sowie 3 Cupspielen müsste man die Spieler etwa 3 Monate abschirmen, selbst bei drei Spielen pro Woche (2 Wochen Quarantäne, 3 Wochen Vorbereitung, ca 6 Wochen spielen). Mein Vorschlag wäre deshalb, noch das 3. Viertel der Meisterschaft zu Ende zu spielen sowie die Cuppartien. Fände ich als YB Fan zwar auch schlecht, da das den FCSG bevorzugt würde (Wir hätten eigentlich noch ein Direktduell gegen die zuhause), aber besser als abbrechen wärs auf jeden Fall🤷🏻‍♂️
  • winglet55 18.04.2020 15:51
    Highlight Highlight Wie soll denn "social distancing" eingehalten werden?
    Oder spielen alle mit Spezialmasken?
    Alles Scheisse, abbrechen, abwarten bis die Pandemie ausgestanden ist, ende der Durchsage.
  • zellweger_fussballgott 18.04.2020 13:15
    Highlight Highlight Ich rieche da eine Wettbewerbsverzerrung! GC hat jetzt immer Heimspielatmosphäre!
  • Staedy 18.04.2020 11:33
    Highlight Highlight Fussballfunktionäre halt. Eingestehen, dass es halt unter diesen Rahmenbedingungen unmöglich ist und das Ganze bzw. die Saison beenden. Oder den ganz grossen Wurf landen und gleich auf eine Jahresmeisterschaft umstellen.
  • dmark 18.04.2020 11:29
    Highlight Highlight In Deutschland stellen sich nun die Fanszenen gegen Geisterspiele. Man kann nicht massenweise Tests für die Spieler verheizen, wenn sie woanders dann fehlen usw...

    https://11freunde.de/artikel/blanker-hohn/1821672?utm_source=pocket-newtab
  • Maria Cardinale Lopez 18.04.2020 11:27
    Highlight Highlight Als Fussballtrainer 2er Mannschaften im Junioren und Aktiv bereich, muss ich sagen entweder spielen alle Fussball oder nicht. Was sage ich den Kindern, wieso die Profis nun spielen dürfen und wir nicht?
    Ich weiss es geht um Existenzen aber dies geht es bei den Vereinen auch.
    Sponsoren welche nicht mehr bezahlen, Mitglieder welche Beiträge zurück wollen. Trainer welche nicht auf Entschädugung verzichten und und und.
    Ich denke das geht in anderen Sportarten um das Selbe.
  • BigMic 18.04.2020 10:23
    Highlight Highlight Abbrechen und gut ist...
    Die ganze Übung mit Geistetspielen usw. kann man sich sparen.
  • rburri68 18.04.2020 10:01
    Highlight Highlight Geisterspiele (Dann mit Teleclub zusammen die Spiele für alle für 20 CHF verkaufen, so viel wie ein Matchticket). Oder ansonsten kann man die Saison abbrechen (kein Meister, kein Auf/Abstieg).
    • Jamaisgamay 18.04.2020 10:30
      Highlight Highlight Aber mit meiner Jahreskarte darf ich 'meine' Heimspiele gratis schauen.
    • rburri68 18.04.2020 11:39
      Highlight Highlight Ja, das wäre Fair. Hier muss der Verband halt mit Teleclub verhandeln. Am ende ist es im Interesse von allen, dass irgendwie noch gespielt wird und etwas Geld rein kommt. Bei den meisten Vereinen sind die TV-Gelder wohl höher als die Prämien für die Spieler (Ausser wohl YB und Basel)
    • Pisti 18.04.2020 14:05
      Highlight Highlight Quatsch ich hab ein Abo bei Teleclub, ich bezahle ganz bestimmt nicht noch 20.- pro Match zusätzlich.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Viktor mit K 18.04.2020 09:53
    Highlight Highlight Der Verband schiebt die Verantwortung betreffend der Pandemie Versicherung an die Klubs ab und die Klubs an den Verband.
    In solchen Zeiten wäre es doch wichtig solidarisch aufzutreten und gemeinsam nach einer Lösung zu suchen.

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