Ski-Ikone Maria Walliser über ihre Karriere: «Ein ‹Ski-Schätzli› war ich bestimmt nie»
Vor rund 40 Jahren war Skirennfahrerin Maria Walliser eine der populärsten Sportlerinnen der Schweiz. Seit einem Vierteljahrhundert beweist die Toggenburgerin in einer Herzensangelegenheit abseits von Sportveranstaltungen und Skipisten grosse Leidenschaft und persönlichen Einsatz. Wir haben mit der 62-Jährigen über Früher und Jetzt gesprochen.
Maria Walliser, herzliche Gratulation zum Jubiläum. Sie setzen sich nunmehr seit 25 Jahren für die Stiftung Folsäure Schweiz ein. Wieso sind Sie diesem Thema derart lang treu geblieben?
Maria Walliser: Entscheidend für mich und mein Leben war es schon immer, dass ich mich für das Gute engagiere. Sei es als Athletin mit dem Fokus auf Freude und Leistungsbereitschaft oder als Mutter auf die liebevolle Betreuung. Oder auch als Präsidentin der Stiftung, um die Wichtigkeit des Lebensvitamins Folsäure ins Bewusstsein der Schweizer Bevölkerung zu bringen.
Offensichtlich sehen Sie Ihre Mission als Präsidentin dieser Stiftung noch nicht als beendet an?
Wir haben mit der Stiftung viel erreicht und doch muss die Aufklärungskampagne weiter verstärkt werden, denn der Zusammenhang ist offensichtlich: Weniger Geburtsfehler dank Folsäure. Eine frühzeitige Prophylaxe mit Folsäure, konkret bereits drei Monate vor einer Schwangerschaft, ist entscheidend, um Geburtsfehler zu reduzieren. In über 80 Ländern der Welt wird Folsäure staatlich verordnet ins Grundnahrungsmittel Mehl gemischt. Verschiedene Studien zeigen einen Rückgang von Spina Bifida von über 50 Prozent und auch bei Herzkreislauferkrankungen und Schlaganfällen wird eine Verbesserungsquote von über 60 Prozent erreicht.
Ihr Engagement ist sehr eng mit dem Schicksal Ihrer Tochter Siri verknüpft. Wie schwierig war es für die Familie, diesen sehr persönlichen Blick auf euch zuzulassen?
Wir sind als Familie gewachsen, haben die Herausforderungen, Emotionen und Alltagssorgen, die eine Spina Bifida mit sich bringt, angenommen. Der persönliche Blick auf uns, wie Sie es passend formulieren, kam vor allem wegen dem medialen Bekanntheitsgrad von mir als Skirennfahrerin zustande. Aber genau das war entscheidend für die Aufmerksamkeit auf den Mangel am Vitamin Folsäure vor der Schwangerschaft. Es war zu jener Zeit wenig bekannt, dass ein Folsäuremangel Geburtsfehler wie einen offenen Rücken, Herzfehler oder Kiefer-Gaumenspalten hervorrufen kann. Wir als Familie waren zuerst Botschafter für die Präventionskampagne. Zusammen mit Partnern aus der Pharma- und der Lebensmittelbranche konnten wir die Versorgungslücke an Folsäure in der Schweizer Bevölkerung angehen.
Hatten Sie zwischendurch auch Zweifel, Siris Geschichte öffentlich zu machen?
Nein, denn wenn unsere Geschichte für andere Familien eine Hilfe ist, dann stimmt es auch für mich. Dann ist alles gut.
Viele Emotionen gibt es aktuell auch im Schweizer Skisport. Mit Lara Gut-Behrami, Corinne Suter und Michelle Gisin sind in diesem Winter gleich drei Aushängeschilder schwer gestürzt. Leiden Sie jeweils mit?
Ja, das tue ich! Mit dem einen Unterschied, dass ich selbst nicht nachvollziehen kann, was in Körper und Geist bei einer schweren Verletzung alles abgeht. Während meiner zehn Jahre im Weltcup war ich nie ernsthaft verletzt. Heute hat so etwas schon fast Seltenheitswert.
Die Unfälle, respektive die Sicherheit der Fahrerinnen und Fahrer sind ein grosses Thema im Skisport. Wo sehen Sie die Gründe, dass derart viel passiert?
Auch in den Achtziger- und Neunzigerjahren ereigneten sich bereits viele Verletzungen. Piste und Material passten auch damals nicht immer zusammen. Wir haben damals noch Abfahrten bestritten, ohne dass es A- oder B-Netz gegeben hat. Uns bremsten natürliche Hindernisse, die heute mit dem Kunstschnee und der Top-Pistenpräparation wegfallen. Das Tempo der Fahrerinnen und Fahrer ist heute sehr viel höher.
Welche prägenden Erinnerungen haben Sie rund um das Thema Stürze aus Ihrer Zeit als Rennfahrerin?
Wir hatten noch Staketenzäune und Strohballen, um die Kurven zu sichern, Tannenreisig auf der Ideallinie bei schlechter Sicht oder Nebel. Generell waren die Schneeverhältnisse auf der Piste viel weicher und Sturzräume wie heute existierten nicht. Besonders beeindruckt war ich jeweils, wenn eine Teamkameradin von einer Verletzung zurückkam und quasi wieder von null auf mit dem Konditionsaufbau und dem Vertrauen auf Schnee beginnen musste.
Wie Sie erwähnt haben, sind Sie selbst von schweren Verletzungen verschont geblieben. Hatten Sie einfach Glück oder gibt es dafür auch noch andere Gründe?
Da spielte mit Bestimmtheit auch stark ein kalkuliertes Risiko mit, aber auch meine gute Grundkondition und Beweglichkeit. Natürlich gehört auch immer viel Vertrauen in seine eigenen Fähigkeiten dazu. Und nicht zu vergessen, eine Prise Intuition, um mögliche Gefahren besser zu erkennen.
Legendär war die Rivalität zwischen Ihnen und Michela Figini. Selbst die Los Angeles Times schrieb in einem Artikel, sie beide hätten sich nicht leiden können. Wie empfanden Sie die Beziehung zur Tessinerin?
Die Behauptungen sind ein schlechter Witz! Michela Figini und ich hatten es persönlich gut miteinander. Nur die Medien brauchten damals bei diesem übermächtigen Frauenskiteam etwas Brisanz und stilisierten dieses Duell herauf. Wir beide wissen genau, dass wir uns damals gegenseitig gestärkt und motiviert haben. Ich habe Michaela sehr bewundert, wie zielstrebig sie ihren Weg ging. Und gleichzeitig wusste ich auch immer, dass mein Weg ein anderer ist. Aber entscheidend ist doch: Beide Wege waren erfolgreich! Wir Athletinnen verstanden nicht, warum man uns in den Medien gegeneinander aufhetzen wollte. Wir spielten dieses Spiel nicht mit.
Wie würden Sie denn «Ihren Weg» beschreiben?
Was soll ich sagen… Ein bisschen eigen war ich schon. Ich habe mich beispielsweise mit Literatur aus den Bereichen Meditation, Yoga, Atemtherapie, Mentaltraining oder spezieller Ernährung beschäftigt. Ich habe auch versucht, Energie aus der Natur zu schöpfen. Ich habe mich am wohlsten gefühlt, wenn ich irgendwo in den Bergen allein unterwegs war und dabei tief durchatmen konnte. Auch mein Tagebuch hat mir geholfen, schwierige Situationen aufzuarbeiten. Dadurch, dass ich alles dort niederschreiben konnte. Ein positiver Ausblick auf den neuen Tag durfte dabei nie fehlen.
Sie waren Zeit Ihrer Karriere sehr populär, wurden als Strahlefrau, als «Glamour Girl» bezeichnet und hin und wieder auch als «Ski-Schätzli». Heute gilt eine solche mediale Bezeichnung als sexistisch. Hat Sie diese Betitelung gestört?
Also ein «Ski-Schätzli» war ich bestimmt nie! Damals haben wir sehr um Anerkennung gekämpft. Wir wollten nicht die «Meitli» sein. Es war uns wichtig, das Image des Frauenrennsports mit sportlichen Taten zu fördern. Aber wir hatten gegenüber den Männern einen schweren Stand. Nur durch Siege, Medaillen und Erfolge konnten wir uns behaupten. Gegenüber sexistischen Aussagen habe ich damals die Ohren verschlossen.
Von aussen schienen Sie eine Sportlerin zu sein, die es allen recht machen wollten. Stimmt dieser Eindruck?
Dieser Eindruck hat tatsächlich etwas Wahres an sich. Im stillen Kämmerlein konnte ich durchaus Rebellin sein. Gegen aussen jedoch gehörte es für mich zum Business einer Spitzensportlerin und eines Aushängeschilds des Skisports einfach dazu, sich jeder Situation anzupassen. Vielleicht spielte auch die Erziehung eine Rolle.
Was war denn Ihren Eltern bei der Erziehung wichtig?
Als drittgeborenes Kind bin ich einfach mitgewachsen. Meine Kindheit würde ich rückblickend als heile Welt bezeichnen. Arbeit auf unserem Bauernhof gab es genügend, und auch am Dorfskilift, den meine Eltern im Winter betrieben, waren wir Kinder früh immer im Einsatz. Es war für viel Bewegung gesorgt und meinen Freiheitsdrang durfte ich in der Kindheit und Jugend voll ausleben: Velo fahren, Turnen, Skifahren, Rennen. Damit wurde auch mein Wettkampfgeist früh geweckt. Strenge Regeln gab es von den Eltern vor allem im Bereich der Ordentlichkeit. Die Jahre als Teenager waren etwas anspruchsvoll, weil Schule, Ausbildung und Sport unter einen Hut passen mussten. Ich hatte dabei aber immer die volle Unterstützung von meinen Eltern und auch meinen Geschwistern.
Sie haben Ihre Karriere als Spitzensportlerin sehr früh – mit 27 Jahren – beendet. Wieso blieben Sie dem Skisport nicht länger treu?
Gegenfrage: Welcher Frau hat man zu jener Zeit zugetraut, auch mit 30 Jahren noch zur Weltspitze zu gehören? Aber ja, ich hätte noch die Weltmeisterschaft 1991 und die Olympischen Winterspiele 1992 anhängen können. Doch eine leise Stimme in mir wurde immer lauter und wollte mir sagen: es gibt ein Leben nach dem Spitzensport!
Hat dieser frühe Rücktritt auch damit zu tun, dass Sie halt auch sehr früh – mit 17 Jahren – im Weltcup debütierten?
Damals sind wir alle sehr jung in den Weltcup gekommen – so auch Erika Hess oder eben Michaela Figini. Wir sind dann in den Rennen gegen die arrivierten Maite Nadig, Doris De Agostini und Hanni Wenzel angetreten. Das hat uns schon Eindruck gemacht.
Ist man mit 17 Jahren überhaupt schon parat für dieses Leben als Topsportlerin?
Ich denke schon. Zwischen 17 und 41 ist leistungsmässig alles möglich, wie aktuell das Beispiel von Lindsey Vonn zeigt.
Was haben Sie aus Ihrer Zeit im Spitzensport für Ihr weiteres Leben gelernt?
Jeden Tag aufs Neue «gwunderig» und dankbar zu sein.
Was ist Ihnen heute wichtiger als früher?
Mein Engagement als Präsidentin der Stiftung Folsäure Schweiz wird auch in Zukunft eine grosse Wichtigkeit haben. Und im Privaten passe ich mich so gut es geht dem Älterwerden an. Ich lerne innezuhalten und auch mal meiner inneren Stimme zu folgen. Diese gibt zwar nur in seltenen Fällen so richtig Ruhe. Sie will mir sagen, dass ich Wichtiges von Unwichtigem trennen soll. Und solange meine Skischuh-Füsse mich noch tragen, möchte ich die Natur geniessen, Familienbande pflegen, meine «Bucket List» abarbeiten und mir auch immer wieder eine Auszeit für meinen unruhigen Geist gönnen. (riz/aargauerzeitung)
