Den Raketen entkommen – so lief die Reise des Irak zu den WM-Playoffs
Am morgigen Mittwoch, 5 Uhr Schweizer Zeit, spielt das irakische Nationalteam um die zweite WM-Teilnahme seiner Geschichte. Schlägt der Irak Bolivien in Monterrey, ist das Land erstmals seit 1986 an einer Fussballweltmeisterschaft dabei und trifft in Gruppe I auf Frankreich, Senegal und Norwegen.
Um die Partie in Mexiko, das nach 40 Jahren erneut WM-Gastgeber ist, überhaupt bestreiten zu können, nahmen viele Spieler grosse Reisestrapazen auf sich. Ein Grossteil des Nationalteams kickt in der heimischen Stars League, viele weitere stehen bei Klubs aus anderen Golfstaaten unter Vertrag. Aufgrund des Kriegs im Iran ist der Luftraum im Nahen Osten eingeschränkt. Der Irak will sich zwar aus dem Krieg heraushalten, doch wurde unter anderem die US-Botschaft in Bagdad vom Iran angegriffen. Ausserdem gab und gibt es Luftangriffe im Norden des Landes, wo die Kurden heimisch sind.
Flugreisen aus dem Irak sind deshalb aktuell nicht möglich. Weil dies die Reise zum wichtigen Playoffspiel für die Spieler sehr umständlich machte und nach dem Beginn des Kriegs im Iran zunächst unklar war, ob diese überhaupt möglich sein würde, beantragte der Verband eine Verschiebung des Spiels. Die FIFA lehnte eine solche jedoch ab.
Deshalb mussten die Nationalspieler, die im Irak unter Vertrag stehen, erst mit dem Bus eine knapp 900 Kilometer lange Busreise nach Amman antreten. Aus der Hauptstadt von Jordanien ging es dann per Charterflugzeug via Lissabon nach Mexiko. Insgesamt drei Tage waren die Spieler unterwegs, um ihren WM-Traum erfüllen zu können.
Schon zuvor hatten sie eine grosse Hürde zu bewältigen, da Mexiko keine Botschaft im Irak unterhält, wo die Spieler ihr Visum hätten beantragen können. Der WM-Gastgeber, der das Turnier gemeinsam mit Kanada und der USA austrägt, vereinfachte für die Fussballer aber das Ausstellen von Einreiseerlaubnissen durch die Landesvertretungen in Katar und Saudi-Arabien.
Seit etwa zehn Tagen sind die Iraker aber in Mexiko, wo sie sich in Ruhe auf das wichtige Playoffspiel vorbereiten können. Dort seien sie sehr freundlich willkommen geheissen worden, wie ein irakischer Journalist gegenüber Arab News berichtete. «Ich habe noch nie erlebt, dass die Menschen die irakischen Fans so herzlich aufgenommen und so unterstützt haben wie in Mexiko», sagte dieser.
Die Trikots seien bei den lokalen Unterstützern gefragt und Kinder würden den Irak in der Stadt mit Gesängen anfeuern. Der offizielle X-Account des irakischen Nationalteams kommuniziert neu auch auf Spanisch. Für die Vertreter ist das Spiel eine Chance, ein neues Bild ihres Landes zu zeigen. Aus aller Welt sind Irakerinnen und Iraker nach Monterrey gereist, um bei der historischen Chance dabei zu sein.
En cada rincón de Monterrey… Irak está presente 🇮🇶✨
— Iraq National Team (@IraqNT_EN) March 28, 2026
Una sola camiseta… una historia de patria 💪
في كل زاوية من مونتيري… العراق موجود 🇮🇶✨
قميص واحد… قصة وطن 💪
In every corner of Monterrey… Iraq is present 🇮🇶✨
One jersey… one story of a nation 💪 pic.twitter.com/1WpOYcy48F
«46 Millionen Menschen zu repräsentieren, ist eine einmalige Erfahrung», sagt Irak-Trainer Graham Arnold. Von den Geschehnissen in ihrem Heimatland versuche der Australier seine Spieler abzuschirmen. «Im Nahen Osten passiert gerade unheimlich viel. Wenn sie sich zu sehr damit beschäftigen, bringt sie das aus der Fassung», glaubt Arnold, der sich sicher ist: «Sie wissen, was sie für ihr Land tun müssen. Die letzten 20 Tage waren sehr schwer für sie, aber jetzt sind sie wieder entspannt.»
Sollte sich der Irak tatsächlich für die WM qualifizieren, könne dies «das Land und die Wahrnehmung von diesem verändern», glaubt Arnold. Und es könnte für Ablenkung in dem kriegsgebeutelten Land sorgen, das sich 15 Jahre nach dem offiziellen Ende des Irakkriegs wieder – oder immer noch – in einer sehr unsicheren Zeit befindet. «Im Irak sind die Menschen besessen von Fussball», sagt Arnold, «es ist der Nationalsport.»
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