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Der Zuerichs Praesident Ancillo Canepa, Mitte, schaut sich nach dem Unterbruch das Spiel mitten unter den Zuercher Fans an im Fussball Meisterschaftsspiel der Super League zwischen dem FC Basel und dem FC Zuerich, im Stadion St. Jakob-Park in Basel, am Sonntag, 30. August 2015. (KEYSTONE/Georgios Kefalas)

Mitten in der Fankurve: FCZ-Präsident Ancillo Canepa hat die Partie gegen den FC Basel wohl vor dem Abbruch bewahrt.  Bild: KEYSTONE

Kommentar

Bravo, Herr Canepa! Sie haben alles richtig gemacht

30'579 Zuschauer standen am Sonntag beim Klassiker zwischen Basel und Zürich kurz davor, für die Verfehlungen einiger Einzeltäter zu büssen. Schiedsrichter Nikolaj Hänni drohte, die Partie wegen Wurfgegenständen abzubrechen. Sascha Ruefer forderte bei SRF bereits Sippenhaft. Dann kam Ancillo Canepa und rettete den Tag.



Die Messer waren gewetzt. Ein befreundeter Boulevardjournalist hatte mir vor der Partie zwischen Basel und Zürich eine Wette angeboten: Es werde im und um das Stadion garantiert «räbeln», meinte er. Ich lehnte die Offerte ab. Nicht aus moralischen Gründen, sondern weil mir das Investment einfach nicht sehr erfolgsversprechend erschien. 

Denn 140 Tage nach der Aufregung um die Fackelwürfe beim vorletzten Aufeinandertreffen der beiden Erzrivalen war wieder einmal gewaltig Feuer im Dach. FCZ-Anhänger hatten Tage vor der Partie einen Schelmen-Coup gelandet und rund um den St.Jakob-Park mehrere FCB-Kunstwerke übermalt. Ein Affront für die Basler Fan-Szene, der andernorts bereits martialisch zum «Graffiti-Krieg» hochstilisiert wurde. 

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Beschmutztes Revier: Vertreter der Südkurve haben FCB-Graffiti rund um das Stadion übersprayt. bild: facebook/basler bote

Und wie es so ist im Krieg: Vergeltungsmassnahmen sind nicht ausgeschlossen. Mit einer ähnlichen Aktion, damals ging es um eine «entführte» Fahne, nahm 2011 das schwarze Zürcher Derby seinen Lauf. Wer kein Freund der überhitzten Diskussionen nach derartigen Zwischenfällen ist, musste bereits das Schlimmste befürchten.

Keine Vergeltung, trotzdem Puff

Und dann tat die Muttenzerkurve wieder einmal exakt das Gegenteil dessen, was von ihr erwartet wurde. Will heissen: Nichts. Gemütlich standen die FCB-Anhänger am Sonntagnachmittag in der Sonne und feuerten friedlich ihre Mannschaft an.

Stattdessen waren einzelne Zürcher Fans auf Krawall gebürstet. Als Matias Delgado in der 35. Minute einen Eckball treten wollte, prasselten aus dem Gästesektor mehrere Feuerzeuge und mindestens eine Schnapsflasche rund um ihn auf den Rasen. 

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Schnapsidee: Einzelne Fans bewerfen Matias Delgado mit Gegenständen. gif: srf

Ein Treffer wurde nicht vermeldet, doch Schiedsrichter Nikolaj Hänni ist kein Mann, der sich die Chance auf einen dramatischen Auftritt entgehen lässt. Im Stile eines Kevin Costners zu seinen besten Zeiten als «Bodyguard» brachte er den FCB-Captain in Sicherheit und verordnete eine Trinkpause. Als Delgado zwei Minuten später den nächsten Anlauf wagte, wiederholte sich die Szene. Hänni unterbrach das Spiel erneut und schickte die Teams in die Kabine. 

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Matias Delgado winkt ab und will den Eckball endlich treten, doch Schiedsrichter Hänni hat genug gesehen. gif: srf

Nef stapelt tief, Ruefer übersäuert

«Da muss man nicht gleich unterbrechen.»

Alain Nef

War das wirklich nötig? Die Geister scheiden sich. FCZ-Haudegen Alain Nef markierte nach Spielschluss den harten Hund: «Sorry, das ist Basel gegen Zürich. Da weisst du doch, dass etwas fliegen wird. Da muss man nicht gleich unterbrechen. Das provoziert nur noch mehr. Hänni ist ein Selbstdarsteller.» Eigentlich eine erfrischende Aussage in Zeiten der weichgespülten Nonsens-Statements, mit denen uns mediengeschulte Fussballer Woche für Woche den Kopf verstopfen. Doch was wäre gewesen, wenn besagte Schnapsflasche Matias Delgado eben nicht verfehlt, sondern getroffen und verletzt hätte? Kann man die Schiedsrichter-Sanktion wirklich davon abhängig machen, wie gut oder schlecht ein promillegetränkter Werfer sein Ziel anvisiert?

30.08.2015; Basel; Fussball Super League -  FC Basel - FC Zuerich; Ivan Kecojevic (Zuerich), Franck Etoundi (Zuerich) und Alain Nef (Zuerich) gegen Breel Embolo (Basel)  (Daniela Frutiger/freshfocus)

Für FCZ-Verteidiger Alain Nef gehört Härte zum Klassiker einfach dazu. Bild: Daniela Frutiger/freshfocus

«Auch wenn du damit 99 Prozent strafst, die eigentlich normal sind. Aber das musst du dir wirklich einmal ernsthaft überlegen.»

SRF-Mann Sascha Ruefer will die Gästefans aussperren

Ins andere Extrem verfiel SRF-Kommentator Sascha Ruefer. Der benötigte handgestoppt nur läppische 30 Sekunden, um sich nach dem Zwischenfall zu einem wirklich haarsträubenden Statement hinreissen zu lassen: «Ich verstehe auch die Überlegung, dass man sagt, du lässt die Gästefans ganz draussen. Auch wenn du damit 99 Prozent strafst, die eigentlich normal sind. Aber das musst du dir wirklich einmal ernsthaft überlegen.» Ja, Sippenhaft gegen Unschuldige, hervorragende Idee! Haben sich in dunklen Phasen der Geschichte auch schon Andere gedacht.

Canepa rettet den Tag

FCZ-Präsident Ancillo Canepa ging aus dieser Krisensituation als einziger Gewinner hervor. Mit einer beeindruckenden Gemütsruhe schlenderte er während des Unterbruches zur Kurve und bedeutete dem Sicherheitsdienst, ihm Einlass zu gewähren. Im Gespräch mit Capo, Fanarbeiter und bierseelig schwankenden Jugendlichen deeskalierte der FCZ-Zampano die Situation höchstpersönlich und wurde dafür beim 1:1-Ausgleich mit echten Emotionen inmitten seines Fussvolks belohnt. Die Fans verhielten sich nun vorbildlich. Die Punkte gingen Canepas Mannschaft danach zwar trotzdem verloren, doch immerhin hat er die Partie wohl vor dem Abbruch bewahrt.

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Mittendrin statt nur dabei. Ancillo Canepa erlebt den FCZ-Ausgleich in der Kurve. gif: srf

Mit seiner Aktion hat der FCZ-Präsident drei Dinge bewiesen. Erstens: Mut. Zwar sollte man einen Besuch in der Kurve nicht zu einem lebensgefährlichen Akt hochjazzen, doch das Verhältnis zwischen Canepa und Teilen der Fans ist traditionell stark belastet. Dass sich der körperlich hoffnungslos unterlegene Mann trotzdem mitten in den Pulk begibt, um Schaden von seinem Klub abzuwenden, ist ihm hoch anzurechnen. 

Zweitens: Lernfähigkeit: Noch am 12. April hatte Canepa den Gang in die Kurve kategorisch ausgeschlossen. Damals, als Fackeln auf den Joggeli-Rasen flogen, hatte er einen solchen Vorschlag mit folgenden Worten quittiert: «Was soll ich dort? Die besoffenen Idioten hören mir eh nicht zu.» Nun regt er sich noch immer fürchterlich über die Einzeltäter auf und wird die unweigerlich folgende Busse nur mit der Faust im Sack bezahlen – doch er ist nun bereit dazu, sich dem Dialog mit den Fans zu stellen. 

25.04.2015; Aarau; Fussball Super League - FC Aarau - FC Zuerich ; Ancillo Canepa (Zuerich) spricht mit der Polizei wegen den FCZ Fans auf dem Parklpatz vor dem Stadion Bruegglifeld (Daniela Frutiger/freshfocus)

Bereits beim Polizeieinsatz in Aarau hat sich Ancillo Canepa im Frühling dialogbereit gezeigt. Bild: Daniela Frutiger/freshfocus

Drittens: Eben dieser Dialog scheint weiterhin der Königsweg im Umgang mit der durch Einzelpersonen verursachten Fanproblematik zu sein. Die SFL hat ihre Schiedsrichter als harte Erziehungsmassnahme dazu angehalten, das Spiel bei der kleinsten Störung zu unter- und im Wiederholungsfall sogar abzubrechen. Wie sehr diese Taktik die Stimmung in kritischen Situationen weiter aufheizt, liess sich gestern zwischen Delgados erstem und zweiten Eckballversuch hervorragend beobachten. Nicht auszudenken, was ohne Canepas Eingreifen rund um den St.Jakob-Park los gewesen wäre, hätte man die Partie tatsächlich abgebrochen. Falls mein Boulevard-Kollege noch einen Wettpartner gefunden hat, wäre ihm der Hunderter wohl sicher gewesen.

Deshalb: Bravo, Herr Canepa! Sie haben alles richtig gemacht.

Zürcher Reizfiguren beim FC Basel

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