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Island oder Frankreich: Mein Dilemma an der EM 2016

Island oder Frankreich? Für mich eine sehr schwere Entscheidung.
Island oder Frankreich? Für mich eine sehr schwere Entscheidung.
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«HUH» oder «Allez, les Bleus»? Mein Dilemma zwischen Underdog und Gastgeber

In den bisherigen Viertelfinals waren meine Sympathien klar auf einer Seite. Doch im Spiel Frankreich gegen Island kann ich mich irgendwie nicht für ein Team entscheiden – mache es aber am Ende doch. 
03.07.2016, 17:4804.07.2016, 16:02
Janick Wetterwald
Janick Wetterwald
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Heute Abend um 21 Uhr in Saint Denis, nur einen Katzensprung nördlich von der französischen Hauptstadt Paris, kommt es im Stade de France zum letzten Duell um einen Platz unter den besten vier Mannschaften in Europa. Frankreich gegen Island, Gastgeber gegen EM-Neuling, Stars gegen Nobodys. Und ich? Mit welchem Team soll ich heute Abend mitfiebern?

Dieses Duell spaltet heute Abende mein Fussballherz: Frankreich gegen Island.
Dieses Duell spaltet heute Abende mein Fussballherz: Frankreich gegen Island.twitter

Eine Frage, die sich mir in den bisherigen Viertelfinal-Duellen nicht stellte:

  • Am Donnerstag beim Spiel Portugal gegen Polen galt meine Unterstützung den Portugiesen. Und das, obwohl ich überhaupt kein Fan von Cristiano Ronaldo bin. Aber ich mag Quaresma und Moutinho. Und die Polen? Die sind doof, weil sie die Schweiz rausgeworfen haben. :(
  • Im zweiten Viertelfinal hoffte ich auf einen Sieg der Teufel gegen die Drachen – doch die Hoffnung, dass Belgien im Turnier bleibt, wurde von tapferen Walisern zerstört. Tja!
  • Und im Knüller zwischen Deutschland und Italien? Ich hätte es den «Azzurri» von Herzen gegönnt, auch weil ich keine Lust auf die überheblichen Sprüche nach einem Titel von Deutschland habe. Doch der Weltmeister hat sich durchgesetzt. Aber zum Europameister-Triumph sind es zum Glück noch zwei Spiele.

Jetzt aber zurück zu meinem Dilemma: Frankreich oder Island? Bereits bevor das Turnier begonnen hatte, waren meine Sympathien bei den Franzosen – so habe ich den Gastgeber dann auch als Europameister getippt: 

Wer wird Europameister?

«Frankreich schafft den Coup an der Heim-EM. Nach der lockeren Gruppenphase werden Les Bleus vom Publikum zum Titel getragen – dies auch, weil die beiden Hauptkonkurrenten Deutschland und Spanien patzen.»
Mein Statement vor Beginn der EM

Es kam zum Eröffnungsspiel und das Siegestor von Dimitri Payet versetzte mich ein erstes Mal an dieser EM in Ekstase. Ich hatte danach das Gefühl, dieses Tor war für Frankreich noch der letzte Kick auf dem Weg zum Titel. Im weiteren Turnierverlauf imponierte mir die Art und Weise, wie «Les Bleus» dem Druck einer stolzen Nation immer wieder entgegen hielten. Nicht mit viel Glanz, aber mit einer Menge Leidenschaft. Eine neue, junge Generation hat den Traum, ein ganzes Land zu verzücken.

Merci, Dimitri!

Payet schiesst Frankreich in Extremis zum Sieg im Eröffnungsspiel gegen Rumänien.
streamable

Und die Isländer? Ich gebe zu, so wirklich auf dem Schirm hatte ich diese Truppe nicht. Doch dann waren sie plötzlich da und lieferten gegen Österreich ein Beispiel für Wille und Mannschaftsgeist ab. Während unsere hochgehandelten Nachbarn fast schon lustlos und gehemmt auftraten, warfen die Isländer alles in die Waagschale. Es machte einfach Freude, diesen tapferen Wikingern zuzuschauen. Die Partie endete mit einem der schönsten Momente an dieser EM: Der Mann mit dem klingenden Namen Arnór Ingvi Traustason schloss in der Nachspielzeit einen isländischen Konter zum 2:1-Sieg ab. Die Videos dazu kennst du wohl schon. Was, nicht? Also gut:

Die Fans in Reykjavik.
streamable

Aus den Fesseln gelöst

Frankreich bekam es im Achtelfinal mit Irland zu tun. Die «grüne Insel» war euphorisiert und nach einem frühen Vorsprung gegen die «Les Bleus» wohl im siebten Himmel. Der Favorit liess sich aber nicht aus der Ruhe bringen, überzeugte in der zweiten Halbzeit und zog den Iren den Zahn. Antoine Griezmann war mit seinen zwei Toren der Mann des Spiels und peilt die Torjägerkrone an.

Antoine Griezmann schoss Frankreich mit zwei Toren im Viertelfinal eine Runde weiter.
Antoine Griezmann schoss Frankreich mit zwei Toren im Viertelfinal eine Runde weiter.
Bild: SERGEY DOLZHENKO/EPA/KEYSTONE

Ich war beeindruckt, wie sich die Mannschaft unter diesem Druck aus den Fesseln des Underdogs löste und den nächsten Schritt zum heimischen Titelgewinn machte – «Allez, les Bleus!».

Der Vulkan explodiert 

Das gleiche passierte einen Tag später, aber aus der Sicht des Aussenseiters. Island steckte den frühen Rückschlag im Achtelfinal gegen England weg, als hätte ein gewisser Wayne Rooney nur noch etwas Schwarzpulver in den brodelnden Vulkan geworfen. Es folgte die Explosion und der ganz grosse Schock für das Mutterland des Fussballs. Weiter Einwurf, per Kopf weitergeleitet und den Ball über die Linie gedrückt – 1:1. Die englische Abwehr mit schnell Pässen ausgespielt, aus 16 Meter einfach mal draufgehalten und die Bahnschranke Joe Hart war ein zweites Mal bezwungen. Island steht im Viertelfinalson – «HUH!».

Island feiert den Sieg gegen England im EM-Viertelfinal.
Island feiert den Sieg gegen England im EM-Viertelfinal.Bild: SEBASTIEN NOGIER/EPA/KEYSTONE

Die erste richtig grosse Sensation an dieser EM war Tatsache. Ein ganzes Land auf den Beinen und in einer Dauereuphorie – und ich fühlte mich mittendrin. Ich machte aus meinem Namen einen isländischen, wollte mehr wissen über diese No-Names und las jede mir zugeflogene Geschichte über dieses Wunder.

Tschauson, Island!

Ach, ich wünschte es könnten beide Mannschaften im Turnier bleiben, aber eine EM ist kein Wunschkonzert. Darum habe ich mich entschieden: Ich drücke den Franzosen die Daumen.

Heute werde ich für Frankreich trommeln.
Heute werde ich für Frankreich trommeln.
Bild: WOLFGANG RATTAY/REUTERS

Die Isländer haben ihr Märchen auch ohne einen Sieg im Viertelfinal geschrieben und einen Platz irgendwo in meinem Fussballherz eingenommen. Zudem will ich nicht, dass die Wikinger im Halbfinal von Deutschland zerzaust werden, sondern dass Frankreich den Weltmeister im Halbfinal aus dem Turnier wirft und am 10. Juli zum finalen Schlag ausholen kann. 

In diesem Sinne: «Allez, les Bleus!» und «Tschauson Island».

Wer gewinnt den EM-Viertelfinal zwischen Frankreich und Island?

Dafür feiern wir in dieser Bildstrecke die isländischen EM-Helden ;)

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Die isländischen Helden und ihre abenteuerlichen Wege
Hannes Halldorsson (32-jährig, Klub Nijmegen/NED): Bis 2005 noch Hobby-Goalie und 105 kg schwer, bis vor zwei Jahren überaus kreativer Filmregisseur. Fertigte 2012 den Videoclip zu Islands Beitrag am Eurovision Song Contest. Ein Jahr später als Familienvater, Fussball- und Videoprofi am Rande eines Burnouts. «Meine Geschichten haben immer nach langem Anlauf einen kurzen Stopp nach zwei Dritteln. Dann geht es weiter», sagte er vor der EM. ... Mehr lesen
quelle: epa/epa / georgi licovski
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17 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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äti
03.07.2016 18:45registriert Februar 2016
Der Final steht längst glasklar fest: Wales : Island. Was denn sonst!
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FatPixie
03.07.2016 19:50registriert Mai 2016
Du sprichst mir aus der Seele!
Warum nur mögen plötzlich alle die Deutschen? Ein EM-Sieg würde zwangsläufig eine weitere musikalische Schweinerei wie "Ein Hoch auf Uns" hervorbringen. Das halt ich nicht aus. Allez les bleus!
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Matthiah Süppi
03.07.2016 19:34registriert Mai 2015
👏🏼HUH! 👏🏼HUH! 👏🏼HUH! 👏🏼HUH! 👏🏼HUH! 👏🏼HUH!👏🏼HUH!
🇮🇸🇮🇸🇮🇸🇮🇸🇮🇸🇮🇸🇮🇸🇮🇸🇮🇸🇮🇸🇮🇸🇮🇸🇮🇸
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Wegen dieser 13 (künftigen) Stars lohnt es sich, selbst bei Olympia Fussball zu schauen
Die EM ist vorbei, aber auch an den Olympischen Spielen wird auf hohem Niveau Fussball gespielt. Während bei den Männern vor allem jüngere Spieler begeistern wollen, wartet das Turnier der Frauen mit den ganz grossen Namen auf.

Bei Olympischen Spielen steht Fussball eher im Hintergrund. Die Superstars sind da ja schliesslich auch nur selten dabei. Wenig überraschend freut sich auch die watson-Redaktion viel mehr auf andere Sportarten, dem Fussball gehört ja schliesslich schon der Rest des Jahres, weshalb sollte man also auch bei Olympia dem Spiel auf dem grünen Rasen frönen?

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