«DiDo» oder Anmerkungen zu einem Tessiner Derby gegen alle Erwartungen
Jussi Tapola dürfen wir als «Herr der Schablone» bezeichnen. Namen sind für ihn nur aufs Dress genähte Buchstaben. Und er lehrt Hockey so, wie wir es von einem Trainer aus dem Land, aus dem die besten Defensivsysteme der Welt kommen, erwarten: Effizient, schnörkellos, diszipliniert, durchorganisiert. Nichts für eigenwillige Schillerfalter. Und so warnt die NZZ in einer klugen Analyse über die Ankunft von Jussi Tapola in Ambri:
Wer also gute Unterhaltung mag, macht sich auf den Weg durch das mächtige Massiv der Alpen nach Ambri.
Und nun also Lugano mit der schwedischen Kommando-Doppelspitze Tomas Mitell und Stefan Hedlund gegen Ambris finnisches Trio mit Bandengeneral Jussi Tapola und seinen beiden finnischen Stabschefs Pasi Puistola und Saku Martikainen. Fünf Herren der Schablonen beim Tessiner Derby. Ja, die NZZ hatte schon recht: Einer wie Chris DiDomenico muss sich warm anziehen. Und das Herz eines Fans, der Spektakel statt System mag, wird sich kaum erwärmen.
Das Resultat lässt in der Tat viel finnisch-schwedisches Schlafhockey vermuten: Ambri gewinnt 3:2. Nur fünf Tore. Doch es ist ganz anders: Dieses Derby, ohnehin vom Verlauf her hoch dramatisch, ist eine Verspottung aller Klischees über skandinavische Schablonen-Trainer und Jussi Tapola.
Das Derby wird von einem Mann geprägt, der keine Systeme mag und dem nachgesagt wird, er spiele nach Gutdünken. Also einem, der eigentlich zu Jussi Tapola passt wie Robert Habeck als Redaktionssekretär in Roger Köppels Weltwoche-Redaktion.
Ohne Chris DiDomenico hätte Ambri womöglich mit 0:1 verloren, dem Traumresultat aller finnischen Trainer. Der Kanadier erahnt schlau einen Fehlpass, sticht hinein und orchestriert den Konter am Ende von Luganos Powerplay, den Miles Müller mit dem 1:0 krönt. Hockey mit der Genauigkeit höherer Geometrie.
Später klopft er energisch mit dem Stock aufs Eis. Er will den Puck, bekommt ihn und schiesst ihn präzis wie ein Laserstrahl zum 2:1 unhaltbar ins Netz.
Die Krönung des Abends und der Verspottung aller Klischees: Lugano ersetzt Torhüter Niklas Schlegel früh – 2:57 Minuten vor dem Ende – durch einen sechsten Feldspieler. Jetzt wartet höchste defensive Not auf Ambri. Zum Einsatz kommt nur noch, wer ein defensives Gewissen hat, wer sich bedingungslos in den Dienst des Kollektivs stellt. Jetzt ist kein Platz für eigenwillige, egoistische Schillerfalter.
Jussi Tapola schickt Chris DiDomenico aufs Eis. Ausgerechnet. Und was passiert? Der Kanadier erkämpft sich den Puck, spielt ihn wunderbar weich in den Lauf von Alex Formenton. 3:1, die Entscheidung. Alle drei Treffer Ambris werden an diesem Abend des skandinavischen Systemhockeys auf das Konto des taktischen Nonkonformisten aus Kanada gebucht. «DiDo» echot es tausendfach von den Rängen bevor mit «La Montanara» dem ewigen Mythos Ambri gehuldigt wird und dazu passend von den Fans ein riesiges Plakat eines Schweines mit Lugano-Halstuch hochgehalten wird.
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Ambris Triumph ist eine gelungene Mischung aus finnischer Disziplin und kanadischer Anarchie. Und ein Triumph des taktischen Ungehorsams. Grosse Trainer wie Jussi Tapola beherrschen eben auch die Kunst, einen Schillerfalter fliegen zu lassen.
Einen besseren Einstand für einen neuen Trainer könnte Hollywood nicht inszenieren. Wie jeder kluge Trainer stellt Jussi Tapola sein Licht unter den Scheffel. Freundlich und bescheiden macht er seine Rolle klein. Er habe vor dem Spiel noch gar kein Eistraining mit dem Team machen können. Er sei ja erst am Mittwoch in der Leventina angekommen. Bloss zwei kurze Sitzungen und das Aufwärmen am Vormittag. Da sei es nicht möglich, viel zu verändern. Das sei auch nicht nötig gewesen. Das System der Mannschaft funktioniere. Ein schönes Kompliment an seine Vorgänger Eric Landry und René Matte.
Jussi Tapola hat das entscheidende Telefon am Dienstag bekommen. Von seinem Agenten. «Ich habe nie mit Klubs verhandelt. Ich wollte nicht, dass es ständig Gerüchte über einen möglichen neuen Klub gibt. Ich habe meinem Agenten gesagt, er solle mich erst anrufen, wenn es ein ganz konkretes Angebot gebe.» Gleich Dienstag hat Ambri kurz vor Mitternacht die Verpflichtung von Jussi Tapola gemeldet.
Eine Frage darf natürlich nicht fehlen. Eine Frage zu Chris DiDomenico, dem Star des Abends. Jussi Tapola hat ihm 20:29 Minuten Eiszeit gewährt. Mehr als seine Vorgänger Eric Landry und René Matte unter deren Kommando der Schillerfalter angeblich machen konnte, was er wollte. Die beiden Kanadier hatten ihm im letzten Spiel gegen die ZSC Lions nur 18:38 Minuten zugestanden.
Jussi Tapolas ausführliches Lob, kurz zusammengefasst: Chris DiDomenico sei einer der Leader dieses Teams und deshalb habe er ihn in den entscheidenden Momenten aufs Eis geschickt. Und ja, sein Topskorer könne auch defensive Verantwortung übernehmen.
Weil es im Tessiner Hockey im Allgemeinen und nach einem Derby im Besonderen nicht ohne Polemik geht, wird Jussi Tapola gefragt: «Empfehlen Sie Ambri, den Vertrag mit Chris DiDomenico zu verlängern?» Und im Hintergrund verdreht Ambris kluger Kommunikationschef Matteo Parisi die Augen. Als wolle er sagen: «Um Gottes Willen, nicht schon wieder dieses Thema.»
Jussi Tapola ist ein grosser Trainer. Er lässt sich nicht aufs Glatteis führen und sagt: «Es ist nicht an mir, solche Ratschläge zu erteilen.»
Hätte SCB-General Marc Lüthi diese Worte gehört, hätte auch er die Augen verdreht: Der SCB hatte Jussi Tapola alle Transferwünsche erfüllt.
Und Chris DiDomenico murmelt, freundlich und maulfaul, wie er eben ist, über die Aussichten unter dem neuen Trainer, sein kurzes «Will see».
