Braucht es wirklich Titel, um eine Legende zu sein?
Am Donnerstagabend ist die Karriere von Julien Sprunger zu Ende gegangen – und wie! Er gewann Spiel 7 im Playoff-Final gegen Davos und schaffte damit das Märchen, im allerletzten Spiel als Profi seinen ersten Meistertitel zu gewinnen. Die Freiburger gewannen dramatisch in der Verlängerung – eine Frage von Zentimetern. Denn wenige Minuten zuvor, noch in der regulären Spielzeit, hat Davos aus bester Abschlussposition nur die Latte getroffen.
Sprunger beendet seine Karriere so himmelhoch jauchzend statt zu Tode betrübt. Er ist jetzt doch «vollendet». Doch ist das wirklich die richtige Art und Weise, Spieler zu beurteilen? Oder kann man auch ohne Titel eine Legende sein?
Bei Einzelsportlern wie Tennisspielern oder Skifahrern ist der Fall klar: Man definiert sich nur über den Erfolg und ohne grosse Siege oder Titel ist man keine Legende. Bei Teamsportlern ist die Ausgangslage allerdings eine andere – insbesondere im Eishockey.
In dieser Sportart haben Einzelspieler (ausser vielleicht die Goalies) einen deutlich geringeren Einfluss als beispielsweise im Basketball oder auch im Fussball. In keiner anderen Mannschaftssportart spielt das Glück eine grössere Rolle als im Hockey. Mannschaftssportler sind ganz anderen Faktoren ausgeliefert. Ist das Management fähig, eine konkurrenzfähige Mannschaft zusammenzustellen? Ist der Torhüter in den Playoffs in Form oder nicht? Machen Verletzungen einen Strich durch die Titelaspirationen?
Darum ist es falsch, gerade eine Eishockeykarriere nur über Titel zu definieren. Sind Spieler wie Joe Thornton, Jarome Iginla oder Henrik Lundqvist weniger eine Legende, nur weil sie nie den Stanley Cup gewonnen haben? Ist Damien Brunners Vermächtnis wirklich so viel kleiner, nur weil er nicht Schweizer Meister wurde? Ich finde: nein.
Denn es muss zwingend auch der Kontext der jeweiligen Klubs in Betracht gezogen werden. Die Chance, dass Melvin Nyffeler mit den Rapperswil-Jona Lakers je Schweizer Meister wird, ist aufgrund der finanziellen Differenzen in der National League gering. Trotzdem wird der Goalie, wenn seine Karriere irgendwann mal endet, bei den St.Gallern mit über zehn Jahren Klubtreue als Legende verabschiedet werden.
Legenden definieren sich auch über andere Aspekte. Natürlich gehört auch Erfolg – beispielsweise in Form von Toren und Assists – dazu. Aber auch Langlebigkeit oder Einsatz und Leidenschaft für den Sport oder den Klub sind wichtig. Und gerade in dieser Sparte macht einem Julien Sprunger niemand etwas vor. 24 Saisons spielte er für die erste Mannschaft von Fribourg-Gottéron. In 1186 Spielen schoss er 414 Tore und gab 414 Assists. Der Stürmer war Leader und zwölf Jahre lang Captain. Er lebte Gottéron. Er ist Gottéron.
Ein Spieler von Julien Sprungers Format ist eine Legende. Das wäre er auch gewesen, wenn sich das Titelmärchen am Donnerstag in Davos nicht noch vollendet hätte.
