Im vergangenen Jahr an den Heim-Europameisterschaften in Zürich war Selina Büchel in den Halbfinals ausgeschieden, womit sie ihr grosses Ziel verpasste. Das soll ihr in Peking nicht noch einmal passieren – obwohl die Konkurrenz deutlich grösser ist. Die Athletin des KTV Bütschwil hat jedenfalls in dieser Saison immense Fortschritte gemacht. In Paris verbesserte sie mit 1:57,95 Minuten den 28 Jahre alten Schweizer Rekord von Sandra Gasser um 95 Hundertstel und lief damit mitten in die Weltspitze.
Nur drei Athletinnen waren in diesem Jahr schneller als Selina Büchel. Eine davon, die Amerikanerin Ajee Wilson, fehlt an der WM wegen einer Verletzung. Somit ist Büchel in der Meldeliste die Nummer 3. Von einer Medaille zu träumen ist natürlich erlaubt, es wäre jedoch vermessen, von ihr einen Podestplatz zu verlangen. Es darf nicht vergessen werden, dass Büchel erstmals an Freiluft-Weltmeisterschaften teilnimmt und diese nicht mit einer EM zu vergleichen sind.
Die Raumplanungszeichnerin hat jedoch schon mehrmals bewiesen, dass sie an grossen Aufgaben wächst. Im vergangenen Jahr belegte sie an der Hallen-WM in Sopot Rang 4, heuer holte sie an der Hallen-EM in Prag den Titel. Nun will sie auch im Freien erstmals ganz vorne mitmischen.
Ihren ersten Auftritt hat sie in der Nacht auf morgen. «Das Niveau ist hoch, es hat viele Athletinnen, die unter zwei Minuten laufen können. Es braucht eine gute Leistung, um nur schon die Halbfinals zu erreichen», sagte Büchel, «aber ich freue mich auf die Herausforderung.» Gut vorbereitet wird die Ostschweizerin auf jeden Fall sein, gerade Grossanlässe geht sie sehr akribisch an. Sie verfügt auch über ein gutes taktisches Gespür. Ihre grösste Stärke ist für Trainer Urs Göldi aber «die Kampfkraft, die sie auf den letzten Metern hat.»
Nach dem intensiven Wettkampfblock im Juli mit fünf Wettkämpfen in drei Wochen machte Büchel zu Hause noch einen dreiwöchigen Trainingsblock, der ideal verlief. In Peking hat sie sich gut eingelebt, sie hatte sich die Hitze und Luftfeuchtigkeit schlimmer vorgestellt.
Allerdings übertrat sie sich letzte Woche den Fuss und überdehnte die Bänder. Am Sonntag joggte sie aber bereits wieder. Dass sie zwei Tage pausieren musste, sieht sie gar positiv: «Ich bin so erholt wie noch nie vor einem Grossanlass. Ich bin fit und der Fuss tut nicht mehr weh.» Besser könnten die Voraussetzungen für die erste Schweizer Top-8-Klassierung an einer WM seit 2007 nicht sein. (ram/si)