«Thun kann sich nur noch selbst schlagen» – Aufsteiger dem Meisterpokal nahe
Tore in letzter Minute rufen oft ganz grosse Emotionen hervor. Am Donnerstag in Thun ist das jedoch nicht der Fall. Zwar rettet Christian Witzig mit seinem Treffer, der unmittelbar nach Ablauf der vierminütigen Nachspielzeit fällt, den St.Gallern auswärts einen Punkt. Doch auch dem Torschützen ist klar, dass das insgesamt zu wenig ist. «Unser Ziel war es, hier zu gewinnen und die Thuner ein bisschen ins Wanken zu bringen. Ein Unentschieden reicht dafür nicht.»
Mit einem Sieg hätte der Rückstand auf Thun noch elf Punkte betragen. Das wäre weiterhin eine grosse Hypothek gewesen, doch die Hoffnung wäre geblieben.
Psychologie im Fussball
Nun müssen aber selbst die grössten Optimisten in der Ostschweiz einräumen, dass der Abstand auf die Berner Oberländer zu gross ist, um noch vom Meistertitel zu träumen. Im Kampf um Platz 1 sei «praktisch alles klar», sagt Witzig. Auch Trainer Enrico Maassen pflichtet bei: «Thun kann sich nur noch selbst schlagen.»
51 Punkte hat St.Gallen in den bisher 28 Runden gesammelt. Mit dieser Ausbeute hätte das Team zum gleichen Zeitpunkt in der vergangenen Saison auf Platz 1 gestanden – fünf Punkte vor dem späteren Meister FC Basel. «Bitter», sagt Captain Lukas Görtler dazu. «Ausgerechnet in dieser Saison gibt es eine Mannschaft, die noch einmal deutlich besser abschneidet.»
Was den FC Thun genau so stark macht, sei allerdings schwierig zu sagen, meint der 31-Jährige. Sicher ist er sich nur in einem Punkt: «Da ist viel Psychologie dabei.» Die Füsse seien im Fussball eben nicht alles, der Kopf sei genauso wichtig, wenn nicht sogar wichtiger. Nur so lasse sich erklären, dass die Thuner nach der ersten Halbzeit, in der St.Gallen klar die Oberhand hatte, so stark in die Partie zurückgefunden hätten. «Sie brauchen nur ein Erfolgserlebnis und spielen danach mit Überzeugung ohne Ende.»
Thuner Durchsetzungskraft
Tatsächlich scheint es, als würden die Thuner ihre Erfolge immer wieder mit purem Willen erzwingen. Die Berner Oberländer brillieren nicht in erster Linie spielerisch, sondern greifen auch gerne auf das Mittel des langen Balles zurück, um in die Angriffszone zu gelangen. Dort braucht es dann die nötige Durchsetzungskraft. Auch gegen St.Gallen fallen die Tore nach einem langen Einwurf, der zu einem Penalty führt, und nach einem Corner.
Das Comeback des «Kick and Rush» nannte es Luzerns Trainer Mario Frick am vergangenen Wochenende. Es ist ein ähnliches Rezept, wie es auch die St.Galler verfolgen. Nur hätten es die Thuner perfektioniert, so Görtler. «Und der Erfolg gibt ihnen recht. Sie stehen verdient zuoberst.»
Trost im Cup?
Während der Abstand nach vorne gleich geblieben ist, hat sich jener auf die Teams dahinter verringert. Die ersten Verfolger Lugano, Basel und YB haben ihre Partien gewonnen. Der FCB ist am Sonntag auch der nächste Gegner der Ostschweizer. Für St.Gallen gilt es daher vor allem, ihren Europacup-Platz zu verteidigen.
In der nächsten Saison europäisch spielen die St.Galler, wenn sie in der Liga die Top 3 erreichen. Oder wenn sie erstmals seit 1969 und erst zum zweiten Mal überhaupt den Cup gewinnen. Dann würden sie sogar in der Qualifikation für die Europa League starten; bei Platz 2 oder 3 in der Liga wäre es lediglich die Conference League.
Der Cupsieg dürfte nun höchste Priorität geniessen. Denn mit Yverdon (Mitte April St.Gallens Halbfinalgegner), Stade Lausanne-Ouchy und den Grasshoppers sind noch drei Gegner im Wettbewerb, die durchaus schlagbar sind. «Für mich persönlich würde sich nicht viel ändern, wenn ich mich Cupsieger nennen könnte», sagt Görtler. «Aber ich hätte unglaublich Lust darauf, unseren Fans den Sieg zu schenken.» Es wäre der Trost für die nun wohl definitiv verpasste Chance in der Meisterschaft. (ram/sda)
