Nach einigen Rückschlägen Weltrekordhalter: So gross ist die Freude bei Ehammers Familie
Die Ehefrau
Dieser Erfolg sei besonders schwierig in Worte zu fassen, sagt Tatjana Ehammer. Sie, die Ehefrau, wird immer wieder emotional. Und immer wieder fliessen Tränen. «Unfassbar», sagt sie zu den 6670 Punkten, zum Weltrekord und zur WM-Goldmedaille. Aber die ehemalige Skicrosserin und Hammerwerferin sagt auch, wofür sie einen Grossteil beigetragen hat: die Schwingungen, das Klima, die Unterstützung. Vor Ort in Torun war das der Fall – wie so vielerorts. Nur gab es diesmal ein Problem. Für den Samstagabend mit dem abschliessenden 1000-m-Lauf gab es schon seit November keine Tickets mehr für die achtköpfige Gruppe der Ehammer-Familie.
«Wir versuchten vor Ort alles, auch weil wir wissen, wie wichtig Simon der familiäre Support während des Wettkampfs ist.» Über die Medien ging die Familie, über Swiss-Athletics-Präsident Christoph Seiler und schliesslich über World-Athletics-CEO Sebastian Coe. Und es klappte. Nach «harter Arbeit» war die lautstarke Crew bei der entscheidenden letzten Disziplin am Ort des Geschehens – und erlebte einen denkwürdigen Schweizer Sportmoment.
Der Entdecker
Nicht vor Ort fieberte Beat Schluep mit, der «Entdecker des Riesentalents Simon Ehammer» und Erstförderer im TV Herisau. Er kann sich noch gut erinnern, wie ihm als Mitorganisator und Speaker am UBS Kids Cup der damals 12-Jährige imponierte. Danach lotste er den Buben von der Jugi Stein zum TV Herisau. «Dort hinkte Simon anfänglich etwas hinterher», wie sich Schluep erinnert. Doch das änderte sich rasch. Als «aufgestellt, ambitioniert, strahlend und immer voll bereit» hat der Trainer den jugendlichen Simon Ehammer in Erinnerung.
Auch nach dem Wechsel an die Sportschule Appenzellerland trug Schluep die Hauptverantwortung. Er sorgte zum Beispiel dafür, dass im Wochenrhythmus neue Stäbe à je 1000 Franken bereitstanden. Der Grund: Simon Ehammer sprang schnell immer höher und benötigte so härtere Ausführungen. Beim Wechsel zum «Dauerkonkurrenten» TV Teufen und zu Karl Wyler bot Schluep Hand, als sich der zeitliche Aufwand weiter steigerte und seine wie die Möglichkeiten des Vereins überstiegen.
«Ich konnte Simon loslassen und bin heute extrem froh, dass wir alle ein so tolles Verhältnis haben», sagt Schluep. Noch immer «lebt er emotional mit» und reist, wenn immer möglich, an die Wettkämpfe – im Sommer, so ist es geplant, mit dem Velo an die EM nach Birmingham.
Der Trainer
Für den Leiter des Leistungszentrums Appenzellerland Sport und den Ehammer-Trainer René Wyler war das Torun-Wochenende «absolut genial». Neben dem Feuerwerk imponiert ihm die Sicherheit, mit der sein Schützling aufgetreten ist: Topleistung an Topleistung reihte er aneinander, kein Loch, keine Zweifel, aber immer mit riesiger Freude. «Das braucht enorm viel, und in diesem Bereich haben wir viel gearbeitet», sagt Wyler. Dieser Fleiss zeigte Wirkung: «Simon ist ein emotional stabiler und sehr konstanter Athlet geworden.» Das ist nicht immer so gewesen. Nuller etwa im Weitsprung oder im Stabhochsprung musste Simon Ehammer schon hinnehmen und verarbeiten. Aber auch kleinere Rückschläge können eine Sogwirkung nach unten haben.
Wyler streicht hervor: «Simon hat nun Werkzeuge, das zu verhindern.» Auch bei seinem Weltrekord-Siebenkampf hat es mögliche Kipp-Momente gegeben. Etwa im Hochsprung beim knappen Scheitern auf 2,05 m. «Das sind Stiche ins Herz, die du wegstecken musst», sagt René Wyler. Ebenso gehören Aufs und Abs im Training dazu. Auch da gilt es auf der einen Seite der Skala abzuhaken, auf der anderen «den Flow richtig zu leben und zu kanalisieren». Wyler ergänzt: «Simon zeigt diese Emotionen, findet dann aber schnell zurück zu seinem Fokus.» Er hat eine vielversprechende Balance gefunden.
Die Mutter
An «harte Momente» erinnert sich Manuela Ehammer, die Mutter von Simon. Sie denkt weiter zurück. Nicht nur Topresultate gab es zu feiern. Auch Trost war manchmal nötig, wenn der ehrgeizige Spross seine hohen Ziele verfehlte. «Da waren die richtigen Worte verlangt», sagt sie. Nicht nur in zwischenmenschlicher und empathischer Weise waren die Eltern gefordert, sondern auch zeitlich. Ganze Wochenenden verbrachten sie in den Stadien. Verständlich also, dass Manuela Ehammer sagt: «Heute sind wir froh, dass wir diese Aufgabe abgeben konnten und Simon mit Karl Wyler auf dem Wettkampfplatz eine grossartige Bezugsperson an seiner Seite hat.» Karl Wyler ist der Bruder von René Wyler, das Duo trainiert Simon gemeinsam, an den Wettkämpfen ist meist Karl zugegen.
Es beglückt die Mutter auch, dass sie auf der Tribüne in Torun dennoch eine wichtige Funktion ausüben konnte: «Wir hatten im Vorfeld gewitzelt über Gold und den Weltrekord. Jetzt sind wir glücklich und stolz, dass es funktioniert hat.» Den Bogen zur Vergangenheit spannt Manuela Ehammer, als sie sagt: «Wir mussten Simon nie ins Training drängen, er wollte immer selbst hin.» Nie ein Thema war zudem all das, worauf er verzichten musste, etwa den Ausgang. (riz/aargauerzeitung.ch)
