Sport
Les Bonbons de Klaus

Olympia 2024: Kurzer Weltruhm für einen tragischen Schweizer Velo-Helden

Mathias Flueckiger of Switzerland reacts as he cross the Men's Cross-country race at the 2024 Paris Summer Olympics in Paris, France, Monday, July 29, 2024. (KEYSTONE/Laurent Gillieron)
Zu Beginn führte Mathias Flückiger das olympische Mountainbike-Rennen an.Bild: keystone
Les Bonbons de Klaus

Weltruhm für eine halbe Stunde für einen tragischen Velo-Helden

Nino Schurter und Mathias Flückiger sind nach Paris gezogen, um Medaillen zu holen. Besiegt kehren sie zurück. Aber beide weigern sich, die Realität zu anerkennen. So wie einst Napoléons Garde.
29.07.2024, 17:5530.07.2024, 07:31
klaus zaugg, paris
Mehr «Sport»

Die Zuversicht war ein Irrtum. Es reicht «nur» für einen 5. Rang (Mathias Flückiger) und lediglich für einen 9. Platz (Nino Schurter). Nationaltrainer Beat Müller sieht die Sache nüchtern: «Wir stehen vor einem Generationenwechsel.» Seit 1996 gehören die Schweizer zu den Titanen auf den berggängigen Fahrrädern. Nur 2004 in Athen und nun eben jetzt in Paris hat es nicht für Edelmetall gereicht.

2028 in Los Angeles soll es wieder Medaillen geben. Beat Müller ist optimistisch: «Wir haben eine neue Generation von Athleten, die dazu in der Lage sind, auf diesem Niveau ganz vorne mitzufahren.» Keine Frage: Er hat für künftigen Olympischen Ruhm Flückiger und Schurter nicht mehr auf der Rechnung. Wenn er sich da nur nicht täuscht.

Beat Mueller, Nationaltrainer des Schweizer Herren Mountainbike Nationalteams, aufgenommen am Medientreffen von Swiss Cycling, am Dienstag, 2. Mai 2023, in Landquart. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)
Mountainbike-Nationaltrainer Beat Müller.Bild: keystone

Mathias Flückiger hat immerhin seinen Erzrivalen besiegt. Seine Enttäuschung hält sich in Grenzen. Bereits eine gute Viertelstunde nach der Zieldurchfahrt analysiert er mit schon fast staatsmännischer Gelassenheit: «Zu 98 Prozent bin ich zufrieden.» Er verortet die fehlenden zwei Prozent in den technischen Passagen. «Da war ich zu vorsichtig und habe zu wenig riskiert.»

Aber er hat den Kampf um Gold, Silber und Bronze ruhmreich verloren. Eine knappe halbe Stunde lang, fast während des Drittels der Distanz, führt er die erste Phase des Rennens an. Eine halbe Stunde olympischer Weltruhm vor Millionen TV-Zuschauern rund um die Welt für einen tragischen Velo-Helden. Immerhin. Nicht vielen Schweizern ist auf der sportlichen Weltbühne so viel Scheinwerferlicht vergönnt.

Aber die Flucht gelingt ihm nicht. Vielleicht habe er sich ein bisschen zu viel zugemutet. «Aber hinterher ist man immer schlauer.» Er sei im Rennen aktiv gewesen und mit seiner Leistung zu, wie gesagt, 98 Prozent zufrieden.

Dann wird er spontan gefragt, ob er in vier Jahren 2028 in Los Angeles noch einmal einen Anlauf machen werde. Er wird dann 39 sein. Ein Jahr älter als Nino Schurter bei seinem letzten Olympischen Rennen hier in Paris.

Allenthalben erwarten die Chronisten (Chronistin war grad keine da) eine allgemein gehaltene Antwort ohne Nachrichtenwert. Doch er sagt ganz cool: «Ja, warum nicht?» Er traue sich zu, in vier Jahren noch einmal auf diesem Niveau mithalten zu können.

In diesem Augenblick blitzt der wahre Mathias Flückiger auf. Der zähe Kämpfer. Einer, der nie aufgibt. Wie Napoléons Gardisten.

Mit den Worten «Die Garde stirbt, aber sie ergibt sich nicht» («La garde meurt, mais se ne rends pas») lehnte einst General Pierre Cambronne im Schlachtengetümmel zu Waterloo 1815 die britische Kapitulationsforderung ab. Dieser Geist, dieser Trotz, diese Unnachgiebigkeit strahlt Mathias Flückiger unmittelbar nach seiner ruhmreichen olympischen Niederlage aus. Beat Müller sollte ihn weiterhin auf der Rechnung haben.

Für Nino Schurter war es hingegen der letzte olympische Tanz. So cool er auch in den letzten Tagen war, so sehr er jetzt nach dem Rennen betont, er habe sich gut gefühlt – tief in seiner Seele hat er wohl geahnt, dass es nicht noch einmal für olympischen Ruhm reichen wird. Einen kompletten Medaillensatz hat er ja schon und auf Jahre hinaus wird er der grösste helvetische Mountainbiker der Geschichte bleiben.

Nino Schurter of Switzerland, right, and Mathias Flueckiger of Switzerland, left, react after crossing the finish line during the Men's Cross-country race at the 2024 Paris Summer Olympics in Par ...
Noch eine olympische Medaille wird es nicht geben: Nino Schurter kämpft mit den Tränen.Bild: keystone

Auf dem Weg zum 9. Rang verlor er sogar kurz die Pedale. «Das kann passieren, wenn die Konzentration nachlässt.» Er habe einfach nie richtig ins Rennen gefunden. Und wird gefragt, ob er weitermachen werde. «Wir werden sehen.» Keine Rücktrittserklärung also. Die nächste WM findet ja in der Schweiz statt. Ein wenig ist auch bei ihm der Geist der Garde zu spüren.

Ist die Zeit von Nino Schurter und Mathias Flückiger mit Paris 2024 also tatsächlich abgelaufen? Stehen wir vor einem Generationenwechsel? Oder irrt sich Nationaltrainer Beat Müller?

Vielleicht hat der Nationaltrainer recht. Er versteht ja etwas von der Sache. Aber möglicherweise unterschätzt er ein wenig die Zähigkeit und Entschlossenheit von Mathias Flückiger. Dem Leimiswiler aus dem bernischen Oberaargau ist in der Vergangenheit oft Unrecht widerfahren. Eigentlich zu oft. Er hat noch ein paar Rechnungen offen. Der Mann ist auf einer Mission. Die kann ihn 2028 bis nach Los Angeles führen.

Mathias Flueckiger of Switzerland in action during the Men's Cross-country race at the 2024 Paris Summer Olympics in Paris, France, Monday, July 29, 2024. (KEYSTONE/Laurent Gillieron)
Fährt Mathias Flückiger nochmal an den fünf Ringen vorbei?Bild: keystone

P.S. Einen kleinen Triumph gibt es für Mathias Flückiger. Er war mit seinem Bike, das er mit dem Tüftler Thomas Binggeli entwickelt hat, schneller als Nino Schurter auf dem hochgerüsteten Hightech-Velo von Scott. Hat Mathias Flückiger also das bessere Velo? Darauf mag Nino Schurter nicht antworten. «Den Vergleich kann man nicht machen.»

Doch, den Vergleich kann man machen.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Die besten Bilder der Olympischen Spiele 2024 in Paris
1 / 100
Die besten Bilder der Olympischen Spiele 2024 in Paris
Die Französin Marie Oteiza wählt im Modernen Fünfkampf eine eher weniger elegante Variante des Absteigens vom Pferd.
quelle: keystone / mosa'ab elshamy)
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Ungewöhnlicher "Flitzer" bei den Schwimmwettkämpfen
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
30 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Salah
29.07.2024 19:47registriert März 2018
Schurter, Colombo und in den letzten Rennen auch Flückiger waren in den ersten vier Weltcuprennen regelmässig unter den Top 5. immer mal der eine oder der andere. Mir egal wann wer abtritt. Jeder der in Olympia unter die Top 10 kommt darf aus meiner Sicht noch länger weitermachen. Die Schweiz kann es besser? Dann sollen es gerne welche zeigen. Colombo hätte ich gerne gesehen. Aber sonst?
773
Melden
Zum Kommentar
avatar
wilhelmsson
29.07.2024 19:46registriert Dezember 2015
Nein, den Vergleich kann man nicht machen.

Dazu müsste man denselben Fahrer mit beiden Bikes vergleichen können.
693
Melden
Zum Kommentar
avatar
Rocky Balboa
29.07.2024 19:47registriert Dezember 2020
"Einen kompletten Medaillensatz hat er ja schon und auf Jahre hinaus wird er der grösste helvetische Mountainbiker der Geschichte bleiben."

Nino Schurter wird nicht nur der grössten helvetische Mountainbiker bleiben, sonder der Welt. Kleiner, aber wichtiger Unterschied!
7110
Melden
Zum Kommentar
30
    Zürich sichert sich in extremis einen Punkt im Strichkampf + Erster Auswärtssieg für Winti

    Der FC Zürich rettet im Heimspiel gegen Lausanne-Sport einen wichtigen Punkt dank zweier Tore in den letzten fünf Minuten. Durch das 2:2 hat der FCZ im Rennen um einen Platz in der Meisterrunde weiterhin fünf Punkte Vorsprung auf die siebtplatzierten Waadtländer.

    Zur Story