Die Zuversicht war ein Irrtum. Es reicht «nur» für einen 5. Rang (Mathias Flückiger) und lediglich für einen 9. Platz (Nino Schurter). Nationaltrainer Beat Müller sieht die Sache nüchtern: «Wir stehen vor einem Generationenwechsel.» Seit 1996 gehören die Schweizer zu den Titanen auf den berggängigen Fahrrädern. Nur 2004 in Athen und nun eben jetzt in Paris hat es nicht für Edelmetall gereicht.
2028 in Los Angeles soll es wieder Medaillen geben. Beat Müller ist optimistisch: «Wir haben eine neue Generation von Athleten, die dazu in der Lage sind, auf diesem Niveau ganz vorne mitzufahren.» Keine Frage: Er hat für künftigen Olympischen Ruhm Flückiger und Schurter nicht mehr auf der Rechnung. Wenn er sich da nur nicht täuscht.
Mathias Flückiger hat immerhin seinen Erzrivalen besiegt. Seine Enttäuschung hält sich in Grenzen. Bereits eine gute Viertelstunde nach der Zieldurchfahrt analysiert er mit schon fast staatsmännischer Gelassenheit: «Zu 98 Prozent bin ich zufrieden.» Er verortet die fehlenden zwei Prozent in den technischen Passagen. «Da war ich zu vorsichtig und habe zu wenig riskiert.»
Aber er hat den Kampf um Gold, Silber und Bronze ruhmreich verloren. Eine knappe halbe Stunde lang, fast während des Drittels der Distanz, führt er die erste Phase des Rennens an. Eine halbe Stunde olympischer Weltruhm vor Millionen TV-Zuschauern rund um die Welt für einen tragischen Velo-Helden. Immerhin. Nicht vielen Schweizern ist auf der sportlichen Weltbühne so viel Scheinwerferlicht vergönnt.
Aber die Flucht gelingt ihm nicht. Vielleicht habe er sich ein bisschen zu viel zugemutet. «Aber hinterher ist man immer schlauer.» Er sei im Rennen aktiv gewesen und mit seiner Leistung zu, wie gesagt, 98 Prozent zufrieden.
Dann wird er spontan gefragt, ob er in vier Jahren 2028 in Los Angeles noch einmal einen Anlauf machen werde. Er wird dann 39 sein. Ein Jahr älter als Nino Schurter bei seinem letzten Olympischen Rennen hier in Paris.
Allenthalben erwarten die Chronisten (Chronistin war grad keine da) eine allgemein gehaltene Antwort ohne Nachrichtenwert. Doch er sagt ganz cool: «Ja, warum nicht?» Er traue sich zu, in vier Jahren noch einmal auf diesem Niveau mithalten zu können.
In diesem Augenblick blitzt der wahre Mathias Flückiger auf. Der zähe Kämpfer. Einer, der nie aufgibt. Wie Napoléons Gardisten.
Mit den Worten «Die Garde stirbt, aber sie ergibt sich nicht» («La garde meurt, mais se ne rends pas») lehnte einst General Pierre Cambronne im Schlachtengetümmel zu Waterloo 1815 die britische Kapitulationsforderung ab. Dieser Geist, dieser Trotz, diese Unnachgiebigkeit strahlt Mathias Flückiger unmittelbar nach seiner ruhmreichen olympischen Niederlage aus. Beat Müller sollte ihn weiterhin auf der Rechnung haben.
Für Nino Schurter war es hingegen der letzte olympische Tanz. So cool er auch in den letzten Tagen war, so sehr er jetzt nach dem Rennen betont, er habe sich gut gefühlt – tief in seiner Seele hat er wohl geahnt, dass es nicht noch einmal für olympischen Ruhm reichen wird. Einen kompletten Medaillensatz hat er ja schon und auf Jahre hinaus wird er der grösste helvetische Mountainbiker der Geschichte bleiben.
Auf dem Weg zum 9. Rang verlor er sogar kurz die Pedale. «Das kann passieren, wenn die Konzentration nachlässt.» Er habe einfach nie richtig ins Rennen gefunden. Und wird gefragt, ob er weitermachen werde. «Wir werden sehen.» Keine Rücktrittserklärung also. Die nächste WM findet ja in der Schweiz statt. Ein wenig ist auch bei ihm der Geist der Garde zu spüren.
Ist die Zeit von Nino Schurter und Mathias Flückiger mit Paris 2024 also tatsächlich abgelaufen? Stehen wir vor einem Generationenwechsel? Oder irrt sich Nationaltrainer Beat Müller?
Vielleicht hat der Nationaltrainer recht. Er versteht ja etwas von der Sache. Aber möglicherweise unterschätzt er ein wenig die Zähigkeit und Entschlossenheit von Mathias Flückiger. Dem Leimiswiler aus dem bernischen Oberaargau ist in der Vergangenheit oft Unrecht widerfahren. Eigentlich zu oft. Er hat noch ein paar Rechnungen offen. Der Mann ist auf einer Mission. Die kann ihn 2028 bis nach Los Angeles führen.
P.S. Einen kleinen Triumph gibt es für Mathias Flückiger. Er war mit seinem Bike, das er mit dem Tüftler Thomas Binggeli entwickelt hat, schneller als Nino Schurter auf dem hochgerüsteten Hightech-Velo von Scott. Hat Mathias Flückiger also das bessere Velo? Darauf mag Nino Schurter nicht antworten. «Den Vergleich kann man nicht machen.»
Doch, den Vergleich kann man machen.
Dazu müsste man denselben Fahrer mit beiden Bikes vergleichen können.
Nino Schurter wird nicht nur der grössten helvetische Mountainbiker bleiben, sonder der Welt. Kleiner, aber wichtiger Unterschied!