Shiffrin und die Olympia-Dämonen: «Lässt sich nicht verhindern, dass ich mit Angst starte»
Mikaela Shiffrin sucht das Drama und die Öffentlichkeit nicht so sehr wie ihre noch berühmtere Landsfrau Lindsey Vonn. In den letzten Jahren ist es eher so, dass das Drama sie sucht. In Peking 2022 und in Killington im November 2024 erlebte sie zwei ziemlich traumatische Erlebnisse.
Für Shiffrin ist klar, welches schlimmer war. «Ich würde Peking jederzeit dem Sturz in Killington vorziehen», sagte sie vor dem Start der Spiele in Cortina. Auf dem Weg zu ihrem 100. Weltcupsieg – der nächstbeste Skifahrer ist Ingemar Stenmark mit 86 und sie selber steht mittlerweile bei 108 – war sie ausgerechnet unweit ihres Zuhauses in Vermont so unglücklich gestürzt, dass sie sich mit dem Stock eine üble Verletzung im Bauch zufügte.
Kleine Schritte
Während sie im Slalom erstaunlich schnell wieder zur dominanten Fahrerin wurde, tat sie sich im Riesenslalom lange sehr schwer. Erst im letzten Rennen vor Olympia schaffte sie es in Tschechien vierzehn Monate nach dem Unfall als Dritte erstmals wieder aufs Podest. Die Blockade war mehr im Kopf als im Körper. «Diese Kämpfe verlaufen nicht linear», erklärt Shiffrin. «Es geht nicht, wie man es erwartet.» Es sei ein Prozess, der Zeit brauche. «Zeit hilft, sich dem in kleinen Schritten auszusetzen. Es bringt nichts, sich vor seinen Ängsten zu verstecken.»
Ihre Angst vor den Riesenslalom-Schwüngen hat Shiffrin überwunden, nun bleiben noch die Dämonen von Peking. In ihrem Palmarès fehlt nichts. Die Amerikanerin ist erst 30 Jahre alt, hat aber bereits alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. 2014 gab es als Teenager Olympia-Gold im Slalom, vier Jahre später in Pyeongchang Riesenslalom-Gold und Kombi-Silber. Schon acht Mal war sie Weltmeisterin, fünf Mal gewann sie den Gesamt-Weltcup.
Debakel im Kombi-Slalom
In Peking aber erlebte sie ein olympisches Debakel, schied in ihren Paradedisziplinen Slalom, Riesenslalom und Kombination aus und blieb in sechs Starts ohne weitere Medaille. In Cortina war am Dienstag bei erster Gelegenheit alles aufgelegt, um auch olympisch in die Spur zurück zu finden. In der Team-Kombination legte Breezy Johnson wie an der WM in Saalbach mit der Abfahrts-Bestzeit vor, Shiffrin hätte nur noch einen durchschnittlichen Slalomlauf ins Ziel bringen müssen. Stattdessen resultierte nur die 15. Zeit für die Slalom-Dominatorin, die sieben von acht Saisonrennen in dieser Disziplin gewonnen hat. Wieder keine Medaille.
Dabei sagte sie Anfangs Winter in ihrem eigenen Podcast noch: «Bei Olympia bin ich nur für die Team-Kombination motiviert. Alles andere gibt mir noch Albträume» Es lasse sich nicht verhindern, dass sie in Cortina mit Angst starte, einfach weil so viele Augen auf sie gerichtet seien.
Im Riesenslalom am Sonntag (10.00 und 13.30 Uhr) ist Shiffrin nicht die Topfavoritin auf den Sieg. Ein Podestplatz wäre aber eine grosse Erlösung und würde viel Druck vom abschliessenden Slalom am Mittwoch, wo der Erfolg dann definitiv über sie führen wird, nehmen. Der Slalom in der Team-Kombination hat aber die Dämonen mit Bestimmtheit nicht vertrieben. (abu/sda)
