Odermatts Trainer schwärmt: «Einen Athleten wie ihn habe ich nie erlebt»
Mit den Rennen in Adelboden beginnt am Wochenende die heisse Phase des Winters. Nun jagt ein Highlight das nächste. Auf den Klassiker am Chuenisbärgli folgen die Rennen in Wengen und Kitzbühel, wenig später die Olympischen Spiele. Der Rummel wird maximal. Und kein anderer Athlet wird den Trubel mehr zu spüren bekommen als Marco Odermatt.
In Odermatts Biografie beschäftigt sich Trainer Helmut Krug genau mit diesem Thema. Der Österreicher sagt: «Der Junge ist 28 – und trägt ein Pensum, das andere in zehn Jahren nicht stemmen. [...] Ich will nicht, dass er daran kaputtgeht.» Macht sich Krug auch aktuell Sorgen um Odermatt?
Wir erreichen den Trainer am Telefon. Krug ist mit seinem Team auf der Reiteralm in Österreich und schaufelt gerade Schnee. «Hier können wir eine Piste wie die in Adelboden am besten simulieren», sagt der Chef der Schweizer Riesenslalom-Gruppe. Am Mittwoch war auch Odermatt vor Ort, um sich den letzten Schliff für den Auftritt am Chuenisbärgli zu holen.
Machen Sie sich Sorgen um Marco Odermatt?
Helmut Krug: Die Sorge wird immer da sein. Weil der ganze Rummel extrem viel Substanz kostet. Momentan gefällt mir Marco allerdings sehr gut. Er ist sich aber bewusst, dass es wieder Körner kosten wird.
Sie haben schon viele Athleten trainiert. Was macht er besser als die anderen? Es scheint, dass ihm der ganze Rummel fast nichts ausmacht.
Marco ist einzigartig. Einen Athleten wie ihn habe ich nie erlebt. Leider kann ich nicht in seinen Kopf schauen. Das wäre spannend.
Kann man diese Fähigkeit lernen?
Nein, die ist gottgegeben. Er ist auch als Mensch etwas Besonderes. Er geht dosiert mit seinen Kräften um, auch medial. Er macht, was er machen muss. Er sortiert, was ihm wichtig ist. Ich behaupte, ihn belastet der ganze Rummel weniger als die früheren Stars wie Hirscher, Maier oder Zurbriggen. Er hat diese ganz besondere Gabe.
Technisch brillant sind einige Athleten. Doch nur ganz wenige werden zu Seriensiegern. Dafür reicht Talent allein eben nicht aus. Sie nannten Odermatt schon des Öfteren einen Rennhund. Wie meinen Sie das?
Es gibt einfach solche, die können in den Rennen noch einmal 10 bis 15 Prozent drauflegen. Das heisst, sie fahren nochmals eine riskantere Linie und haben keine Angst vor dem Versagen oder einem Ausfall. Und zu diesen Athleten gehört Marco unumstritten dazu. Es gibt viele Trainingsweltmeister. Aber die Rennen sind halt noch einmal eine andere Kategorie, man könnte fast sagen: ein ganz anderer Sport.
Ist es als Trainer leichter, einen Seriensieger zu trainieren oder einen Athleten, der noch am Anfang steht, weil dieser noch viel lernen kann?
Natürlich ist es schön, Erfolg zu haben. Aber wenn einer an einem Punkt angelangt ist wie Marco Odermatt, kannst du auch einen Rauchfangkehrer (Kaminfeger; die Red) als Trainer hinstellen. Unsere Aufgabe als Trainer ist es primär, einen Athleten wie Lenz Hächler an die Spitze zu führen oder einen Athleten wie Gino Caviezel nach einer Verletzung in Form zu bekommen. Das sind unsere Hauptbaustellen.
Odermatt ist ein Selbstläufer?
Natürlich schauen wir auch für Marco. Er bekommt von uns immer Top-Qualität, eine Top-Piste. Wir bereiten für ihn einen perfekten Trainingslauf vor, ideal gewässert und zum Teil mit der Schaufel herausgeputzt. So, dass alles drin ist, was es in Adelboden braucht.
Das ist alles?
Genau. Dann kommt er, fährt – und schon hat man ihn wieder bereit. Darum ist es unsere Hauptaufgabe als Trainer, dafür zu sorgen, dass Erfolg langfristig möglich ist. Dafür müssen auch wir in der Schweiz kämpfen. Auch wir müssen uns strecken. Das ist kein Selbstläufer.
Hätte Odermatt nicht gerne mehr Aufmerksamkeit?
Wenn wir nur auf Marco setzen würden, würden alle anderen zerbrechen. Das ist das Allerletzte, was wir wollen. Und auch Marco will das nicht, er ist ein Teamplayer. Er will den Jungen helfen, es ist ihm wichtig, dass sie besser werden. Das macht das Team so stark.
Ein Dauerthema in diesem Winter ist die Präparierung der Pisten. Vielerorts verzichtete man auf den Einsatz von Wasser. Der Internationale Skiverband will so das Verletzungsrisiko senken.
Ich will dazu etwas sagen: So, wie es mancherorts war, waren das keine Weltcup-Rennen. Das war von der Pistenqualität ein Schüler-Cup. So macht der Wettkampf keinen Spass. Da war keine Dynamik drin, keine Aggressivität, keine Athletik. Alle diese Faktoren, die ein Athlet das ganze Jahr trainiert, braucht er nicht mehr. Wenn das so weitergeht, macht es keinen Sinn. Das muss man so deutlich sagen.
Aber werden die Rennen wenigstens sicherer?
Ganz im Gegenteil, das sind Märchen. Nehmen wir den Super-G in Livigno. Da sprachen die Verantwortlichen von Speed-Kontrolle, hatten aber nur Glück, dass bei Vincent Kriechmayr mit 120 km/h nicht der Ski angehängt hat. Denn sonst fliegt er durch die Luft. Bei einer Piste ohne Wasser bleibt der Ski mal vorne, mal hinten hängen.
Also müsste man wieder mit Wasser arbeiten?
In Adelboden passiert das zum Glück. Die Elite-Veranstalter, da gehört Adelboden dazu, wissen ganz genau, wie es geht. Mit Abstand am besten können die Einheimischen eine Piste präparieren, weil sie genau wissen, was es braucht, um die Pistenqualität und die Härte hinzubekommen, die es braucht. Alle diese Einflüsterer von der FIS und alle, die sich selbst Spezialisten nennen, tun der Sache nicht gut. (riz/aargauerzeitung.ch)
