37 Minuten Tennis, Fehler über Fehler – und plötzlich weltberühmt
Wie! Um! Alles! In! Der! Welt?!
Die Frage stellt sich jeder, der Aufnahmen von Hajar Abdelkader sieht. An einem Tennisturnier, bei dem es Punkte für die Weltrangliste zu gewinnen gibt, versucht die 21-Jährige, Tennis zu spielen.
Wie gesagt: Sie versucht es. Auf diesem Niveau reicht das nicht – Positionierung und Aufschlag bereiten sichtbar Mühe.
Ein Auftritt zwischen Faszination und Fremdscham
Abdelkader geht letztlich gegen die Deutsche Lorena Schädel, die Nummer 1026 der WTA-Weltrangliste, 0:6, 0:6 unter. Der Ägypterin gelingen bloss drei Punkte: Zwei Mal leistet sich Schädel einen Doppelfehler, dazu verschlägt sie einen Return.
Ob sie wusste, worauf sie sich eingelassen hatte? Abdelkader hatte für das W35-Turnier in der kenianischen Hauptstadt eine Wildcard erhalten. Warum? Eine Anfrage an die Turnierdirektorin Martha Tirop blieb bislang unbeantwortet. Gestützt auf «Insider-Quellen» will 20 Minuten erfahren haben, dass Abdelkader die Wildcard erbte, die eine kenianische Spielerin abgelehnt hatte.
Spekulationen statt Antworten
Laut ihrem Profil beim Tennis-Weltverband ITF begann Abdelkader als 14-Jährige mit dem Sport. Wie oft sie in den letzten sieben Jahren trainiert hat, ist angesichts ihrer Spielweise offen.
Wir können bislang nur spekulieren, wie es dazu kam, dass Hajar Abdelkader mit 37 Minuten Tennis an einem ansonsten unbeachteten Turnier auf einen Schlag zur Internet-Berühmtheit wurde.
Persönliche Beziehungen sind oft von Vorteil, wenn man an eine Wildcard gelangen will. Oder es handelt sich bei Hajar Abdelkader um eine Kunstfigur, die als Influencerin schon bald ein Video davon postet, wie sie sich erfolgreich in ein Profiturnier eingeschlichen hat.
Erinnerungen an Ali Dia
Womöglich sind die Organisatoren in Nairobi auch bloss auf das E-Mail eines nigerianischen Prinzen hereingefallen. Der Fall erinnert jedenfalls an den Hochstapler Ali Dia, der es als Fussballer in die englische Premier League schaffte, obwohl sein Talent hinten und vorne nicht dafür reichte.
Graeme Souness, der Trainer des FC Southampton, hatte damals, 1996, den Anruf eines Mannes erhalten, der sich als George Weah ausgab. Dia sei sein Cousin, log der angebliche Weltfussballer, und fragte, ob er ihm eine Chance geben könne. Souness gab Dia aufgrund eines Stürmer-Engpasses im Kader einen Vertrag für einen Monat, der aber schon nach dem ersten, desaströsen Teileinsatz wieder aufgelöst wurde.
Viele Jahre später sagte Ali Dia: «Ich habe ein reines Gewissen.» In Erinnerung bleibt trotzdem vor allem das Urteil seines Mitspielers Matt Le Tissier: «Er rannte über den Platz wie Bambi auf Eis. Es war peinlich, ihm dabei zuzusehen.»
Auf dem Gelände verlaufen?
Aber was, wenn es sich in Nairobi nur um ein grosses Missverständnis gehandelt hat? Diese Version gefällt uns irgendwie am besten: Die junge Hajar Abdelkader hat sich für ein Anfängerinnen-Training angemeldet, ist auf den falschen Platz gekommen und bis der Irrtum bemerkt worden ist, stand es 0:6, 0:6. Und das Video der Lektion wurde zum viralen Hit.
