60 Tage Arbeit und 36 Millionen Liter Wasser: Die Zahlen hinter dem Skifest in Adelboden
Noch einmal der Schnellste sein – und Marco Odermatt zieht am «Chuenisbärgli» mit dem bisherigen Rekordmann Ingemar Stenmark (5 Siege) gleich. Ein Schweizer mit den meisten Riesenslalom-Siegen auf «seinem» Hang? Adelboden-Pistenchef Toni Hari hätte sicher nichts dagegen.
Seit 32 Jahren ist der einheimische Landwirt verantwortlich für die Unterlage der legendären Adelboden-Rennen. Zu dieser Verantwortung ist er gekommen «wie die Jungfrau zum Kind», erzählt Hari lachend: «Als Kind wollte ich selber Rennfahrer werden. Später war ich mit Hans Pieren in der Skilehrer-Schule. Als er Rennleiter hier in Adelboden wurde, fragte er, ob ich mich um die Piste kümmern wolle. Seither bin ich, in etwas anderer Rolle als ursprünglich gewünscht, doch noch Teil des Weltcup-Zirkus.»
Während Marco Odermatt und seine Konkurrenten pro Lauf rund 70 Sekunden auf der Riesen-Piste verbringen, beginnen die Vorarbeiten für das Spektakel bereits zwei Monate vorher. Im Idealfall Mitte November wird es in Adelboden ein erstes Mal richtig kalt. Der Moment, die Schneekanonen zu starten. Am «Chuenisbärgli» ist die Beschneiung Aufgabe der Bergbahnbetriebe, Pistenchef Hari aber ist von Anfang an als genauer Beobachter und Helfer mit dabei. Ideal ist für Phase 1 der Pistenherstellung eine mehrtägige Kälteperiode. Die ausreicht, um die für die gesamten 1,2 Kilometer erforderliche Menge Kunstschnee herzustellen.
Heuer hat das Wetter mitgespielt, was heisst: Die Kanonen liefen 110 Stunden am Stück und spuckten Schnee für rund 36'000 Quadratmeter Piste aus. Gemäss Hari brauche es pro Quadratmeter rund 1000 Liter Wasser, insgesamt also knapp 40 Millionen Liter. Quellen dafür sind zwei Bäche, deren Wasser etwas erwärmt werden muss, weil es sonst für die Schneekanonen zu kalt ist.
Beim Bestimmen des Zeitpunkts, wann genau die riesigen Schneehaufen auf die Piste verstossen werden, greift Hari auf seine langjährige Erfahrung zurück: «Bei warmem Wetter müssen wir möglichst lange zuwarten, ehe wir verteilen. Im richtigen Moment gibt mir mein Gespür ein Zeichen. Das habe ich in mir drin als Landwirt, der 365 Tage im Jahr aufs Wetter angewiesen ist.»
Die enormen Mengen sind Folge der Vorgaben der FIS: Gemäss dem Ski-Weltverband muss eine Rennpiste 60 Zentimeter dick sein. Weil vom Kunstschnee, wenn er mit der Pistenmaschine komprimiert wird, viel mehr übrig bleibt als beim gleichen Prozedere mit Naturschnee, sind heutzutage Weltcup-Pisten ohne Kunstschnee-Basis undenkbar. Anders gesagt: Von Naturschnee sieht man gemäss Pistenchef Hari nach Verteilen und Komprimieren mit dem Pistenfahrzeug noch rund zehn Prozent. Auf die 1,2 Kilometer lange und 30 bis 50 Meter breite Riesenslalom-Piste in Adelboden müssten also von oben bis unten sechs Meter Schnee fallen. Und das pausenlos. So könnte auf Kunstschnee verzichtet werden. Kurz: undenkbar.
1999 erhielt Adelboden eine Beschneiungsanlage, um mit Schneedepots allfällige Wärmeperioden bis zum Rennwochenende aufzufangen. Ein Jahr zuvor stand die Absage der Rennen zur Diskussion, ehe 450 Lastwagen-Ladungen mit Schnee vom Grimsel die Durchführung doch noch ermöglichten. Hari rückblickend: «Damals musste die Piste nur 30 Zentimeter dick sein, darum ging es. Aus Umwelt-Gründen wäre so eine Übung heute undenkbar.»
Besondere Erinnerungen hat der 58-Jährige auch ans Jahr 2023: Damals gingen wenige Tage vor dem Rennwochenende die Bilder vom fast komplett grünen Steilhang um die Welt. Hier in Kürze ein Weltcup-Rennen? Unmöglich, dachte sich der Laie. Und sogar Hari, mit allen Wassern gewaschen, musste leer schlucken, als er am Montag vor dem Rennen unten im Zielraum stand und hochschaute: «Alles war weggeschmolzen – und dann der Dauerregen. Nachts im Bett habe ich mir die Decke über den Kopf gezogen, um dem Regen nicht zuhören zu müssen.» Innerlich plagten ihn grosse Zweifel, äusserlich machte er gute Miene.
Als dann dank stundenlanger Beschneiung und tonnenweise Salz sowohl der Riesenslalom als auch der Slalom unter fairen Bedingungen durchgeführt werden konnten, fühlte Hari eine Zufriedenheit wie sonst nie in seiner 32-jährigen Amtszeit. Trotz gewöhnungsbedürftiger «Winter-Kulisse» mit dem weissen Band auf dem grünen Hügel: «Das war das beste Rennwochenende meiner Karriere. Unter diesen Umständen eine Weltcup-Piste zu bauen, war eine beeindruckende Leistung von unserem Team.»
Nicht nur der Schneemangel im 1300 Meter tief gelegenen Adelboden, auch die wechselnden Anforderungen der FIS beeinflussen Haris Arbeit. Seit dieser Saison greift der Wunsch nach weicheren Pisten um – zugunsten der Sicherheit für die Athletinnen und Athleten. Hari hat dazu eine klare Meinung: «Für mich ist eine zu weiche Piste eine zu schlechte Piste. Und nach meinem Verständnis ist eine schlechte Piste nicht sicherer als eine gute Piste. Ein einleuchtendes Argument, warum wir hier in Adelboden die Piste weniger eisig machen sollen als bisher, hat mir noch niemand geliefert. Bei einem Acht-Millionen-Budget sind wir irgendwo auch verpflichtet, dass die Rennen stattfinden können. Unter meiner Führung mussten wir erst dreimal ein Rennen absagen. Zu FIS-Renndirektor Markus Waldner habe ich gesagt: An welchem Weltcup-Ort sonst findest du eine solche Quote?»
Die Unterlage auf dem «Chuenisbärgli» präsentiert sich den Fahrern auch in diesem Jahr so hart und kompakt wie gewohnt. Darum bleibt Hari trotz angekündigtem Temperaturanstieg und Schneefall cool: «Was auf die Piste fällt, schieben wir wieder weg. Es ist alles bereit, und ich freue mich auch im 32. Jahr auf die Rennen.» Hari lacht und fügt an: «Wie'ne Moore!»
