Am 13. März 2017 geht ihr Stern auf: Camille Rast, die schon lange als riesiges Talent gilt, gewinnt mit nicht ganz 18 Jahren Gold im Slalom an der Junioren-WM in Are. Die junge Schweizerin lässt dabei ihre mehrheitlich ältere Konkurrenz teilweise deutlich hinter sich – darunter auch einige heute bekannte Namen wie Ali Nullmeyer, Chiara Mair, Kristin Lysdahl, Leona Popovic oder Nina O'Brien.
Rast ist ein Versprechen für die Zukunft. Eine Technikerin, die dereinst für die Schweiz auch im Weltcup Podeste herausfahren kann. Noch bevor sie zwei Jahre alt war, stand sie erstmals auf den Ski. Sie kommt aus einer sportbegeisterten Familie – die Mutter war Leichtathletin, der Vater mehrfacher Schweizer Meister im Motocross. Und auch selbst ist sie polyvalent unterwegs: Rast macht Leichtathletik, schwimmt, reitet, spielt Fussball, fährt Mountainbikerennen und ist drei Jahre lang in einer akrobatischen Zirkusschule. Beste Voraussetzungen für eine erfolgreiche Karriere.
Doch nicht nur der Aufstieg in den Weltcup, sondern auch das Leben ist manchmal steil und steinig. Nach ihrem Triumph an der Junioren-WM erkrankt die Walliserin am Pfeifferschen Drüsenfieber, in der Vorbereitung für die Saison 2017/18 ist sie stark eingeschränkt. Die Resultate bleiben aus. Im Februar 2018 bricht sie die Saison vorzeitig ab.
Dahinter steckt aber nicht nur die Erkrankung aus dem Vorjahr, wie Rast einige Jahre später enthüllte. Das Pfeiffersche Drüsenfieber stürzt die damals 18-Jährige in eine schwere Depression. «Innerlich tot» habe sie sich zu diesem Zeitpunkt gefühlt, schilderte sie im Magazin «Sportlerin». «Ich fühlte mich nutzlos. Ich hatte keine Energie. Es war ein schrecklicher Zustand, den ich nicht mehr aushielt.»
Mit der Diagnose bricht für Rast eine Welt zusammen. Biken, Ferien, eine Weltcupsaison und möglicherweise die Olympischen Spiele 2018 in Südkorea – «alle schönen Pläne waren im Eimer». Obwohl ihr Körper streikt, quält sie sich durchs Sommertraining, nicht für sich selbst, sondern weil sie niemanden enttäuschen möchte.
Rast weint in diesem Winter jeden Tag. «Ich dachte sogar daran, einen Sturz zu fabrizieren. Nichts Schlimmes, aber einen Abflug ins Netz, damit ich nach Hause gehen kann», gab die Walliserin zu. Am 18. Februar 2018 kann sie nicht mehr. Die Trainer fragen sie, ob sie ans nächste Rennen oder nach Hause reisen möchte. Einen Tag später ist Rast zurück im Wallis und sucht sich psychologische Hilfe.
«Ich hatte Angst vor meinen eigenen Gedanken, vor der Dunkelheit, der Einsamkeit. Ich hatte keinen Spass, keine Lust, keine Ideen, war total leer und ohne Perspektiven.» Einmal pro Woche geht sie zur Therapie. Ihre Eltern bittet sie, alles, was sie an ihr früheres Leben erinnert, zu verkaufen. «Für mich war klar: Das war es mit Ski», blickt Rast zurück.
Die Therapie hilft, doch Unsicherheiten und ungewollte Gedanken bleiben. Rast greift doch noch auf Antidepressiva zurück, obwohl sie sich zunächst dagegen gewehrt hat. Bei einer dreiwöchigen Solo-Mountainbike-Reise im Spätsommer 2018 lüftet sie den Kopf, verspürt erstmals wieder so etwas wie Lebensfreude.
Nach einigem Zögern gibt Camille Rast im folgenden Winter ihr Comeback. Über den Europacup tastet sie sich wieder langsam an die Weltspitze heran. Im Februar gewinnt sie an der Junioren-WM Silber – dieses Mal im Riesenslalom. Doch der nächste Rückschlag folgt sogleich: An der Schweizer Meisterschaft im März triumphiert die Walliserin zuerst im Riesenslalom, dann stürzt sie einen Tag später im Slalom und reisst sich das Kreuz- und Innenband.
Anderthalb Jahre ist Rast ausser Gefecht gesetzt. Die Rückkehr gestaltet sich schwierig. Weltcup-Resultate bleiben aus. Immer wieder versucht die Westschweizerin, über den Europacup Anlauf zu holen. Irgendwann ist die Konstanz zurück, aber Spitzenresultate fehlen. Camille Rast versucht, neue Impulse zu setzen, wechselt auf die Saison 2022/23 hin die Skimarke von Head zu Salomon. Das Experiment schlägt fehl, nur ein einziges Top-10-Resultat erreicht sie in diesem Winter. Rast wechselt wieder zurück auf Head.
Langsam kommt der Erfolg zurück. Zuerst im Slalom, dann auch im Riesenslalom. Rast schnuppert Ende letzte Saison am Podest, nach langer Leidenszeit ist sie nahe dran, ihr so grosses Versprechen auch tatsächlich einzulösen.
Vor diesem Winter fühlte sie sich so gut wie noch nie. «Erstmals überhaupt hatte ich eine perfekte Saisonvorbereitung. Keine Verletzung, keine Erkrankung, keine Reha. Das macht einen Riesenunterschied», erzählte die 25-Jährige dem Blick. Sie hätte zwar vor sieben Jahren ihren ersten Weltcupstart gemacht, dazwischen aber auch drei Jahre verloren: «Würde man die abziehen, wäre ich nicht 25, sondern 22 Jahre alt. Nun bin ich zum ersten Mal richtig gesund.»
Und was eine gesunde Camille Rast drauf hat, das hat sie in dieser Saison bislang eindrücklich bewiesen. Fünfte im Slalom von Levi. Dritte im Slalom von Gurgl – ihr erstes Weltcup-Podest. Dritte im Riesenslalom von Killington – ihr erstes Weltcup-Podest im Riesenslalom. Erste im Slalom von Killington – ihr erster Weltcupsieg.
Rast überzeugt mit Angriffslust, Lockerheit und fast perfekter Technik – genauso wie sie es als Juniorin schon tat. Mit ihren herausragenden Leistungen schon früh in der Saison hat die 25-Jährige mittlerweile gar die Führung im Gesamtweltcup und der Slalom-Wertung übernommen. «Es ist verrückt. Ich weiss nicht, was ich sagen soll. Ich bin so glücklich.»
Das darf sie auch sein. Schliesslich ist Camille Rast, die mit dem Skisport schon aufhören wollte, ganz vorne in der Weltspitze angekommen.
Wenn man so etwas noch nie durcherlebt hat, kann sich kaum jemand vorstellen was da abgeht. So etwas wünscht du nicht mal, deinem ärgsten Feind an den Hals.
Ich zolle daher Camille Rast, aller Größten Respekt, dass sie den Weg da raus gefunden hat und freue mich um so mehr, über ihren Erfolg.