Simonet kämpft um Aufmerksamkeit und Sponsoren: Eine Karriere im Schatten von Odermatt
Als Livio Simonet 12 Jahre alt war, fand er Ted Ligety cool und wollte irgendeinmal im Europacup am Start stehen. Simonet sagt: «Weltcuprennen waren damals so weit weg. Nur schon in Amerika ein Rennen zu fahren, war unvorstellbar.»
Heute ist Simonet 27-jährig – und er hat es weiter gebracht, als er sich damals erträumt hatte. Er schaffte es nicht nur in den Europacup und nach Nordamerika, er wurde Schweizer Meister im Riesenslalom, er klassierte sich mehrfach unter den Top 30 der Welt, ja, er darf sich sogar Weltcupsieger nennen. Mit dem Team gewann er 2022 ein Parallelrennen.
Der Bündner fährt Skirennen auf der höchsten Stufe. Es gibt weltweit nicht viele, die es besser können als er. Doch der Lichtkegel auf der grossen Bühne ist eng, nur wenige Athleten schaffen es hinein. Simonet gehört in der Regel nicht dazu.
Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit nimmt dramatisch schnell ab nach den besten Fahrern. Athleten, die nach den Top 30 starten – und zu denen gehört Simonet - haben es nicht einfach. Abzulesen ist dies nur schon an den Startintervallen.
Wenn am Samstag der Riesenslalom in Adelboden stattfindet, gibt es zwischen den ersten 30 Athleten jeweils 1 Minute und 40 Sekunden Pause. So bleibt genügend Zeit, um die Fahrten zu würdigen und am Fernsehen Wiederholungen einzublenden. Doch nach den ersten 30 Fahrern geht es auf einmal zackig. Dann werden die Athleten im 40-Sekunden-Takt das Chuenisbärgli runtergeschickt.
Der Europacup interessiert so gut wie niemand
Es klingt nicht so, als würde Livio Simonet mit dieser Zweitklassigkeit hadern. Er sagt nüchtern: «Im Skirennsport interessiert sich die breite Masse für die ersten 10, vielleicht 15 Fahrer. Nur schon der Europacup, der nicht einmal viel schlechter ist als der Weltcup, interessiert so gut wie niemand.» Noch schneller von der Bildfläche verschwinden Fahrer, die den zweiten Lauf verpassen. Simonet passierte das viermal in diesem Winter – bei vier Weltcup-Riesenslaloms.
Sichtbarkeit ist aber nicht bloss ein Selbstzweck, sondern sichert letztlich das sportliche Überleben. Athleten aus der zweiten Reihe brauchen Präsenz, um sich für Sponsoren zu empfehlen. Simonet sagt: «Ich muss jedes Jahr wieder schauen, dass es finanziell aufgeht. Ich bin um jeden Sponsor, den ich habe, dankbar.»
Im vergangenen Sommer musste er auf Sponsorensuche, weil ein langjähriges Engagement eines Partners endete. Während er sich mit dem Team in Argentinien auf die Saison vorbereitete, schrieb er gleichzeitig Firmen an, um einen neuen Kopfsponsor zu finden. Auf dem Kopf befindet sich bei Skirennfahrern die prominenteste Werbefläche.
Simonet verschickte ein umfassendes Dossier, in dem er seinen sportlichen Werdegang, seine Followerzahlen, seine Social-Media-Reichweite, seine Erfolge darlegte. «Du musst wirklich auf die Suche gehen», sagt er. «Es kommt niemand auf dich zu – ausser du heisst vielleicht Odermatt oder Meillard.»
Seine Frau erledigt die Büroarbeit
Er wurde schliesslich fündig. Simonet kam mit einer Immobilien-Firma in Kontakt, die in der Ostschweiz tätig ist und an einer Partnerschaft interessiert war. Und er hatte gar noch mehr Glück. Die Firma vermittelte wiederum einen Geschäftspartner, der Heizungen installiert und Simonet ebenfalls unterstützen wollte.
Eine Karriere im Skirennsport bringt auch viel Büroarbeit mit sich. Bis vor einem halben Jahr erledigte er den administrativen Teil allein. Dann übernahm seine Ehefrau das Büro, sie wird wiederum von einer Kollegin unterstützt. «Die beiden nehmen mir vieles ab, da bin ich sehr dankbar. Für mich ist der Büroaufwand mittlerweile überschaubar», sagt er.
Livio Simonet bleibt also genügend Zeit, um sich auf das Skifahren zu fokussieren. Es fehlen eigentlich nur noch die Resultate. In Adelboden will er in den zweiten Lauf kommen und Weltcup-Punkte einfahren. An dieser Hürde sind schon viel grössere Namen gescheitert. Sein Idol Ted Ligety verpasste 2021 am Chuenisbärgli gar zweimal den Cut. (riz/aargauerzeitung.ch)
